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ÜBERSEE

Kuba und die Bahamas. Gegenwartskunst aus der Karibik

29. April bis 6. August 2017

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Im Rahmen des Frühjahrsrundgangs der SpinnereiGalerien eröffnet die HALLE 14 am 29. April, um 15 Uhr, die Ausstellung »Übersee: Kuba und die Bahamas. Gegenwartskunst aus der Karibik«. Diese Schau bietet bis zum 6. August 2017 mit Fotografien, Gemälden, Installationen und Videos von 38 Künstlerinnen und Künstlern in seinem Umfang einen einzigartigen Einblick in die aktuellen Kunstszenen dieser beiden Inselstaaten.

Künstler: Juan Carlos Alom, John Beadle, Alejandro Campins, Iván Capote, Yoan Capote, Ariamna Contino Alex Hernández, Blue Curry, Susana Pilar Delahante, Felipe Dulzaides, Ricardo G. Elías, Adrián Fernández, Adonis Flores, Kendra Frorup, Tamika Galanis, Orestes Hernández, Arnold Kemp, Dominique Knowles, Los Carpinteros, Anina Major, Jace McKinney, Jeffrey Meris, Kareem Mortimer, Angelique V. Nixon, Marianela Orozco, Holly Parotti, Lynn Parotti, Marta María Pérez Bravo, Manuel Piña, Khia Poitier, Carlos Quintana, Antonius Roberts, Heino Schmid, Steven Schmid, Dave Smith, Giovanna Swaby, Tessa Whitehead und Natalie Willis

Vom Festland aus gesehen, können Inseln mythisch-idyllische Sehnsuchtsorte sein. Mittelalterliche Geschichtsschreiber vermuteten die vor den Mauren geflüchteten, portugiesischen Christen auf »Antilia«, der Insel der sieben Städte. Nach der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus übertrug sich der Name auf das Archipel Antillen vor Mittelamerika.

Westindien oder Karibik sind weitere Benennungen dieser Inseln, die Dominanzansprüche und Erwartungen mit sich tragen. Der Name der karibischen Region leitet sich von den Kariben (im Spanischen »caribes«) ab und ist Resultat eines so zu bezeichnenden kulturellen und linguistischen Missverständnisses, als die Europäer den indigenen Ureinwohnern der Region das erste Mal begegneten. In seinem »Journal« vergleicht Christopher Columbus den »Kanibale« mit dem hundsköpfigen Menschenfresser »Cynocephalus«.

Gern vermischen sich diese Heterotopien mit paradiesischen Vorstellungen. Die von Daniel Defoe begründeten Robinsonaden spielten literarisch ein Inselleben fernab der Zerwürfnisse der Zivilisation durch. Nicht selten werden diese Idealwelten von sich selbst eingeholt — gleich den englischen Eliteschülern, die in Goldings »Herr der Fliegen« auf einem paradiesischen Eiland Hass, Missgunst, Mord und Folter verfallen. Glücklich Gestrandete müssen häufig Wilde, Meuterer und Strandräuber oder gar Monster als Nachbarn oder in sich selbst entdecken.

Die Janusköpfigkeit von Inseln spiegelt sich auch im Tourismus wieder. Palmen, gleißende Strände, türkisfarbene See, ein Meer aus Oldtimern, malerisch blätternde Kolonialfassaden, ein sorgloses Leben — dies ist der Stoff, aus dem Urlauberträume sind und die Hauptressource der Tourismusindustrie, von der in der Karibik fast alles abhängt. Selbstverständlich sieht es hinter den Kulissen anders aus.

Jahrhundertelang waren die karibischen Inseln Figuren auf dem Schachbrett konkurrierender, europäischer Mächte. Die Ankunft der Eroberer und Entdecker verursachte die nahezu vollständige Vernichtung der indigenen Einwohner durch Massaker, Hunger und Krankheiten. Die Inseln wurden zu Lieferanten von Zucker, Kaffee, Kakao und Baumwolle für den aufkeimenden europäischen Kapitalismus, als billige Arbeitskräfte wurden Afrikaner versklavt und auf die Inseln verschleppt. Im 20. Jahrhundert löste der Tourismus die Plantagenwirtschaft ab.

