Büchertipps

Die Kunstbibliothek der HALLE 14 beherbergt eine außerordentlich aktuelle Sammlung zeitgenössischer Kunstliteratur. Wir stellen ausgewählte Beispiele des Bestandes vor, die uns und unseren Besuchern als besondere Schätze aufgefallen sind.

Übersicht

Aperçu. Den Blick auf - Gastbeitrag von Maria Arlt | #5 / 2016

Das Fundstück - Gastbeitrag von Rena Pietzsch | #4 / 2016

Lability - Gastbeitrag von Thomas Kroll | #3 / 2016

The Americans - Gastbeitrag von Cole Spears | #2 / 2016

Leaves of Glass - Gastbeitrag von Liza Lou | #1 / 2016

Heiliger Sebastian - Gastbeitrag von Jane Müller | #6 / 2015

Kunstwerk in Gesellschaft - Gastbeitrag von Julien Rathje | #5 / 2015

Mother Said - Gastbeitrag von Maja Behrmann | #4 / 2015

Von der Autorickshaw bis zum Zebra-Crossing | #3 / 2015

An Ecosystem of Excess - Gastbeitrag von Alana Blake | #2 / 2015

An Ecosystem of Excess - Review by Alana Blake, engl. | #2 / 2015

Cliché verre Drucktechnik - Gastbeitrag von Claudia Gehre | #1 / 2015

Künstlerbuch voll fragender Geschöpfe | #4 / 2014

123 grandiose Ideen – Gastbeitrag von Ucce Agada | #3 / 2014

123 Ideas - Guest Article by Ucce Agada, engl. | #3 / 2014

Texte aus Leipzig zur Kunst, Architektur und Gesellschaft | #2 / 2014

Zusammen ist man weniger allein | #1 / 2014

Liebe als Drahtseilakt: Ein modernes Weihnachtsmärchen | #5 / 2013

Kunst ist Essen ist Kunst | #4 / 2013

Gut Leben ohne nix: Ein Kochbuch der etwas anderen Art | #3 / 2013

Ghana im Portrait – Gastbeitrag von Frank Motz | #2 / 2013

Saddams Sturz und die Macht der Bilder | #1 / 2013

Künstlerische Positionen zur Wachstumsideologie | #1 / 2012

Lexikonepisode | #11 / 2010

Seumul daseot: Koreanisch für 25 | #10 / 2010

LUBOK FÜR DAS VOLK | #9 / 2010

Nach dem Zapfenstreich: Musik und Kunst im Dialog | #8 / 2010

Eine Hommage an den Ficker | #7 / 2010

Binäre Gegensätze: Alt/Neu, Text/Bild, Mann/Frau | #6 / 2010

Sprachattacke | #5 / 2010

MAGNUM OPUS | #4 / 2010

Nick Caves' Soundsuits: Eine Box voller Klanganzüge | #3 / 2010

Frankfurter Zwischenfälle mit Andy-Double | #2 / 2010

Archäologischer Art-Fiction | #1 / 2010

Ho! Ho! Ho! | #3 / 2009

Eine Reise um die Welt auf 155 Seiten | #2 / 2009

Bibliophile Cumuluswolke

 | #1 / 2009

 

 

Aperçu - Den Blick auf...

Gastbeitrag von Maria Arlt

Schwarz-Weiß Fotografien, Spaziergänge, Fernsehapparate, Wegwerfgesellschaft, Kurzlebigkeit, und viele private Geheimnisse dahinter. So präsentiert sich das Fotobuch Nikolaus Brades. Der gebürtige Hallenser zeigt Momentaufnahmen aus Spaziergängen durch die fünf verschiedenartigsten Orte Berlin, Halle, New York, Paris und Ofterschwang. Er hatte dabei den Blick auf ausrangierte Röhrenfernseher, die er mit seiner Kamera in der Zeit zwischen Januar 2010 und Mai 2015 einfangen konnte.

