AKTUELLE AUSSTELLUNGEN

MONICA ROSS

Ghost in The Spinning Mill

17. September bis 18. Dezember 2022 

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Mit einer zusätzlichen Installation von / with an additional installation by Spiral Threads (Hanako Emden, Sophie Florian, Anja Kaiser)
in Zusammenarbeit / in cooperation with Lea Dippold & Nygel Panasco

English text below

DE Mit ihrer Performance „Ghost in the Spinning Mill“ (1985) erinnerte die britische Künstlerin Monica Ross (1950-2013) in einer verlassenen Spinnerei die Bewegungen und Klänge verschwundener Industriearbeit und würdigte die wenig beachtete Rolle von Arbeiterinnen und von körperlicher Arbeit in der zeitgenössischen Kunst. Diese Performance war Teil des Kunstprojektes „Triple Transformations“, das Ross gemeinschaftlich mit ihren Kolleginnen Shirley Cameron und Evelyn Silver für die ehemalige Industriestadt Rochdale entwickelt hatte.

Monica Ross begann ihre künstlerische Laufbahn mit feministischen Gemeinschaftsaktionen wie „Feministo: The Women’ Postal Art Event“ (1975-79) und „Fenix (also known as Phoenix)“ (1978-80), die den Widersprüchen zwischen den Rollen als Frau, Mutter und Künstlerin begegneten. Anfang der 1980er Jahre engagierte sie sich u.a. in der Gruppe Sister Seven gegen atomare Aufrüstung, wobei sie aufrüttelnde Multimedia-Performances wie „STOP she said“ (1982), „Seachange“ (1986) und „Like Gold in the Furnace“ (1987) entwickelte. Ihre Werke sind dabei von einem Bewusstsein für global wachsende Ungerechtigkeiten geprägt.

Im steten Dialog mit den Ideen und Texten des Philosophen Walter Benjamin nehmen in ihren Performances, Installationen und Textarbeiten medientheoretische und zeitliche Fragestellungen in den 1990er Jahren eine immer größere Rolle ein. Wie bedingt die Medienentwicklung Diktaturen und Kriege im 20. Jahrhundert? Welche Alternativen zum autoritären Mediengebrauch sind denkbar? Kann mit dem Mittel der Wiederholung dazu beigetragen werden, für feinste Nuancen zu sensibilisieren und Achtsamkeit für das eigene Umfeld zu verinnerlichen? Vor allem Benjamins Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936) war Grundlage für eine Reihe von Installationen und Performances. „This Is Not a Photograph“ (1990) handelt vom Widerspruch zwischen grenzenloser Verfügbarkeit von Informationen und gleichzeitigem Fortbestand von Ungerechtigkeit und Gewalt. Aufwändige Installationen wie „passage“ (1993) und „fall“ (1994) ließen das Publikum unwissentlich zur Hauptfigur werden. In Videoinstallationen wie „Iris“ (1998) und dem Netzkunstwerk „justfornow“ (2001-2004) verdichtete die Künstlerin Artefakte und Dokumente ihrer Performances. Ein denkwürdiger Besuch bei Raffaels „Sixtinischer Madonna“ in Dresden inspirierte Ross zu einer intensive Recherche zur Rezeptionsgeschichte des Renaissancegemälde und schließlich zum Künstlerinnenbuch „valentine“ (2000), in dem sich Lewis Carrolls’ Alice im Wunderland, Sigmund Freud, Ida Bauer, Lenin, Karl Marx und viele andere begegnen.

In ihrer letzten großen Performanceserie „Anniversary—an act of memory“ (2008-2013) machte Ross in der kollektiven Rezitation der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ aus dem Gedächtnis deutlich, dass diese keineswegs selbstverständlich, sondern verletzlich sind.

Diese Ausstellung zeigt zum ersten Mal Monica Ross’ Arbeiten umfassend in Deutschland.

Die Leipziger Künstlerinnengruppe Spiral Threads entwickelte für diese Ausstellung eine neue Arbeit als Antwort auf Monica Ross’ Text „History or Not“ (2000). In ihrer Wandarbeit „Now We Stand in a Crowded Gap“ (2022) knüpfen sie an die Rede von Ross an, die von dem Aktivismus und der Kunst von Feminist:innen im Großbritannien der 1970er erzählt. Die Künstlerinnengruppe folgte den Erzählungen und Forderungen von Ross und ihren Zeitgenoss:innen und spann weitere Erzählstränge und Kompliz:innen in ihr Netz ein. Dabei treten Bezüge zur verschütteten feministischen Geschichte ins Zentrum, die damals wie heute in das Partikulare und Private verdrängt werden. Der Titel dieser neuen Wandarbeit nimmt Bezug auf den unveröffentlichten Text „Those Who Were Not“ (2014) der Autorinnen Caroline Gausden und Alexandra Kokoli.

