ÜBER DEN DILETTANTISMUS - FESTIVAL UND MESSE

Vom 9. bis zum 11. November fand in der HALLE 14 im Rahmen der Ausstellung „Über den Dilettantismus“ ein Festival der Dilettanten mit nationalen und internationalen Beiträgen aus bildender Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft statt.

Den Auftakt bildete am Freitagabend der vierte und letzte Teil der Konzertreihe „Der Dilettantismus und die Musik“, eine Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Taryn Knerr (Sopran) und Mi Na Park (Klavier) begeisterten mit Werken dilettierender Komponisten. Zuvor durfte das Publikum den britischen Künstler Rory Macbeth, der gleich mit mehreren Werken in der Ausstellung vertreten ist, in seiner Premiere am Klavier erleben. Zu hören gab es Beethovens Mondscheinsonate, erkannt haben dürften sie die wenigsten. Macbeth spielte nicht nach Partitur, sondern nach Youtube. Über Wochen hatte der Künstler sich das Video angesehen und alles für den großen Auftritt eingeübt, die Mimik, die Gestik, die Verve des Pianisten auf dem Bildschirm. „Wenn man etwas falsch genug macht, wird es richtig“, wird er später zitiert.

Am Sonnabend ging es mit einem Vortrag der ebenfalls in der Ausstellung vertretenen Künstler Adam Knight und Simone Bogner weiter, die ihre Arbeit über die „Friedrich Nietzsche Gedächtnishalle“ in Weimar vorstellten und anschließend mit über Fahrradstrom erzeugter Musik von „Strom ohne Ende“ und mit der OffenSiWe (Offene Siebdruckwerkstatt Leipzig). Der Künstler Thomas Thwaites (GB) referierte über die Herstellung seines Toasters Marke Eigenbau und am Abend machte sich ein ganzer Stadl auf die Suche nach dem größten aller Dilettanten – und wurde fündig. Eine stolze Gewinnerin und ein bestens gestimmtes Publikum konnten nach dem "Dilettantenstadl" mit Christoph Graebel und Claudius Nießen in die Nacht zum Sonntag entlassen werden.

Dieser begann mit einem gemeinsamen Frühstück, dem dritten Akt der Reihe „Ans Eingemachte!“ Endlich durfte verzehrt werden, was zuvor geerntet und eingekocht worden war. Der Gemeinschaftsgarten „Anna Linde“ und HALLE 14 luden zu einem gemütlichen Brunch ins Besucherzentrum. Dazu gab es Jazz der Freizeitmusiker „ISSDASJAZZ“. Ab Mittag war es dann vorbei mit der Gemütlichkeit, die Leutzscher Füchse zogen ein und versetzten alle in Ping-Pong-Laune. Peter Haakon Thompsons Arbeit „Ping Pong Diplomacy“ bot die Bühne für ein sich verständigendes Tischtennisturnier, in dem sich Profis und Dilettanten fast auf Augenhöhe begegneten.

Zum Ende des Festivals wurde eine zentrale Frage der Ausstellung nun auch aus historisch-kritischer Sicht beantwortet: Ja, ohne das „Laienhafte, Hobbymäßige, die Liebhaberei, das Ungelernte, Unstudierte und Autodidaktische“ sähe die Welt heute anders aus. Die radikale Trennung zwischen „Stümper“ und „Profi“, einst von Goethe und Schiller eingefordert, ging schon damals nicht auf. Beide Herren versuchten sich munter und unstudiert in fachfremden Gefilden, der eine als Zeichner und der andere als Philosoph. Jens-Fietje Dwars Vortrag über den „Dilettantismus der Klassiker“ bildete den offiziellen Abschluss des Festivals.

Mit einer Jazz Session, zu der das Green Fields Studio animierte, klang sie dann aus, die Hochphase des Dilettierens in der HALLE 14. Vielen Dank an alle Künstler, Kooperationspartner, Förderer und Unterstützer und alle Besucher, die dabei waren.

