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JESSE ARON GREEN: ÄRZTLICHE ZIMMERGYMNASTIK

Eine Installation mit Leseperformance

11. September bis 10. Oktober 2010

Gastkuratorin: Doreen Mende 

For English information please click here! [1]


11. und 12. September 2010
Videoinstallation im 1. OG der HALL E 14

11. September 2010
16 Uhr: Leseperformance mit Jesse Aron Green im Schrebergarten Nr. 9 + 10, gegenüber des Eingangs der Baumwollspinnerei
17 Uhr:
Gespräch mit Jesse Aron Green im Besucherzentrum der HALLE 14

Ausgangspunkt für die Installation „Ärztliche Zimmergymnastik” des US-amerikanischen Künstlers Jesse Aron Green ist der gleichnamige Buch-Bestseller des Leipziger Arztes Dr. Moritz Schreber mit dem Untertitel „System der ohne Gerät und Beistand überall ausführbaren heilgymnastischen Freiübungen als Mittel der Gesundheit und Lebenstüchtigkeit für beide Geschlechter, jedes Alter und alle Gebrauchszwecke”. Nachdem die Installation auf der Whitney Biennale in New York und in der Tate Modern in London zu sehen war, bezieht die Installation in der HALLE 14 der Leipziger Baumwollspinnerei mit einer Leseperformance in den angrenzenden Schrebergärten die historischen Spuren von Schrebers Wirkungsstätte mit ein.

Bereits 1855 erschienen ist Schrebers Publikation ein Vorbote einer westlichen Moderne, die durch die Züchtigung von Geist und Körper den Menschen auf die spätere Industrialisierung von Arbeit (Fließband) und Freizeit (Werbung) vorbereitete. Der Begriff der Volksgesundheit schloss bei Schreber auch den Gedanken an „gesunde Triebabfuhr” mit ein, die sexuelles Verlangen unterbinden sollte, wenn sie nicht der aufgestellten ärztlichen Norm folgte. Die Klassifizierung des Menschen hat jedoch einen Standard zur Folge, der die menschliche Existenz in Kategorien wie ‚normal’ und ‚anormal’ erst bezeichnen kann. Beeinflusst von Minimalismus, Strukturalismus im Film und Concept Art arbeitet Jesse Aron Green an den Widersprüchen der westlichen Moderne: In ihrer Blüte Anfang des 20. Jahrhunderts brachte sie einerseits Reformbewegung und Psychoanalyse hervor, aber führte andererseits zu bürokratischen Bestimmungen von Sexualität bis zu gesellschaftlichen Katastrophen wie Krieg und Kolonialismus. Bis heute haben westliche Standards verheerende globale Wirkungen zur Folge und zeigen eine uniformierende wie aufklärende Kraft im Individuellen.

Ende des 19. Jahrhunderts gebaut ist die Leipziger Baumwollspinnerei eine prototypisches Beispiel für ein Gesamtkonzept, mit welchem Arbeit, städtisches Wohnen und Freizeit sowohl verbessert als auch reguliert und normiert wurden. Man stelle sich einen Arbeiter in den Produktionshallen der Spinnerei vor, der vor oder nach der Arbeit seinen „heilgymnastischen Freiübungen” im Wohnzimmer oder im Garten nachgeht. Die Installation von Jesse Aron Green demonstriert weder Widerstand noch Unterwerfung. Die Performer in der großformatigen HD-Videoinstallation brechen aus dem festgelegten Raster aus, um wieder einzutreten und es erneut zu verlassen. In Bezug auf den Konzeptkünstler Sol LeWitt sieht man im Video, dass Green den Raum durch quadratische Bodenskulpturen gliedert, die gleichzeitig eine individuelle Bühne für den einzelnen Performer markieren. Diese Gliederung setzt sich im Raum der Installation fort durch kubische Skulpturen. Während die Kuben als Sitzgelegenheit dienen, stellen sie eine Beziehung her zwischen dem Betrachter und dem Performer der Übungen.

Weder das Schreber-Buch noch Sol LeWitts konzeptuellen Minimalismus betrachtet Green als Historiker. Er konfrontiert sich selbst und uns als Betrachter mit Standards einer Vergangenheit, die bis in unsere Gegenwart wirken. Besonders am Ort der Baumwollspinnerei wird die Manifestation gesellschaftlicher Strukturen durch (Industrie-)Architektur sichtbar. Obgleich die Spinnerei nicht mehr Baumwolle produziert, führt uns die Installation Ärztliche Zimmergymnastik in der HALLE 14 unsere kontinuierlich verinnerlichte Kooperation mit industriellen und kulturellen Normen vor Augen. Heute entspringen sie jenen des Kapitalismus.

(Text: Doreen Mende, August 2010)

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