Aus der Kulturgeschichte des Lachens
Vortrag von Rainer Stollmann (Kulturwissenschaftler, Bremen)
Mittwoch, 14. Mai 2014, 20 Uhr
„Worüber du lachst, dem wirst du dienen.“ (Russ. Sprichwort)

  

 

Lachen ist eine anthropologische Konstante: Menschen aller Hautfarben lachen. Und Tiere? Hundebesitzer bejahen das. Wie alt ist das Lachen? Mindestens acht Millionen Jahre, denn schon der Vorfahr von Mensch und Affe lachte. Lachen ist älter als der aufrechte Gang, die Sprache, die Gehirnentwicklung und der Werkzeuggebrauch. Und wozu ist diese seltsame Eigenschaft, die aussieht wie ein epileptischer Anfall, der Spaß macht, in der Evolution nützlich? Säugetiermütter erleichtern ihren Kindern den Weg in die Selbständigkeit durch Kitzeln. So wird Trennungsangst in Trennungslust umgewandelt. Lachlust wäre damit das Gegenteil von sexueller Vereinigungslust.

In jedem Lachen steckt etwas von dieser ursprünglichen Wurzel, jeder, der uns zum Lachen bringt, kitzelt uns. Denn der Mensch ist eine Zwiebel. Er wohnt in individuellen, familiären, gesellschaftlichen, politischen, religiösen Häuten, die alle ihre schwachen Stellen haben. Auf dem Planeten wird einheitlich gelacht, aber unterschiedlich gekitzelt. Bauern haben andere Häute als Städter: Einen Witz hätte ein Bewohner des 14. Jahrhunderts nicht verstanden, wir aber verstehen heute das Groteske nicht mehr. Das ist der Unterschied zwischen dem Lachen vor und nach der Aufklärung. Im katholischen Mittelalter galt Lachen als Sache des Teufels, denn Jesus hat angeblich nie gelacht.

Dagegen heißt es in einem alten Weltschöpfungstraktat aus dem dritten Jahrhundert vor Christus: „Siebenmal lachte Gott und auf sein Lachen wurden die sieben weltumfassenden Götter geboren. Beim siebenten Male lachte er Freudentränen, und geboren ward Psyche.“ Das ist der bäuerliche Optimismus, der in der neolithischen Revolution (vor 12.000 Jahren) geboren wird und der als Emanzipationsorgan nicht das Denken, die Vernunft, sondern das Lachen besitzt. Starken Ausdruck findet diese Haltung bei Rabelais, aber auch z.B. in den Märchen, die eigentlich Lachgeschichten sind. In der Moderne dringt dann die Vernunft ins „gros rire“ und zersetzt es. Trotzdem ist es, wie die von Mund zu Mund laufenden Witze in autoritären Verhältnisse zeigen, nicht beherrschbar.