Ausgelöst durch eine tiefgreifende sozioökonomische Krise und einem diktatorischen, gewaltsamen Regime wurde die Bewegung des 26. Jul zum Triumph der kubanischen Revolution. Mittlerweile existiert Kuba als sozialistischer Staat seit bald 60 Jahren und hat damit den gesamten Kommunistischen Block überlebt. Für Jahrzehnte genossen die Kubaner im lateinamerikanischen Raum einen vergleichsweise hohen Gesundheits- und Bildungsstandard. Dieser Standard wurde durch die Auflösung des Ostblocks und die darauffolgende, langanhaltende ökonomische Krise im 20. Jahrhunderts stark erschüttert. Die stereotypierende Darstellung Kubas, als ein in der Zeit eingefrorener Ort, ist zu einem unikaten Verkaufsargument für wohlhabende Touristen geworden. Seit fast 60 Jahren währt schon der historische Streit zwischen Kuba und den USA, einschließlich der Blockade sowie dem ökonomischen und kommerziellen Embargo. Die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, wie im Dezember 2014 bekanntgegeben, ist eine vielversprechende Entwicklung.

Auch die sich im Osten von Florida erstreckenden Bahamas mit 700 Inseln, 30 davon bewohnt, haben seit der spanischen Eroberung der Name stammt vom spanischen »baja mar« (flaches Meer) eine widersprüchliche Geschichte. Lange Zeit hatten Piraten hier ihre Hochburg. Der Freibeuter Woodes Rogers setzte dem im Auftrag Großbritanniens ein Ende und machte so die Bahamas zu einer Britischen Kronkolonie. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Schmuggel in die verschiedenen amerikanischen Kolonien zur bevorzugten Einkommensquelle, der seine Blütezeit während der Prohibition in den USA hatte. Der Weg der Inselkette in die vollständige Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich im Jahr 1973 verlief vergleichsweise friedlich. Dennoch ist Queen Elizabeth II. auch heute noch das Staatsoberhaupt der konstitutionellen Monarchie. Das tägliche Leben ist von Armut, Verbrechen und Gewalt sowie niedrigen Bildungs- und Gesundheitsstandards geprägt.

Die Bahamas und Kuba teilen eine gemeinsame Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei und sind doch sehr verschiedenen, nicht nur in Tradition und Staatsform (Sozialismus und Kapitalismus), sondern auch in Ethnien, Sprachen (Spanisch, Englisch und Kreole) und Religionen (Christentum sowie west-afrikanische Kongo- und Yoruba-Kulturen). Afrikanische, indigene, asiatische und europäische Wurzeln haben ein Kaleidoskop an Hybridkulturen entwickelt.

Karibische Identitäten sind flüchtig, fließend und sind so prekär wie sie gleichermaßen vielschichtig und verblüffend sind. Diese Ausstellung zeigt, was es bedeutet, zeitgenössische Kunst vor dem Hintergrund komplexer und zugleich fragiler Bedingungen in der Inselisolation und im Ringen mit tiefsitzenden Begebenheiten (Ungleichheit, Rassismus, Neo-Kolonialismus, Identitätskrisen) und nicht selten im Kampf mit der sozialen Realität zu schaffen.

In Zusammenarbeit mit der Kuratorin Holly Bynoe der National Art Gallery of The Bahamas sowie dem in Havanna und Vancouver lebenden freien Kurator und Kunstkritiker Antonio Eligio (Tonel) entsteht eine Schau, die erstmals Kunst — darunter Materialcollagen, Skulpturen, Malerei, Fotografie und Installationen bekannter und junger Kunstschaffender — beider Inselstaaten in der HALLE 14 zusammenbringt.

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