 

© Steinway & Sons

AUFTAKTKONZERT DER DILETTANTISMUS UND DIE MUSIK IV

Freitag, 9. November, 20 Uhr
Eintritt frei

Kammermusik mit Werken von Theodor W. Adorno, Arrigo Boito, Emmanuel Chabrier, Charlie Chaplin, Alma Mahler, Friedrich Nietzsche, Eric Satie

Nietzsche und Adorno waren bedeutende Philosophen, Charlie Chaplin beherrschte die Kunst der Komik und Emmanuel Chabrier war studierter Jurist. Sie alle waren wahre Experten ihres Fachs. Gleichzeitig haben sie, wie auch die anderen „nebenberuflichen Musiker“ des heutigen Abends, als Komponisten bedeutende Werke geschrieben und sich in dieser Disziplin als professionelle Dilettanten bewiesen. Eine Moderation führte durch die einstündige Vorführung und stellte die genialen Dilettanten vor.
Darüber hinaus dürfen wir eine Premiere erleben.

Der Künstler Rory Macbeth, zu sehen in der gleichnamigen Ausstellung, wird seine Interpretation der Kantante „Die Elenden sollen essen“ von Johann Sebastian Bach vortragen.

Musiker: Taryn Knerr (Sopran), Mi Na Park (Klavier)

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy” Leipzig.

 

Abb.: Über den Dilettantismus, Bilck in die Austellung, Foto: Claus Bach

KREATIVE SPINNER: GEMEINSAM DILETTIEREN

Interaktive Kurzführung durch die aktuelle Ausstellung für Großeltern und ihre Enkel

Sonnabend, 10. November, 11 Uhr

Die Künstler der Ausstellung „Über den Dilettantismus“ versuchen sich als Wissenschaftler, Übersetzer oder Erfinder, denn als Künstler genießen sie die Freiheit, einfach ausprobieren zu dürfen, was andere in langer und institutionalisierter Ausbildung lernen. Sie sind Dilettanten; leidenschaftlich, neugierig und kreativ. Wir luden alle Omas und Opas dazu ein, zusammen mit ihren Enkelkindern ebenso leidenschaftlich, neugierig und kreativ ans Werk zu gehen. Nach einer gemeinsamen, interaktiven Führung durch die Ausstellung in kunstwissenschaftlicher Begleitung konnten alle zu Kunstdilettanten werden.

Foto: Sören Zweininger

VOM NUTZEN UND NACHTHEIL DER HISTORIE FÜR DAS LEBEN

THE TRUTH(S) ABOUT NIETZSCHE MEMORIAL HALL

Sonnabend, 10. November, 11 Uhr
In englischer Sprache. Eintritt frei

Künstlergespräch mit Adam Knight (UK) und Simone Bogner (DE)

Das Dilettantische nutzt Adam Knight laut Selbstaussage als künstlerische Strategie: So kann er in Kooperationsprojekten einerseits Expertenwissen zu Rate zu ziehen, sich aber dennoch mit der Naivität des Berufsfernen einem Thema nähern und es mit freiem Blick erkunden. Eine Vorgehensweise, die sich in vielen seiner Arbeiten wiederfindet. Die in der Ausstellung „Über den Dilettantismus“ gezeigte Arbeit ist in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin Simone Bogner entstanden. Sie befasst sich mit der heute leerstehenden und fast vergessenen Nietzsche-Gedächtnishalle, die in den Jahren 1937 bis 1944 in Weimar errichtet wurde. Knight hat, basierend auf Bogners Forschungsergebnissen, eine raumgreifende Installation geschaffen, die die Geschichte der Halle plastisch veranschaulicht. Adam Knight und Simone Bogner werden eine Einführung in ihre Arbeit und in diese weitgehend unbekannte Geschichte nationalsozialistischer Architektur geben.

 

Foto: Sören Zweininger

STROM OHNE ENDE

KLANGEXPERIMENTE

Sonnabend, 10. November, 12 Uhr


Fahrradmusik zur Mittagszeit mit Thomas Becker, Tobias Schillinger, Matthias Uhlig und Vincent Weiß

Die Jungs von „Strom ohne Ende” sind erfinderisch und strampeln für die Musik. Bis zu 200 Watt Strom können sie mit ihren Modulen erzeugen. Bis zum nächsten Sommer sollten die Waden stramm genug sein, um in Leipziger Parks unabhängig von öffentlichem Stromnetz und Notaggregaten die Nächte zu Tagen zu machen. Zu unserem Festival brachten sie einige der Module mit und erfüllten das Besucherzentrum der HALLE 14 mit selbsterzeugten, elektronischen Klängen. Allerdings ist dabei die Unterstützung ihres Publikums gefragt. Fahrräder konnten angeschlossen und Frühstücke verbrannt werden.

