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Stipendium 2011: What happened to God?

Stipendiaten: Chan Sook Choi (KR/DE) [1], Txema Novelo (MX) [2]

Im April 2011 startete die erste öffentliche Ausschreibung des internationalen Stipendienprogramms der HALLE 14. Im Zusammenhang mit der Ausstellung „What happened to God? [3]“ (3. März bis 1. April 2012) stellte die Ausschreibung Fragen nach der Rolle Gottes in Bezug auf das Leid in der Welt und insbesondere bei den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, nach den Sehnsüchten von Gläubigen wie Atheisten und nach dem Selbstverständnis der Künstler dabei, dem eigenen wie anderen Leben Inhalt zu geben. Die öffentliche Ausschreibung wurde zur Weiterempfehlung an 500 internationale Kuratoren, Direktoren von Kunstinstitutionen, Kunstkritiker und Künstler versandt. Zum Ende der Bewerbungsfrist am 20. Mai 2011 lagen der HALLE 14 148 Bewerbungen aus 39 Ländern vor. Aus diesen wählte die dreiköpfige unabhängige Expertenjury, bestehend aus der Künstlerin Cristina Lucas (Madrid, Spanien), dem Kunstkritiker und Kurator Peter Herbstreuth (Berlin, Deutschland) und dem Direktor der Kunsthalle Erfurt Kai-Uwe Schierz (Erfurt, Deutschland), am 25. Mai 2011 zwei Stipendiaten aus.

 

Ihre Wahl fiel auf die koreanische Künstlerin Chan Sook Choi und den mexikanischen Künstler Txema Novelo. Beide Stipendiaten wohnten und arbeiteten von Juli bis September 2011 in Leipzig und realisierten hier ihre Projektideen zu dem Thema „What happend to God?“. Ihre Ergebnisse wurden zusammen mit den Arbeiten von 13 weiteren internationalen Künstlern in der „What happend to God?“-Ausstellung gezeigt. Teil des Programms war außerdem der Europäische Künstlerworkshop [4] (13. bis 28. November 2011) mit sieben Stipendiaten der drei Partnerorganisationen, WIELS – Zentrum für zeitgenössische Kunst Brüssel (BE), MAUMAUS – Schule für bildende Kunst Lissabon (PT) und HALLE 14.

Chan Sook Choi (KR/DE)

Die koreanische Medienkünstlerin Chan Sook Choi wurde 1977 in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul geboren, lebt und arbeitet allerdings seit 2002 in Berlin. Sie interessiert sich für eine interdisziplinäre Verbindung von klassischen und zeitgenössischen Kunstformen aus Musik, Performance, Literatur und Dokumentation.

 

Während ihrem Stipendienaufenthalt in Leipzig begann sie das Rechercheprojekt „FOR GOTT EN“, in dem sie uralte und immer wiederkehrende Fragen des Zweifels am Glauben neustellt: Warum schweigt Gott? Wie kann Gott gleichzeitig gütig sein und doch soviel Leid zulassen? Das alttestamentarische Buch Habakuk und C. S. Lewis’ Essay „Über menschliche Trauer“ waren Choi Anregung und Referenz. Auf der Suche nach sehr persönlichen Antworten interviewte die Künstlerin fünf ältere Damen im Alter zwischen Ende 60 bis Mitte 90. Auf einer von der Künstlerin entworfenen Sänfte mit dem Titel „Dein Auge ist ein Fenster deines Körpers“ lud sie die Frauen zu einer Reise in ihre Lebenserinnerungen ein. Dieses historische Vehikel für Würdenträger symbolisiert Chois Wertschätzung ihrer Protagonistinnen. Die Frauen nahmen in diesem Tragesessel Platz, um dort eigenen Worten und Bildern aus ihrer Vergangenheit zu begegnen. Diesen Erinnerungsprozess schnitt die Künstlerin mit der Kamera mit und so entstand aus dem Videomaterial ein Parallel-Porträt. Diese Mixed-Media-Installation wurde durch ein Buch erweitert, das einerseits den Werdegang des Projektes dokumentiert und es andererseits durch weitere Perspektiven vervollständigt. Hier kommen Personen zu Wort, die die Künstlerin bei der Recherche begleiteten. Sänfte, Videos, Buch und Wandtexte führen einen Dialog über Glauben und Zweifel, Vergessen und Trauer. Die Frage, was es bedeutet, vergessen zu werden, wiederholt sich, da sie selbst immer wieder vergessen werde, so Choi. Die Installation „FOR GOTT EN“ wurde nach Leipzig in Weimar, Mailand, Berlin, Seoul und Chang Won in Südkorea präsentiert.

