Forensic Imagination: Film & Gespräch mit Susan Schuppli

 

19. Februar 2015, 19 Uhr


Im Rahmen unserer Ausstellung RE (CLAIM VIEW DRAW) lud HALLE 14 zum Filmgespräch mit der Künstlerin und Forscherin SUSAN SCHUPPLI (Centre of Research Architecture, Goldsmiths University of London). Zu sehen war Schupplis Essayfilm „Material Witness” aus dem Jahr 2014, in welchem Kriegsverbrechen in Sri Lanka und Izbica, Kosovo, untersucht und einander experimentell gegenüber gestellt wurden. Mit wissenschaftlichen Methoden, dokumentarischem Material und künstlerischen Mitteln begibt sich Susan Schuppli im Film auf Spurensuche entlang der Grenzlinien von Echtheit und Interpretierbarkeit ihres Materials, um zu erkunden, was dieses über Orte und deren Geschichte preisgeben kann. Schupplis Reflexionen über Bildmaterialien als Zeugnisse von Geschehnissen erweitern das Spektrum von Samir Harbs und Danny Wagners Positionen, die in RE (CLAIM VIEW DRAW) gezeigt wurden. Beide Künstler beschäftigten sich mit Fragen der Narrativität in geografisch und politisch geformten urbanen und unbewohnten Räumen sowie deren Wahrnehmung und Darstellung durch medial vermittelte Bilder.

Susan Schuppli ist Künstlerin, Autorin, Filmemacherin, promovierte Kulturwissenschaftlerin, Forscherin und, genau genommen, auch Kriminologin. Als eine führende Kraft im Forschungsprojekt „Forensic Architecture” am Centre of Research Architecture der Goldsmiths University London, beschäftigt sie sich damit, wie man die Historizität bestimmter Orte mithilfe verschiedener bildgenerierender Verfahren und Technologien rekonstruieren kann. Im Zentrum der Untersuchungen stehen solche Orte, an denen sich einst größere Gewaltverbrechen ereignet haben, aber kaum noch etwas von diesen zeugt. Bei der „forensischen Architektur” geht es daher um Methoden der Sichtbarmachung solcher Verbrechen, um eine  Beweisfindung für Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Massakern. Das stark transdisiplinär arbeitende Team der Londoner Forensiker nutzt hierfür sowohl wissenschaftliche, als auch künstlerische Techniken und Ansätze: eine Analyse von Satellitenaufnahmen, GPS oder Radarbildern wird mit filmischem Material wie Footage, Dokumentar-aufnahmen und Fotografien sowie mit Kartografien von Gebäuden und Gelände kombiniert. Mit ihren eindrucksvollen Ergebnissen konnten die Forscher schon mehrfach Menschenrechtsorganisationen oder die Vereinten Nationen bei der Anklage und Überführung von Kriegsverbrechern unterstützen.

Für ihren Essayfilm „Material Witness” (2014, 40:12 Minuten, Sprache: Englisch) nutzte Susan Schuppli ebensolches Material, das Zeugnis ablegen kann für das Vergangene, das nicht mehr Sichtbare, das aber selbst erst einmal gesichtet und sichtbar gemacht werden muss. Hier setzt ihr künstlerischer Prozess an: Es geht ihr bei der Gegenüberstellung der beiden Verbrechensorte in Sri Lanka und im Kosovo weniger um eine Offenlegung der dort geschehenen Greueltaten oder um den Anspruch einer authentischen Nacherzählung. Vielmehr handelt es sich in Susan Schupplis experimenteller Dokumentation um eine Reflexion über die Frage, wie Geschehenes – als manifestierbares Wissen und Erinnern – durch diverse Medien überhaupt fixiert, zugänglich und lesbar gemacht werden kann. Was Schuppli dabei interessiert, ist die Wesenhaftigkeit des Materials selbst, das als technisches Hilfsmittel zwar als Zeuge von Geschehnissen fungieren kann, gleichzeitig jedoch begrenzt in seiner Aussage-kraft ist und zudem einer eigenen Logik und Ästhetik unterliegt. Denn das verschiedene Material liefert letztlich »nur« Daten; erst durch Aufbereitung, Dekodierung und Interpretation werden diese zu Bedeutungsinhalten, Bildern und Beweisen verdichtet. Diese Fragen behandelt Susan Schuppli auch intensiv in ihrem Buch »Forensic Media & the Production of Evidence«, das in diesem Jahr erscheinen wird.

Im Anschluss an die Vorführung von „Material Witness” gab Susan Schuppli im Gespräch mit dem Publikum Auskunft geben über ihre spezifische Arbeitsweise mit bildgebenden Materialien und den technischen wie künstlerischen Möglichkeiten einer (Re-)Konstruktion kognitiver Landkarten, welche die Wahrnehmung sozialer, geografischer, politischer und letztlich historischer Szenarien entscheidend prägen und beeinflussen können.