 

Rory Macbeth, Die Elenden sollen essen, Performance vom 10. November 2012, Foto: Sören Zweininger

DIE ELENDEN SOLLEN ESSEN

Sonnabend, 10. November, 14 Uhr
In englischer Sprache. Eintritt frei

Performance und Künstlergespräch von und mit Rory Machbeth (GB) und Kurator Frank Motz

Der Künstler Rory Macbeth ist gleich mit mehreren Arbeiten in der Ausstellung „Über den Dilettantismus“ vertreten. Heute kommt er zu einem Künstlergespräch in die HALLE 14 und wird sich mit Kurator Frank Motz über sein Arbeiten und das Dasein als Dilettant austauschen. Außerdem dürfen wir Rory Macbeth am Flügel erleben. Gegeben wird „Die Elenden sollen essen“, eine Kantate von Johann Sebastian Bach, die der Komponist einst für seinen Amtsantritt als Kantor in Leipzig schrieb. Macbeths Interpretation soll nach eigener Aussage nicht nur anders, sondern auch noch bedeutender als das Werk des großen Meisters sein. Dem Künstler bereitete es in der Vergangenheit keine Schwierigkeiten, Kafkas „Verwandlung“ ins Englische zu übersetzen, ohne die deutsche Sprache zu beherrschen. Das Ergebnis, „The Wanderer“, gibt es in der Ausstellung zu entdecken. Gehen wir also davon aus, dass Macbeth sich auch der Bachschen Partitur auf eine sehr eigene Weise nähern wird.

 

Foto: Sören Zweininger

THE TOASTER PROJECT

OR A HEROIC ATTEMPT TO BUILD A SIMPLE ELECTRIC APPLIANCE FROM SCRATCH

Sonnabend, 10. November, 16 Uhr
In englischer Sprache. Eintritt frei

Ein Vortrag von Thomas Thwaites (UK)

Dass ein Großteil unserer Elektrogeräte heutzutage in China zusammengebaut wird, weiß man. Der Londoner Künstler Thomas Thwaites wollte mehr wissen: Wie machen die das? Neun Monate lang ging er den Geheimnissen des Innenlebens eines Toasters nach. Er baute ein herkömmliches Modell auseinander, bildete sämtliche Einzelteile in Eigenarbeit nach und setzte sie anschließend zusammen. Wie er legal an Nickel kam, ob BP ihn per Helikopter mit auf eine Plattform nahm, um ihn dort nach dem nötigen Erdöl für das Plastikgehäuse bohren zu lassen, und, vor allem, ob der Toaster am Ende funktionierte, wird er in diesem Vortrag verraten und das Buch zum Projekt vorstellen.

Foto: Sören Zweininger

DILETTANTENSTADL

Dilettieren, Dilatieren und Dilektieren

Sonnabend, 10. November, 20 Uhr
Eintritt frei

Die Show
 mit den Herrn Graebel und Nießen, 'ner Jury und dem Gnadenchor

Die Kandidaten der Show mussten unter den kritischen Augen des Publikums und einer vollkommen nutzlosen Jury in so unterschiedlichen Disziplinen von „Irgendwas Anfangen“ über „Leibesübungen“ bis „Heimwerken“ gegeneinander antreten. Gewonnen hat die- oder derjenige, der sich auf die schönste Art als Dilettant in allen Disziplinen erwies. Das Publikum entschied, wer am Ende den Hauptpreis von 99,99 Euro mit nach Hause nehmen durfte.

Musikalisch begleitet wurde diese Ouvertüre des Untergangs vom Dresdner Gnadenchor, der so heißt, worum das Publikum fleht. Versammelt sind dort so tonale Menschen wie bildende Künstler, Veranstaltungstechniker und Tischler. Männer, die gut aussehen und obendrein alles reparieren können, was sie nicht sollen, singen Volksweisen mit dilettantischer Inbrunst.

Über die Moderatoren muss kein Wort verloren werden. Nur so viel: Gemeinsam verfügen sie über insgesamt 63 Jahre Berufserfahrung im Dilettieren.

 

Foto: Sören Zweiniger

ANS EINGEMACHTE! VON BEEREN, BIRNEN UND BOHNEN

Eine Veranstaltung in drei Akten
(Akt III - Die Verköstigung)

Sonntag, 11. November, 11 Uhr
Eintritt frei

In Akt I wurden Gartenfrüchte gesammelt, in Akt II, in der Küche der Dilettanten, haben wir 55 Einmachgläser mit verschiedensten Leckerbissen gefüllt. In Akt III verspeisten wir unsere selbstgemachten Kreationen nun zusammen mit unseren Gästen und Kooperationspartner, dem Gemeinschaftsgarten „Annalinde“. Im Besucherzentrum reihten wir uns um eine große Tafel. Es durfte aus einem Sortiment an Marmeladen, Chutneys und herzhaft oder süß Eingelegtem gewählt werden.