Was dabei herausgekommen ist, lässt sich auf hochwertigem Papier im Buch Aperçu, welches von der Buchbinderei Mönch in Leipzig liebevoll gebunden wurde und vom Verlag MMKoehn 2015 veröffentlicht wurde, bestaunen.

Vieles, was nicht mehr benötigt wird, defekt ist oder im Überfluss vorhanden ist, wird häufig am Wegesrand schamlos entsorgt und abgestellt. Hat man dabei wirklich die Hoffnung, dass ein Anderer damit noch etwas anfangen kann? Will man es auf die einfachste Art und Weise loswerden? Aus dem Auge aus dem Sinn? Wer sind diese Leute? Was ist das Entsorgte?

Die Berge an Elektroschrott werden von Jahr zu Jahr immer größer. Alte Röhrenfernseher ersetzt man durch neue Flachbildschirme, denn die Unterhaltungselektronik erfindet sich rasend und regelmäßig neu. Neueste Funktionen wie 3D, Internetzugang oder Bilder in höheren Qualität sollen den Verbraucher in die Märkte locken. Dieses Konzept der Hersteller funktioniert gut - wer stets auf dem aktuellen Stand der Technik sein will, muss zwangsläufig alle paar Jahre seine Geräte auswechseln. Das freut die Wirtschaft, ärgert allerdings den Geldbeutel und vor allem die Umwelt.

Nikolaus Brades fand auf seinen Spaziergängen unausweichlich sperrige, einst so wertvolle und teure Fernseher - alte Modelle, Röhrenfernseher, die ihren Dienst in unterschiedlichen Haushalten geleistet haben und nun lieblos im öffentlichen Raum auf der Straßen landen. Von der scheinbar perfekten Erhaltung bis zur verschmutzten Ruinen war alles dabei. Unerwartete Fundorte wie der Platz neben einem alten knochigen Baum im Park, in einem Pflanzenkübel oder die Lehne eines alten Sessels, welcher ebenfalls sich selbst überlassen auf die Straße gesetzt wurde, zeigen, wie gedankenlos und unverschämt der ein oder andere mit seinem Überfluss umgeht.

Als wichtiger Part des Fotobuches Aperçu ist der Leipziger Autor Clemens Meyer zu nennen. Seine Kurzgeschichte Im Licht ergänzt Nikolaus Brades Fotografien harmonisch und fügt sich als passendes Glied in die Seiten ein. Mit Im Licht gibt Clemens Meyer einen vermutlich autobiografischen Einblick in eine Privatsphäre, die sich vor einer Mattscheibe abspielt.

"Das Fernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war." (Nikolaus Brade)

Aperçu / Nikolaus Brade ; mit einem Text von Clemens Meyer. - Leipzig : MMKoehn, 2015. ISBN 978-3-944903-15-6

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Maria Arlt ist 28 Jahre und seit sechs Jahren Leipzigliebhaberin. Als Studentin der Bibliotheks- und Informationswissenschaft unterstützt sie für  ein Semester die HALLE 14 als Praktikantin.

Das Fundstück

Ein Gastbeitrag von Rena Pietzsch

Eine kleine Streichholzschachtel, die erst wenige Tagen in einem der vielen Regale der Bibliothek liegen konnte und gefunden werden wollte, einerseits unscheinbar und dennoch auffällig durch ihr sich abhebendes Format und das rote angeklebte Bändchen: Nadja Lanarts »Sunny City - SEHR KURZE GESCHICHTEN II«.

Das Schächtelchen lag einfach so auf den Büchern, als ich durch das Regal stöberte und irritierte mich, da es keine Signatur besaß und auch wie gesagt in keinster Weise einem Buch ähnelte. Ich fragte mich: »Was sich wohl darin verbergen mochte?«

Schiebt man die kleine Box aus der Hülle, fühlt es sich an, als öffne man eine Geschenkschatulle und keine alltägliche Streichholzschachtel. Es hat etwas Geheimnisvolles an sich, da diese Art von Schriftstück sehr überraschend ist, wenn man in erster Linie mit Büchern rechnet. Das zusammengefaltete Blatt im Inneren springt langsam nach oben, in etwa, wie ein Kasper aus einer Kiste.