 

EN With her performance "Ghost in the Spinning Mill" (1985), British artist Monica Ross (1950-2013) recalled the motions and sounds of vanished industrial work in an abandoned spinning mill, paying tribute to the seldom-noticed role of female workers and physical work in contemporary art. This performance was part of the art project "Triple Transformations", which Ross had developed together with her colleagues Shirley Cameron and Evelyn Silver for the former industrial city of Rochdale.

Monica Ross began her artistic career with feminist community actions such as "Feministo: The Women's Postal Art Event" (1975-79) and "Fenix (also known as Phoenix)" (1978-80), which confronted the contradictions between the roles of wife, mother and artist. In the early 1980s, she became active against nuclear armament with the group Sister Seven, where she developed evocative multimedia performances such as "STOP she said" (1982), "Seachange" (1986) and "Like Gold in the Furnace" (1987). Her works are characterized by an awareness of globally growing injustices.

In constant dialogue with the ideas and texts of philosopher Walter Benjamin, media-theoretical and timely questions played an increasingly important role in her performances, installations and text works in the 1990s. How are dictatorships and wars in the 20th century contingent on the development of media? What alternatives to authoritarian use of media are conceivable? Can repetition be a means to help increase awareness of the finest nuances and internalize mindfulness for one's own environment? Benjamin's essay "The Work of Art in the Age of Mechanical Reproduction" (1936) in particular was the basis for a series of installations and performances. "This Is Not a Photograph" (1990) deals with the contradiction between the limitless availability of information and the simultaneous persistence of injustice and violence. Elaborate installations such as "passage" (1993) and "fall" (1994) unknowingly made the audience the main character. In video installations such as "Iris" (1998) and the net artwork "justfornow" (2001-2004), the artist condensed artifacts and documents from her performances. A memorable visit to Raphael's "Sistine Madonna" in Dresden inspired Ross to conduct intensive research on the history of the reception of Renaissance paintings and eventually to create the artist's book "valentine" (2000), in which Lewis Carroll's Alice in Wonderland, Sigmund Freud, Ida Bauer, Lenin, Karl Marx and many others meet.

In her last major performance series "Anniversary—an act of memory" (2008-2013), Ross made clear through the collective recitation of the "Universal Declaration of Human Rights" from memory that these rights are by no means self-evident, but vulnerable.

This exhibition is the first comprehensive showing of Monica Ross' works in Germany.

The Leipzig artists group Spiral Threads developed for this exhibition a new art piece in response to Monica Ross’s text “History or Not” (2000). Their wall piece “Now We Stand in a Crowded Gap” (2022) follows up on Ross’s speech, which recounts the activism and art of feminists in 1970s Britain. The artist group followed the narratives and demands of Ross and her contemporaries and spun other narrative threads and accomplices into their web. In doing so, references to buried feminist history emerge at the center that then, as now, are repressed into the particular and private. The title of this new wall piece refers to the unpublished text "Those Who Were Not" (2014) by the authors Caroline Gausden and Alexandra Kokoli.

In Kooperation mit // realized in collaboration with

Gefördert durch // funded by

STEFAN HURTIG

Human in The Loop

17. September bis 18. Dezember 2022

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English text below

DE Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt und uns. Doch werden wir frei sein, wenn Roboter und intelligente Computerprogramme unsere Aufgaben übernehmen? In der Videoinstallation „IDLE“ (2019) lässt der Medienkünstler Stefan Hurtig aus dem Off den Aufsatz „Die Faulheit als tatsächliche Wahrheit des Menschen“ (1921) des russischen Suprematisten Kasimir Malewitsch erklingen, während vor einer futuristischen Kulisse die Haushaltsroboter arbeiten und die Hauptfigur tanzt.

In seinen Videoinstallationen und Kunstobjekten setzt sich Stefan Hurtig mit der Rolle von Image und Identität in der immateriellen Arbeit auseinander. Er befragt die mediale Vorbildfunktion von Künstlern, Models, Start-Up-Unternehmen, Managementphilosophie und Fitness. Ästhetisch spielt Hurtig stets mit dem Kippmoment des Zeigens und Verbergens. In der Videoskulptur „Challenge (Leider kein Foto)“ (2012-14) wiederholt ein roter Mund Heidi Klums Mantra aus „Germany’s Next Topmodel“ an dem Modelträume platzten: „Heute leider kein Foto für dich.“ „Double Make-Up. Or: Faces in the Wild“ (2015) ist ein Remake der Videoperformances „Art Make-Up“ (1967/68) des US-amerikanischen Künstlers Bruce Nauman. Nach und nach verschwindet Hurtigs Antlitz in Illustrationen zu Gesichtserkennungstechnologien.