Der Brunch wurde musikalisch von ISSDASSJAZZ! begleitet. Wann immer es die knapp bemessene Zeit des Berufslebens der Musiktherapeutin, der Erzieherin, der zwei Architekten und des Unternehmensberaters zulässt, finden sich die fünf zusammen, springen aus der engen Jacke des Arbeitsalltags und hinein in die weite Welt des Jazz. Als leidenschaftliche Amateure frönen sie lustvoll dem Dilettantismus.

Eine Kooperation mit dem Gemeinschaftsgarten „Annalinde“, einem Projekt der Initiative für zeitgenössische Stadtentwicklung.

 

Foto: Sören Zweininger

PING PONG DIPLOMACY

EIN TISCHTENNISTURNIER

Sonntag, 11. November, 13 Uhr
Eintritt frei

Dilettanten-Tischtennis unter professioneller Anleitung – Training und Turnier mit den „Leutzscher Füchsen“

Zur „Ping Pong Diplomacy“ wurde der Künstler Peter Haakon Thompson von einer Reise des US-amerikanischen Tischtennisteams 1971 durch China inspiriert. Die Profis agierten als Amateurdiplomaten und halfen, die Beziehungen zwischen beiden Ländern aufzutauen. In seinem Projekt benutzt Thompson sein eigenes Hobby als Mittel der Kunstproduktion, um die Welt des Tischtennis mit jener der Kunst zu verbinden. Mittels offener Workshops und Spielstunden entwickelt er neue Beziehungen mit und zwischen Kunst- und Tischtennisenthusiasten. Zum Festival der Dilettanten waren die Tischtennisprofis des Leipziger Vereins „Leutzscher Füchse“ eingeladen. Sie gaben allen versammelten Tischtennis-Dilettanten Training, für die Kleinsten unter ihnen stand eigens eine Kinderplatte zur Verfügung. Im anschließenden Turnier wurden neue Bande geknüpft – Amateure gegen Profis, Sport im Dienste der Diplomatie in der HALLE 14.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Tischtennisverein Leutzscher Füchse 1990 e.V.

 

Foto: Sören Zweininger

AVANTI DILETTANTI

Der Dilettantismus der Klassiker

Sonntag, 11. November, 16 Uhr
Eintritt frei

Ein Vortrag von Jens-Fietje Dwars

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Sollte das nicht auch für die Anti-Dilettanten Goethe und Schiller zutreffen? Höchste Zeit, ein Loblied auf den Dilettantismus der Klassiker zu singen. Goethe hielt sich für einen geborenen Zeichner und Schiller wollte Philosoph sein. Beide haben das, was sie für ihre eigentliche Begabung hielten, nie studiert. Und war Goethe nicht eher ein Universal-Dilettant als das vermeintlich letzte Universal-Genie? Und doch hatten sie gute Gründe, mit dem Dilettantismus ins Gericht zu gehen. Denn in der Kunst wie in der Liebe lodert die Flamme der Leidenschaft zu Beginn am heftigsten, aber durchaus nicht hell und rein. Ohne die dilettantische Lust an der Nachahmung, am Sich-Ausprobieren gäbe es keine Kunst. Doch auf Dauer trägt diese Liebelei nicht, bleibt sie unfruchtbar. Der Vortrag fragt nach den gelebten Hintergründen für den Anti-Dilettantismus der Klassiker.

 

© The Green Fields Studio

THE GREEN FIELDS STUDIO

Sonntag, 11. November, 17 Uhr
Eintritt frei

Jam Session für alle - Profis und Dilettanten

The Green Fields Studio in der Lützner Straße in Lindenau veranstaltet im zweiwöchentlichen Rhythmus Jam Sessions. Zum Ausklang des Festivals gab das Studio eine Session im Besucherzentrum der HALLE 14. Musikliebhaber, Enthusiasten, Neulinge – alle waren geladen, musikalisch zu experimentieren. Gitarre, Schlagzeug, Trompete und viele weitere Instrumente stehen bereit.

 

Festival und Messe finden im Rahmen der Ausstellung Über den Dilettantismus statt und werden gefördert durch