Es ist ungewohnt, die Seiten anstatt von rechts nach links, von unten nach oben umzublättern oder die Seite längs im Zickzack vor sich auszubreiten. Dadurch entsteht ein neues Lesegefühl.Betrachtet man den Text, sieht man, dass er keinen Absatz enthält.  Es scheint, als ob die Geschichte eine einzige Situation beschreibt, einem Kunstwerk gleich.

Die 5-Minuten-Geschichte handelt von den Erinnerungen an den gemeinsamen Sommer einer Freundesclique. Sie ist geschmückt mit verrückten Vergleichen, kurzen Dialogen und der Beschreibung seltsamer Aktionen. Das überraschende, offene Ende der Geschichte gibt mehrere Möglichkeiten der Interpretation.

Die 1973 geborene Autorin und Künstlerin Nadja Lanart, die in Bonn Germanistik studiert hat, hat sich mit dieser Zine-ähnlichen Publikation, in die Bibliothek eingeschlichen. Ohne sich direkt bekannt zu machen, gestaltet Nadja Lanart den öffentlichen Raum, in dem ihre Kunst zu den Menschen findet, ohne dass diese nach ihr gesucht hätten.

Rena Pietzsch wohnt seit einem Jahr in Leipzig und studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Sie spielt Querflöte, interessiert sich für Kunst und Musik und sitzt im Sommer gerne im Park zum Lesen.

LABILITÄT

Gastbeitrag von Thomas Kroll

Labilität bezeichnet die schwächste Form der Metastabilität. Ein labiles System ist komplett instabil und verliert seinen Ausgangszustand nach einer beliebig kleinen Störung. In ihrer künstlerischen Arbeit lädt Ivana Franke dazu ein unwirkliche Erscheinungen als sich nicht wiederholende Epiphanien wahrzunehmen.

Die vorliegende 31-seitige Publikation aus dem Jahr 2009 zeigt Abbildungen ihrer Installationen und ist im Wesentlichen als Dokumentation ihrer Ausstellung "Lability" im Rahmen des Kunstpavillions (kro.: Umjetnicki paviljon) Zagreb vom 8. September bis zum 7. Oktober 2009 zu verstehen. "Lability" ist ein ästhetische Momentaufnahme ihrer Arbeiten, deren Besonderheit es ist, sich von Standpunkt zu Standpunkt zu wandeln. Im Vorwort von Zlatko Wurzberg wird angesprochen, dass es viele unterschiedliche Verständnisse dieser Ausrichtung der Kunst gibt, besonders im Zusammenhang mit der eigenen persönlichen Identifikation, im Kontext zu Naturphänomenen wie beispielsweise Reflexionen, unscharfem Licht oder auf anderen Interpretations- und Bewegungsebenen. Hier findet ebenso Erwähnung, dass sich Franke in ihrer Arbeit nicht von postmodernen Kitsch-Wertungen aufhalten lässt, sie hingegen akzeptiert und ihre Arbeit in der Logik der post-konzeptuellen Ästhetik fortsetzt. Ihre Kernelemente lassen sich in der 1970er New Tendencies Bewegung. Diese Künstlerbewegung befasst sich vorrangig mit konstruktivistischer Kunst, Op Kunst und mit den Verfahren der kinetischen Kunst und hat ihren Ursprung ebenso wie Ivana Franke selbst in Zagreb.