Txema Novelo (MX)

Für den 1982 in Mexiko-Stadt geborenen Künstler Txema Novelo ist Kunst eine Form von Einfühlung, die es den Menschen erlaubt, sich mit dem Göttlichen eins zu fühlen. Um diese Einheit mit Gott zu erlangen, arbeitet er in seiner Kunst an einer Verbindung von Rock ‘n Roll und Mystizismus, Pop und Christentum. Txema Novelo bezeichnet sich als Phristen, eine Parallelform zum Pop-Okkultismus des Skandalkünstlers und Miterfinders der Industrialmusik Genesis P. Orridges. Ein Phrist ist nicht gleichzusetzen mit einem Pop-Christen, aber eine Person, die spirituelle Elemente in menschlichen Schöpfungen als Teil des Göttlichen sieht. Novelo glaubt fest daran, dass Rock ’n’ Roll und Kunst Formen jener Intuition sind, die uns Menschen – wenn auch nur für den Moment – eins mit Gott sein lassen. Das Universum des mexikanischen Künstlers bewegt sich zwischen Filmen, Schallplattencover, alten und neuen Mythen. Seine Gedankenwelt steht im Dialog mit unterschiedlichen Personen wie dem Philosophen Giordano Bruno, der 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete, der walisischen Rosenkreuzerin Dion Fortune, dem Künstler Joseph Beuys, den Popmusikern David Bowie und Nick Cave, um nur einige zu nennen. Während Novelos Stipendium in Leipzig entstand die nach der Single der Band The Smiths benannte Broschüre »There‘s a Light That Never Goes Out« (2011) – ein assoziativer Streifzug durch die Mystizismen der Popkultur in vier Kapiteln (1. Exodus (Ham), 2. Pendulum (Shem), 3. Magick Dance (Japheth), 4. Haile Selassie (Power of the Trinity)) mit Epilog (After a Flood). Quasi als Verdichtung endet jedes Kapitel mit einer Konzeptinstallation, die Novelo im Sommer 2011 in der HALLE 14 realisierte. Als Epilog verneigte sich der Künstler vor Nietzsches Grab in Röcken mit der Sonic-Youth-Platte »Kill your Idols« als Opfergabe und vor der letzten Ruhestätte der Sängerin Nico mit der Velvet-Underground-Bootlegplatte »Praise Ye The Lord!« am Rande von Berlin.

Europäischer Künstleraustauschworkshop

Europäischer Künstleraustauschworkshop Teilnehmer: Chan Sook Choi, Sara Deraedt, Eja Deveckova, Laurent Dupont-Garitte, Maartje Fliervoet, Ei Ei Kyaw, Nikolai Nekh Abschluss und Höhepunkt des Stipendienprogramms 2011 war ein europäischer Künstleraustauschworkshop (13. - 28. November 2011), in dem sich sieben Künstler sowie der Jesuit und Kurator Friedhelm Mennekes der Frage widmeten, was eigentlich mit Gott passiert ist. Dieser Workshop war bereits die dritte Auflage des Residency-Exchange-Programms (REX), das seit 2009 als Kooperationsprojekt des Zentrums für zeitgenössische Kunst Wiels (Brüssel, BE), der Schule für bildende Kunst Maumaus (Lissabon, PT) und der HALLE 14 (Leipzig, DE) veranstaltet und von der Allianz Kulturstiftung gefördert wird. Ziel ist es, die Stipendiaten der beteiligten Institutionen zusammen und in künstlerische Dialoge zu bringen.

 

Auf dem Programm standen Besuche der Max-Beckmann-Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig, der Freizeitwelt Tropical Islands in Krausnick als vermeintliches Paradies, der Gläsernen Manufaktur in Dresden als idealer Arbeits- und Konsumwelt, der Ausstellung „Himmlischer Glanz“ in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, des Panoramabildes Amazonien im Asisi-Panometer Leipzig und des Bauernkriegspanoramas von Werner Tübke in Bad Frankenhausen. Ein zweitägiger Ausflug nach Frankfurt am Main mit Aufenthalt im Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen und Werksführungen bei Porsche und BMW waren ebenfalls Teil des Programms.