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Stipendium 2012: Christian-Gottlieb-Priber-Reisestipendium

Abb.: Emily Bryant auf den letzten Meilen des Unicoi Turnpike, wo Priber einst zu den Cherokee zog, 2012

Stipendiaten: Emily Bryant & Michael Townsend (US)

Im Rahmen der Ausstellung „Mit krimineller Energie“ (25. August — 18. November 2012) wurde von der HALLE 14 im Mai 2012 das Christian-Gottlieb-Priber-Reisestipendium ausgeschrieben. Künstler weltweit waren eingeladen, sich bis zum 22. Juni 2012 mit einer Projektidee zu bewerben, wie sie auf einer Reise den Spuren des sächsischen Frühaufklärers Christian Gottlieb Priber auf seinen Lebensstationen Zittau (Deutschland), London (Großbritannien), Charleston, dem ehemaligen Cherokee-Gebiet in Tennessee sowie Fort Frederica auf der Insel St. Simons (heutige USA) folgen würden. Der „Open Call“ wurde weltweit an circa 500 Kunstexperten mit der Bitte versandt, ihn an infrage kommende Künstler weiterzuleiten. 38 Bewerbungen aus 19 Ländern trafen ein. 

Eine Kunstfachjury, der die Künstlerin Antje Schiffers (Berlin, DE), die Autorin des Buches „Pribers Paradies“ Ursula Naumann (Baiersdorf, DE) und der Kurator der Ausstellung Frank Motz (Weimar, DE) angehörten, bestimmte am 1. Juli 2012 ihren Favoriten: ein US-amerikanisches Duo aus der Historikerin Emily Bryant und dem Künstler Michael Townsend aus Providence, Rhode Island. Das Ziel des Künstlerduos war es, eine neue Version von „Kingdom Paradise“, Pribers verlorenem Manuskript, in dem er seine Vision einer gerechten Gesellschaft darlegte, zu schreiben. Sie wollten den Inhalt der verschollenen Utopie in Äußerungen der Menschen wieder finden, die sich im Moment an den Orten aufhalten, die Priber während seiner Suche nach dem Paradies besuchte.

Abb.: Emily Bryant & Michael Townsend, Captured in Paradise, Tape-Art-Wandbild, ACC Galerie Weimar, 2012

Emily Bryant & Michael Townsend (US)

Im August 2012 begaben sich Bryant und Townsend auf Spurensuche im sächsischen Zittau sowie in Görlitz und Bautzen. Das Ergebnis dieser Recherche war das Wandbild „Captured in Paradise“ aus Spezialklebeband, das als „Tape Art“ Teil der zweiten Station der Ausstellung „Mit krimineller Energie“ der ACC Galerie Weimar war. Anschließend reiste das Duo durch die Südstaaten der USA, es recherchierte in zahlreichen lokalen Museen und begab sich auf Jahrtausende alte Pfade der Cherokee.

Um Ideen der Menschen zu Utopien zu sammeln, nutzten Bryant und Townsend eine Vielfalt an Methoden. Sie errichten „Paradieszonen“ auf öffentlichen Plätzen, schafften kollektive Priber-Erinnerungswandbilder aus Spezialklebeband und hielten informelle Bildungsrunden über Pribers Leben ab. Die Dokumente dieser Aktionen bilden die Grundlage für eine Fortsetzungsversion von „Kingdom Paradise“.

Beide Stipendiaten hatten bereits vor ihrer Christian-Gottlieb-Priber-Reise in den Südstaaten gelebt und gearbeitet. Aus dieser Erfahrung heraus erscheint ihnen die Idee, eine Utopie in Alabama zu etablieren, undenkbar. „Alabama ist heute eine statistische Dystopie“, schreibt Emily Bryant. Das Bildungsniveau ist eines der niedrigsten in den Staaten. Hohe Kindersterblichkeit und Fettleibigkeit der Einwohner prägen einen der ärmsten Bundesstaaten der USA. Doch Bryant zeigt sich fasziniert von Pribers schrankenlosem Optimismus und unwahrscheinlichem Aktionsdrang. Sie sieht in seiner Reise „unglaubliche Möglichkeiten, etwas über unsere eigenen Hoffnungen und Träume zu lernen“.

Michael Townsend ist immer wieder fasziniert von historischen Figuren, die im Alleingang durch Handlungen, die als verboten oder irrsinnig erachtet wurden, ihre moralistischen Visionen verfolgt haben, um eine eigene Gesellschaft zu begründen. Er selbst hatte mit seiner Gruppe Trummerkind vor Jahren versucht, ein „Paradies“ im Herzen eines kommerziellen Sehnsuchtsraums, einer Shopping Mall, zu schaffen. Wie bei Priber endete auch dieses soziale Experiment in Haft.

Bryant und Townsend haben bereits in dem Projekt „375 Jahre Roger Williams“ im Rahmen der 375-Jahrfeier ihrer Heimatstadt Providence zusammengearbeitet. In dem „utopischen Rebellen“ Roger Williams hätte Christian Gottlieb Priber wohl einen wahren Freund gefunden. Bereits 100 Jahre vor Priber siedelte Williams harmonisch unter den Narrangansett-Indianern auf Rhode Island, wo er bald die Stadt Providence unter den Prinzipien der religiösen Freiheit und universellen Toleranz gründete. Dieser radikale Denker ist der Architekt der ersten Verbesserungsbestrebungen in den Vereinigten Staaten und die Auswirkungen seiner standhaften Vision sind bis heute weltweit spürbar. Anders als bei Priber sind Williams Gedanken, Bemühungen und Folgen gut dokumentiert. Welche Spuren Bryant und Townsend von Pribers Träumen auf ihrer Reise zusammentragen, wird sich zeigen, wenn das „Kingdom Paradise 2012“ vollendet ist.