Die im Buch gezeigten Arbeiten "In Circles" (2009), "Instants Of Visibility" (2009) und "Animated Sphere" (2008) bestehen im Ganzen aus im Hintergrund installierte LEDs, die auf eine meterlange Konstruktionsebene mit Monofilament strahlen. Dadurch entstehen geometrische Körper wie Kreise oder Raster und auch lose Anordnungen. Den Bezug zur Ornamentik würde ich bezweifeln, da ihre Ästhetik keiner Schmückung bedarf, sondern ihre Funktion bestimmt. Verändert der Betrachter durch Bewegung seine Position zum Objekt so verändert sich auch die Lichteinstrahlung auf der Oberfläche und weitere Formen entstehen. Diese Variablen liegen der Grundstruktur, nämlich einer die Umgebung reflektierenen Plexiglasscheibe zu Grunde. Weitere Arbeiten sind "Reflektor Lustera" (2009), die Grafiken auf Papier "Introducing Gaps" (2008), worauf Raster zu Verbindungen zu Punktierungen und zu leeren Kartografien werden. "Interconnection" (2009), ein 40-flächiger Würfelkreis aus Metall und Monofilament und der Arbeit "Sky Carpet" (2009) bestehend aus Folie und Klebeband. Hier wird mit blau eingefärbten Licht ein Raum ummantelt. Eine amorphe, sich selbst verändernde Form schwimmt am Boden. Der ganze Raum mutet schwarz diskursiv an.

Generell ist der künstlerische und ästhetische Raum bei Franke meist qualitativ wählbar und nicht auf eine bestimmte Konstante festgelegt. Der Betrachter ist im abgedunkelten Raum mit der geradezu omnipräsenten Arbeit konfrontiert und so generiert auch das Objekt die Umgebung performativ als Teil des Werkes. Der gesamte Raum wirkt dematerialisiert. Er ist nicht begrenzt oder geschlossen, sondern erzeugt durch den eigentlichen Fokus des Betrachters auf das Objekt die Umrandung, also den Teil einer Fiktion. Ivana Franke inszeniert ihre Werke als naturgegeben und sinnlich erfahrbar. Sie untersucht den Raum selbst und die eigene Beziehung zu ihm. In ihm selbst, und das ist hauptsächlich, können wir unsere Gefühle und die Sinneswahrnehmungen erkennen und erforschen.

THE AMERICANS

Englischer Gastbeitrag von Cole Spears

»The Americans« is a photography book by Robert Frank, first published in 1958. Consisting of 83 black-and-white photographs, Swiss-born Frank boldly and successfully captures images of American realism. Frank travelled across the Continental US documenting many aspects of urban and rural America, often depicting his subjects in a harsh yet real light. Accompanying his photographs are minimal amounts of text, simply describing the scene and providing a location.
The photographs themselves were taken by Frank on a two-year road trip throughout the US in 1950s. A recipient of a Guggenheim Fellowship, Frank took to travel across America in 1955, finishing his tour the following year. The black-and-white nature of his photographs depicts a timeless feel for the viewer, yet at the same time denotes severe contrast, adding a feeling of tragedy. For its time, Frank's photographs were nothing short of groundbreaking, in editing and presentation. However, very few saw it that way. Frank challenged documentary-photography tradition by taking pictures that were edgy and critical, rather than having a simplistic aesthetic. Frank wished to showcase a "gritty" America, an America that was hidden in the dark.
Inlcuded in this edition is an introduction by American novelist and Beat poet Jack Kerouac. Kerouac praises Frank for his craft and vision, saying that Frank has, »sucked a sad poem right out of America onto film, taking rank among the tragic poets of the world.« In addition to his stream-of-consciousness preface, Kerouac seems to briefly highlight a few of his favorite pieces from the series, including »Elevator - Miami Beach« at the conclusion of his foreword.

Overall, this book is a reminder to view the world with open and lucid eyes. We can often grow accustomed to life around us and consequently lose focus on reality. Frank shows that it sometimes takes an outsider to jolt someone, or  even a nation, out of its daydream. Now in its ninth edition, Frank's snapshots of American realism still continue to captivate photography-leaders and hobbyists alike. Through "The Americans", Frank changed the nature of photography, placing his work as one of the most influential photography books of the 20th century.

