[ Drucken ] [ Fenster schließen ]

CAPITALIST MELANCHOLIA

30. April bis 7. August 2016

For English Information click here
 [1]

Zum 360° Panorama der Ausstellung [2]


Gregory Barsamian, Stefan Brüggemann, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova, CHTO, Jeannette Ehlers, Famed, Rumiko Hagiwara, David Maisel, Álvaro Martínez Alonso, Guido van der Werve

Kuratiert von Michael Arzt, François Cusset und Camille De Toledo

Das aktuelle Ausmaß individueller, kollektiver, ideeller, ökologischer, ökonomischer Erschöpfung und Verausgabung begründet eine besondere Form der Melancholie des 21. Jahrhunderts. Sie ist das Resultat der Unfähigkeit, zwischen Wirtschaft und Politik unterscheiden zu können. Die Beseitigung der öffentlichen Sphäre, die Deregulierung der Märkte und tiefe Einschnitte ins Sozialsystem gelten seit Jahrzehnten als ökonomische Allheilmittel. Dieser Deregulierung der Märkte entspricht die Deregulierung des Lebens. Eine leerlaufende Ökonomie des Begehrens treibt die Erschöpfung des Lebens und die Vergeudung der Ressourcen voran.

Die Ausbeutung der Erde, die Erwärmung der Atmosphäre, die Überbevölkerung und die unübersehbaren Folgen der »Neuen Weltunordnung« wie Hunger, Armut, Flüchtlingswellen, Bürgerkriege, Terror scheinen unaufhaltbar. Angesichts einer hyperventilierenden Gegenwart ist die gestaltbare Zukunft, die Möglichkeit zur Geschichte undenkbar geworden.

Für Sigmund Freud ist die »tiefe schmerzliche Verstimmung« der Melancholie geprägt durch »eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt« und den »Verlust der Liebesfähigkeit«. In der Romantik galt der nachdenkliche Schwermut und der schwärmerische Idealismus der Melancholiker noch als göttlicher Wahnsinn der schöpferisch Tätigen.

Die Kunstwerke der Ausstellung und das Symposium »A Government of Times« [3] luden zum Innehalten, Neuverorten und Überdenken ein und stellten Fragen nach politischer Fantasie und einer anderen Form der Beschleunigung - einem navigatorisch-experimentellen Prozess der Entdeckung eines universellen Raums von Möglichkeiten.

In Kooperation mit MITTEL-EUROPA - Art narrative of 21st century Europe.

Über die Künstler

Gregory Barsamian

gelingt mit Vorläufern der Kinotechnik die Verbindung von Statik und Bewegung in seinen Skulpturen. Auf einem rotierenden Sägeblatt laufen zahlreiche »Runner« (2008): Ihre Eile hat offensichtlich kein anderes Ziel als Schritt zu halten mit dem Tempo.

Stefan Brüggemann

entwirft überdimensionale Textarbeiten, die ihre poetische Kraft in ihrer Einfachheit entfalten. »time« (2014) erzählt in der Variation eines einfachen Satzes vom »Beschleunigungstotalitarismus« (Hartmut Rosa) der Gegenwart, erinnert jedoch daran, dass der Tod unweigerlich ein Ende setzt. »to be political it has to look nice« (2003) lässt im Unklaren, ob es Aufruf oder Absage an politische Kunst ist.

Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova

nähten einen Tarnmantel. Im Futter des »Invisibility Cloak« (2014) verbergen sich selbstgestaltete Aufnäher mit Parolen. Hier wirkt das Politische nicht offensiv, sondern im Verborgenen. Auch »Down is the New Up« (2013) verkehrt die Verhältnisse. Zahlreiche geballte Fäuste liegen wie Trümmer am Boden, an einen schlaffen Fallschirm gebunden. 

CHTO

kreiert multimediale Szenarien zur Reflektion über Fiktionen in der Geschichtsschreibung. »The Battle of Past and Present« (2016) ist ein raumfüllendes Bild für soziale Kämpfe und Gespenster der Geschichte. Auf dem »Cemetery of the Future« (2016) fügen sich 13 Grabplatten zu einem Zufallsgedicht auf einen Neuanfang der Menschheit.

Jeanette Ehlers

offenbart Spuren des Kolonialismus und der Sklaverei in unserer Gegenwart. »Atlantic (Endless Row)« (2009) zeigt einen idyllischen Strand. Nur im Ufer spiegeln sich unsichtbare Menschen. Sie stehen symbolisch für alle aus Afrika verschleppten Sklaven. »Bustin’ My Knots« (2010) ist eine visuelle Reise ins Gehirn der Künstlerin. Das Video seziert das selbstzerstörerische Bewusstsein, das sich in Einwandererfamilien über Generationen vererbt. 

Famed

eignen sich in ihren orts-­ und themenspezifischen Interventionen kulturelle Codes an und geben ihnen durch veränderte Kontexte neue Bedeutungen. Die stets gut gelaunte Mickey Mouse ist eine Ikone des westlichen Lebensstils. Gleichzeitig ist sie erfolgreiches Merchandise­-Produkt. In der Neonarbeit »Free Your Soul« (2016) schwankt sie zwischen Ermüdung und Aufbegehren. 

Rumiko Hagiwara

konstruiert mit winzigen Eingriffen Objekte, die den Alltag mit melancholischen Humor neu erscheinen lassen.In »Outer power« (2013) gibt ein ausgesteckter Wasserkocher mittels Laserpointer vor, in Betrieb zu sein. In »Ten square metre of shadow« (2011) wirft eine kleine Marmorplatte 10m Schatten. Bei »Copy of white paper« (2016) kopierte Hagiwara ein weißes Papier bis es schwarz wurde.

David Maisel

konfrontiert uns in seinen großformatigen Fotoserien mit den Folgen des Raubbaus an der Erde: verschmutzte Seen in »The Lake Project« (2001/02) und »Terminal Mirage« (2004), maschinelle Rodungen in »The Forest« (1986), eine Tagebaugoldmine in »American Mine« (2007) und die Cyborgnatur der Megalopolen in »Oblivion« (2004).

Álvaro Martínez Alonso

fotografierte und filmte Menschen an ihren Arbeitsplätzen eigentümlich  frei schwebend: Die schmerzhaften Körperhaltungen in »On Suspension« (2011/12) sind Allegorien für eine junge Generation, deren Zukunft durch die Wirtschaftskrise ungewiss ist. 

Guido van der Werve

dreht Videos mit abgründiger Melancholie. In »Nummer 8: Everything isgoing to be alright« (2007) scheint keineswegs alles in Ordnung. Das Bild des über das Eis spazierenden Künstlers, dem ein Eisbrecher folgt, steht symbolisch für die Menschheit und ihre Zerstörungskraft.

Gefördert durch