14. April bis 5. August 2018

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© HALLE 14, 2018 | Büro für Fotografie


KünstlerInnen: Nadja Buttendorf & Anne Baumann, Ariamna Contino & Alex Hernández, Susan Donath, Darsha Hewitt in Zusammenarbeit mit Sophia Gräfe, Tamami Iinuma, Sven Johne, KLOZIN (Wilhelm Klotzek & David Polzin), Henrike Naumann, Carsten Saeger, Malte Wandel, Katrin Winkler

Artist in Residence: Henry Bradley

Studierende des Seminars »Unter dem Eis« von Anna Voswinckel und Carsten Möller der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Jane Beran, Katrin Esser, Eric Meier, Stefania T. Smolkina, Sarah Veith, Brenda M. Wald

1989/90 implodierte die Deutsche Demokratische Republik. Die reformunfähige »Diktatur der Arbeiterklasse« hatte abgewirtschaftet. Die Menschen reklamierten die Macht des Volkes für sich. Der Staatsapparat wurde abgewickelt, die beiden deutschen Staaten vereinigt und die überkommenen, »volkseigenen Betriebe« als Konkursmasse vor allem an westdeutsche Investoren veräußert. Langersehnte Freiheiten und die Hoffnungen auf Wohlstand und auf eine blockfreie, friedliche Welt wurden greifbar – und für viele Realität. Aber es folgte auch eine Deindustrialisierung in einem bis dato unbekannten Tempo und damit eine kapitale Wirtschaftskrise. Die Folgen waren Massenarbeitslosigkeit, Migration, Leerstand und Verwahrlosung. Rückblickend erscheinen die 1990er Jahre heute als anarchistischer »wilder Osten« geprägt von kulturellen Eskapismus, wirtschaftlichen Abenteuern und eskalierender Fremdenfeindlichkeit. Die neue Freiheit zwang zumindest jede und jeden Ostdeutschen zur Neuorientierung, bedeutete Risiko und verursachte persönliche, biografische und psychologische Krisen. »Metaphysisch obdachlos« geworden, sehnten sich nicht wenige nach erlösenden Selbst- und Weltbildern.

Mit den Jubiläen vervielfachte sich die Anzahl der Fach- und Erinnerungsbücher, populärwissenschaftlichen Darstellungen, Spielfilme, Romane und TV-Dokumentationen. Über das begrenzte Material historischer Aufnahmen legt sich durch unterschiedliche Kontextualisierungen, Wiederholungen und Reinszenierungen eine mediale Patina, die mitunter den Blick auf Lücken und Brüche verschleiert. Zwischen der Betrachtung der DDR als Unrechtsstaat und kitschiger Ostalgie fehlen im populären Diskurs nicht selten die Nuancen. Hier bleibt eine Kluft in der Rezeption und Bewältigung.

Gleichermaßen herrscht zwischen der Generation, die sich in der DDR eingerichtet hatte, und ihren Kindern – mit Bezug auf Hermann Lübbe polemisch gesprochen – ein auffälliges »kommunikatives Beschweigen«. Mit den westdeutschen 1968ern vergleichbar laute Auseinandersetzungen zwischen diesen Generationen um die individuellen, schuldhaften Verstrickungen ins System und ihre Nachwirkungen ins heute sind – bisher – ausgeblieben. Dabei geben allein der Weg der Wendekinder, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, in den sogenannten »Nationalsozialistischen Untergrund« und die hässliche Nichte der Montagsdemonstrationen, die Abendspaziergänge von Pegida, genügend Anlässe, nach der Gegenwart und den Folgen deutscher Diktaturerfahrungen, der permanenten Bevormundung, geschlossener Weltbilder, Militarismus und starren Identitäten zu fragen.

Das Ausstellungsprojekt »Requiem For A Failed State« stellt die Perspektive einer jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern in den Mittelpunkt. Wie schauen die ab 1980 Geborenen auf das Ende der DDR, die Wendeereignisse und die Dekade der Orientierungslosigkeit der 1990er zurück, an die sie keine oder nur wenig individuelle Erinnerungen haben? Wie lange wirkt ein verschwundener Staat nach? Wer erzählt was von der Vergangenheit, wer nicht? Welche Facetten interessieren diese Generation und welche Entdeckungen machen sie dabei?

Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Seminar »Unter dem Eis« von Anna Voswinckel und Carsten Möller an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig statt.

Gefördert durch:

REQUIEM FOR A FAILED STATE

Abb.: Katrin Esser & Sarah Veith, a returning course of movement, 2018

ZWEITE PRÄSENTATION DES HGB-SEMINARS »UNTER DEM EIS«

Eröffnung: Samstag, 14. Juli 2018, 17 Uhr

 

 

KünstlerInnen: Katrin Esser, Anna Lebedeva, Christoph Liepach, Stefania T. Smolkina, Sarah Veith, Brenda M. Wald

In dem Seminar »Unter dem Eis« von Carsten Möller und Anna Voswinckel an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig untersuchen Studierende Geschichten über die deutsche Teilung und Wiedervereinigung und deren Widersprüche mit künstlerischen Mitteln. In einem ersten Teil wurden bis Ende Mai die Arbeiten »Farbfilmnotizen« von Jane Beran und »Sad Boys 2K« von Eric Meier als Teil der Ausstellung »Requiem for a failed state« gezeigt. In einem zweiten Teil werden nun fünf neue Arbeiten zu sehen sein.

Katrin Esser und Sarah Veith beschäftigen sich in ihrer Videoarbeit »a returning course of movement« mit der Entstehung von Idealen und den Möglichkeiten ihrer Konservierung. Dabei verbindet der Kurzfilm Motive der Kunst mit denen des Körpers und der Architektur des Sports. Ausgangspunkt und Drehort der Untersuchung sind die sozialistischen Spuren der heutigen Sportstätten in Leipzig sowie deren Geschichte und Bedeutung zu Zeiten der DDR.

In Anna Lebedevas kulinarischem Projekt »Wellfleisch mit Sauerkraut, und in die Brühe tu ich jetzt das Sauerkraut...nach dem Frühstück ist das dann fertig"« werden wechselnde Kantinenmenüs aus der DDR der 70er Jahre von der Künstlerin nachgekocht und in Form einer mobilen Kantine in der Halle 14 angeboten. Der Titel  ist dem Dokumentarfilm „die Küche“  von Jürgen Böttcher entnommen. Der Schwarz-Weiß Film berichtet über die schwere Arbeit von 33Frauen und 6Männern in einer DDR - GroßKantine, in der „die Frauen das Zepter führen.“ In der Eröffnungswoche gibt es tagesaktuelle Mittagsangebote und Speisepläne für Gäste.

Den Hintergrund für Christoph Liepachs Fotoserie »Vero« bildet das mit der Phase der deutschen Wiedervereinigung einhergehende abrupte Verschwinden von Architekturen und Interieurs, die dem Alltag in der DDR Raum gaben. Anhand von gefundenen, von Privatleuten selbtgebauten Puppenstuben sucht Liepach nach einer Möglichkeit, diese nachgebildeten Räume als Erinnerungsspeicher nutzbar zu machen. Die Aufhebung räumlicher Maßstäbe der Puppenstuben in den Fotografien ermöglicht ein physisches Erleben dieser konservierten Räume.

Aufgelöste, aber immer noch erkennbare Kleidungsstücke verbindet Stefania T. Smolkina für ihre Installation »Säume« in einem Textilobjekt das von einer Videoprojektion überlagert wird. Die Entstehungsgeschichte des DEFA-Films COMING OUT (1989) diente als Ausgangspunkt um über Fragen von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Öffnung nachzudenken. Der geschnittene Stoff und die abstrahierte (Re-)Montage des Filmes fragen nach der Verbindung von Textil und Körperlichkeit. Die Praxis des Schneidens, Knüpfens und der Filmmontage als künstlerische Reflexion und Kommentierung.

Ausgangspunkt von Brenda Magdalena Walds Installation »Unique Iteration« ist ein Bild des Bundesarchivs, das das Einschmelzen der DDR-Währung („Aluchips“) im Mai 1990 zeigt. Das Bild dient als Metapher der Transformation. In der Installation treten neue Materialien und Fundstücke in einen Dialog und stellen einen anhaltenden Prozess des Zerfalls und der Neuordnung dar.