Robert Frank: The Americans, Steidl Verlag, 2009, ISBN 978-386521-584-0

Cole Spears is a student from Abilene Christian University in Abilene, Texas. He is studying abroad for a semester in Leipzig and volunteering at Halle 14.  

Das Leben von Liza Lou

Englischer Gastbeitrag von Rachel Runnels 

»The fact that artists often do things that defy convention should be no surprise to anyone. This is what artists do everyday.« In Leaves of Glass, readers take a look into the life of Liza Lou, an American artist whose glass-beaded artwork has garnered international attention. She is most famous for her largest installation pieces, Kitchen and Back Yard, lifesize renditions of the two spaces made entirely from glass beads. In the book, which consists of an interview between Lou and curator Selene Wendt, Lou reveals the process, the purpose, and the meaning behind her works. Working with glass beads as a medium requires dedication and an incredible attention to detail. She begins by painting over every surface before applying beads with tweezers or stringing beads together before pasting them down. Most of Lou's works take years or months to complete.

Accompanying the interview are several pictures of Lou's works. The pictures highlight the complexity and detail of her glass beading. She touches on how her art is often linked to the Pop Art movement, yet is somehow also outside of that framework. Lou is driven by the urge to explore the power of objects and sentimentality. She talks about challenging herself to portray simple objects in a way that provokes an emotional response from the viewer. Sentimentality is shown in the detail and the handmade element of her art.

Lou responds to Wendt's questions with thoughtful answers and a touch of sass. She is generously sarcastic yet seemingly grounded in her ideas and personal beliefs. Her answers betray a laid-back attitude, a sense of humility, and an appreciation for humor. Reading Leaves of Glass provides not only an insight into Lou's work but also into Lou herself. She describes her art as an extentsion of herself or even a ''mirror''. The uniqueness and senimentality of the art is reflected in the artist herself.

Overall, the book is an interesting and amusing read. Personal interviews like this one are extremely helpful in understanding and interpreting any kind of art, as well as the methods and ideas behind unconventional art like Lou's. Paired with the pictures of the intricate glass-beaded pieces, »Leaves of Glass« connects the reader to Lou's thoughts and ideas in a way that both inspires and entertains.

Liza Lou : Leaves of Glass /  Henie Onstad Art Centre, 2001. ISBN  978-8290955484

Rachel Runnels is a student from Abilene Christian University in Abilene, Texas. She is studying abroad for a semester in Leipzig and volunteering at Halle 14.  

Heiliger Sebastian - a splendid readiness for death | #6 / 2015

Gastbeitrag von Jane Müller

Ist von einer Figur fast nichts bekannt, nur in Legenden von ihr berichtet, bietet sie meist die perfekte Vorlage für vielfältige Interpretationen und Identifikationen. War diese Figur dann noch möglichst schön und unnahbar, ihr Tod in jungen Jahren und Aufsehen erregend, sind sonderbare Entwicklungen zu beobachten.

Kennt Ihr James Dean? Natürlich! Jeder kennt James Dean! Obwohl er nun schon 60 Jahre tot ist und den meisten nur aus drei Filmen bekannt sein dürfte. Verantwortlich dafür, sind eben nicht diese drei Filme, sondern der Kult, der um die Figur gebaut wurde. Der Kult um einen jungen, attraktiven Mann, den eigentlich niemand so richtig kannte und der deshalb so viel Spielraum zur Legendenbildung bot.

So auch, aber doch ganz anders, beim Heiligen Sebastian zu beobachten. Bekannt aus seinem Leben ist nur, dass er ein römischer Soldat war, der im 3. Jhd. unter Kaiser Diokletian diente. Mit der Beschreibung und Interpretation seines Martyriums hingegen, könnte man ein ganzes Buch füllen oder eben eine Ausstellung realisieren und begleitend einen Katalog erstellen.