Das Individuum passt nicht zum Markt und zur Arbeitswelt, es muss sich dem Rhythmus der Arbeit und Maschinen anpassen. In einer Reihe von Arbeiten analysiert Hurtig die vielfältigen Techniken der nötigen Selbstoptimierung von Fitness über Selbstmanagement-Ratgeber bis Meditationstechniken. Die 3-Kanal-Videoinstallation „Bloom! Your Self Beautifully Enriched“ (2015–17) entwirft im Setting eines „Fun-Offices“ einen skeptischen Blick auf die Konjunktur des Kreativitätsbegriffs im Management. Auch im Video „HYPER“ (2015) werden Ratschläge für Kreativschaffende beim Trainieren im Fitnessstudio zitiert.

Wo beginnt bei der technologischen Optimierung des Menschen und bei der zunehmenden Intelligenz der Maschinen die Schwelle, die das Menschsein selbst in Frage stellt? Für die neue Arbeit „BREEDER“ (2022) trainierte Hurtig einen lernenden Algorithmus darauf, Bilder von ihm selbst in Yogapositionen zu generieren: In wieweit ist die intelligente Maschine dazu fähig, die Anatomie des Menschen und generell gesprochen uns Menschen zu verstehen? „CBRG.SPACE“ (2022) handelt von den Veränderungen der Biosphäre durch den Menschen und seine Technologien und verwandelt mit smarten Chips Kostüme in Träger virtueller Informationen. So entsteht ein mobiler Kommunikationsraum, der flexibel eingesetzt werden kann. Das Video zeigt den Performer Jan Jedenak in diesem Kostüm im Einsatz vor der brutalistischen Architektur eines ehemaligen Tierversuchslabor in Berlin.

Diese Ausstellung gibt einen Überblick über das recherchebasierte Schaffen des Leipziger Medienkünstlers Stefan Hurtig seit 2010 und zeigt vier Neuproduktionen.

 

EN Digitization changes the way we work, and it changes us. But when robots and intelligent computer programs do our work for us, will we be free? In the video installation “IDLE” (2019), media artist Stefan Hurtig has a voice-off read the essay “Laziness as the Truth of Mankind” (1921) by Russian Suprematist Kazimir Malevich, while domestic robots work and the main character dances on a futuristic set.

In his video installations and art objects, Hurtig addresses the role of image and identity in immaterial labor. He questions the prominent media status of artists, models, start-ups, management philosophy, and fitness. In aesthetic terms, he always plays with the switch between showing and hiding. In the video sculpture “Challenge (Sorry, no photo)” (2012-14), a red mouth repeats Heidi Klum’s dream-killing mantra from the talent show “Germany’s Next Top Model”: “Unfortunately, I don’t have a photograph for you today.” “Double Make-Up. Or: Faces in the Wild” (2015) is a remake of the video performance “Art Make-Up” (1967/68) by U.S. artist Bruce Nauman, with Hurtig’s face gradually disappearing in illustrations referencing facial recognition technologies.

The individual, incompatible with the market and the workplace, must adapt to the rhythm of labor and machines. In a series of works, Hurtig analyzes various techniques for the self-optimization this requires, from fitness to self-help to meditation. In the setting of a “fun office”, the three-channel video installation “Bloom! Your Self Beautifully Enriched” (2015–17) takes a skeptical look at the rise of the concept of creativity in management, while the video “HYPER” (2015) also quotes advice for creatives during a training session at the gym.

In the technological optimization of humans and the increasing intelligence of machines, where is the threshold beyond which humanity itself is called into question? For his new work “BREEDER” (2022), Hurtig trained a learning algorithm to generate pictures of him in yoga positions: to what extent is an intelligent machine capable of understanding human anatomy, and humans in general? “CBRG.SPACE” (2022) deals with changes to the biosphere caused by humankind and its technologies, using smart chips to transform outfits into bearers of virtual information, in turn creating a mobile communication space that can be used in different ways. The video shows the performer Jan Jedenak in such an outfit against the brutalist architecture of a former animal testing lab in Berlin.

This exhibition offers an overview of the Leipzig artist’s research-based practice since 2010, as well as four newly produced works.

 

Gefördert von // funded by