So geschehen im Jahre 2003. Die Kunsthalle Wien widmete diesem Heiligen eine ganze Ausstellung. Über 20 internationalen Künstlern wurde mit „Heiliger Sebastian. A splendid readiness for death.“ Raum geboten, sich mit ihrer Interpretation der Figur und dessen Geschichte zu präsentieren. Die Ausstellung endete im Februar 2004. Was bleibt ist der Katalog. Dieser Katalog, von kleinem Format, beinhaltet überraschend viel Text. Fast wie ein Geschichtsbuch berichtet es von dem Soldaten, der aufgrund seines christlichen Glaubens hingerichtet werden sollte.

Im Katalog nehmen, neben den informativen Textpassagen, sowohl die Abbildungen zeitgenössischer Kunst, wie zum Beispiel eine Skulptur von Stephan Balkenhol, als auch Kunst der vergangenen Zeit Platz ein. Das älteste Exponat der Ausstellung ist ein anonymes Werk, das Sebastian zeigt, wie ihn Renaissancekünstler allgemein darstellten und er wahrscheinlich deshalb in der Vorstellung bis heute so aussieht: jung, schön, nackt bis auf ein Lendentuch, den Blick träumerisch gen Himmel gewandt, die Arme dekorativ über dem Kopf gekreuzt, von wenigen Pfeilen zwar verletzt aber nicht blutend.

Wie es zu der Entwicklung vom Soldaten mittleren Alters zum schönen Jüngling kam, ist genauso mysteriös wie die stetige Darstellung mit Pfeilen. Sicher ist nur, dass er der am häufigsten abgebildete Heilige ist.

Abgebildet ist er in diesem Ausstellungskatalog auf vielfältigste Weise. Vorgestellt werden Filmstills, Fotografien, Skulpturen und sogar Installationen, wie die raumeinnehmende Figurengruppe „The dark night of the soul“. Eine bemerkenswerte Szenerie, erschaffen von der brasilianischen Künstlerin Ana Maria Pacheco.

Für manche Künstler ist der Pestheilige nun der neue Patron gegen Aids. Für andere ist sein Leiden und die wohlwollende Bereitschaft für den Tod etwas Schönes,wie der Untertitel des Kataloges schon andeutet, gar eine Lebenseinstellung. Der amerikanische Künstler Ron Athey, der mit „extreme performance art“ bekannt geworden ist, ging in den 1990iger Jahren sogar so weit, Sebastian mit Jesus gleichzusetzen, indem er sich selbst, in Gestalt des Heiligen, an einem Kreuz aufhängen ließ.

Auch Sebastians Zeit als Soldat wird vielfältig thematisiert. Und sei es nur als unsichtbare Gestalt, wie auf dem Werk „Swiss police“ von Wolfgang Tillmans.

Bedeutungsvoll ist der häufige Bezug zum japanischen Schriftsteller Yukio Mishima, dessen Bild, fotografiert von Eikoh Hosoe, das Cover des Kataloges ziert. Mishima, der durch Selbstmord starb, zeigte sich gern in der Sebastianspose. Ebenso ist sein ganzes Werk von der Idee eines erotisierten, ritualisierten Todes durchzogen, auf den ihn, laut eigener Aussage, der Heilige selbst brachte.

Wie ein Theaterstück, in 5 Akte unterteilt, jongliert das Buch mit einem alten Thema und neuen Interpretationen durch Künstler und Kuratoren auf sehr interessante Weise. Und auch den Lesern, die nur einen kurzweiligen Lese- und Kunstgenuss wünschen, sei dieser Band ans Herz gelegt, denn der Hauptkurator Gerald Matt beschreibt im 5. Akt einen imaginären Rundgang durch die Ausstellung, der zugegeben, sehr eigenwillig, aber auch ansprechend und informativ geschrieben ist. Wer also, mit viel oder wenig Zeit, beobachten möchte, wie man, auf gelungene Art, den Kult um eine Heiligengestalt des 3. Jhd. ins 21. Jhd. holt, sollte diesen Katalog zur Hand nehmen. 

Heiliger Sebastian : a splendid readiness for death / Kunsthalle Wien, Gerald Matt und Wolfgang Fetz (Hrsg.). – Bielefeld:Kerber, 2003. ISBN 3-936646-44-9  

Das Kunstwerk und seine Gesellschaft | #5 / 2015

Das Buch zur Ausstellung
„diezeiten: More Than Fifteen Minutes”

Gastbeitrag von Julien Rathje

2014 zeigte der Kunstverein Friedrichshafen die Werkserie „diezeiten: More Than Fifteen Minutes“. Diese bestand aus elf Arbeiten, welche jeweils einzeln im Kunstverein präsentiert wurden. Von September bis November 2014 waren die Arbeiten in der HALLE 14, in einer Ausstellung zusammengefasst, zu sehen.

Das große Thema ist die Zeit. Sowohl in der Ausstellung als auch im Buch einleitend ist Byung-Chul Hans Plädoyer für eine „Zeitrevolution“, die den Menschen wieder in eine nicht-entfremdete Zeit zu sich und seinen Mitmenschen bringen, entschleunigen und den Blick vom Zwang der Zweckrationalität und Effizienz befreien müsste. Christoph Türckes Begriffe der Hyperaktivität und des Aufmerksamkeitsdefizites kommen in den Sinn. Schon der Titel des Buches verweist auf den gesellschaftlichen Aspekt von Kunst allgemein, dem sie sich natürlich nicht ganz hingeben, ihn jedoch ebenso wenig preisgeben darf, möchte sie ihren Sinngehalt bewahren.

Bereits die wirklich schöne Aufmachung des Buches ist von ästhetischem Wert. Optik und Haptik des Papp-Einbandes sind authentisch und 'cool' gehalten. Die Verleimung der Seiten sind sichtbar gelassen worden, sodass sie als “Stapel“ vor dem Leser zu liegen scheinen. Der Werkcharakter wird hier auf spezifische Art empfindbar. Das Layout der Seiten vermittelt eine großzügige “Offenheit“, sie sind angenehm aufgeräumt anzusehen.

Die umfassende bildliche Dokumentation der ausgestellten Werke lassen durch unterschiedliche Ausschnitte und Perspektiven einen Rundgang im Buch nacherleben. Analog zum ursprünglichen Ausstellungskonzept ist jeder Arbeit ein Kapitel gewidmet, dem das jeweilige Kunstwerk in großer Abbildung zur Ansicht vorangestellt ist. Die Texte zu den einzelnen Werken, die sich auf deren zeitliche Aspekte beziehen, sind in der Ausstellung nicht als Erklärungen neben die Arbeiten platziert worden. Sie wurden gesondert präsentiert, nachdem ein  Ausstellungszyklus endete. Sie lesen sich besonders eindrucksvoll.

August Sanders Fotografie “Vater und Sohn“ von 1931 beispielsweise, in der in ruhendem Schwarz-Weiß ein älterer Mann mit seinem greisen Vater in ihren Stühlen zu betrachten sind, ist nahezu liebevoll beschrieben. Der Text zu Judith Alberts Video einer Anlehnung an Jan Vermeer ist dagegen eher theoretisch-diskursiv und legt eigene Potenziale frei. Zu der fortwährenden Handlung der “Dienstmagd mit Milchkrug“, wie sie Albert uns zeigt, heißt es: „In dem Augenblick, in dem er [der Betrachter] beginnt, den gezeigten Vorgang in seiner Ereignislosigkeit auf seinen Nutzen, seine Erfüllung hin zu betrachten, fällt alles zusammen. Gefordert ist eine reine anschauende Aufmerksamkeit, eine absolute Gegenwart.“

Bei den Friedrichshafener Ausstellungen gab es an bestimmten Terminen Abendveranstaltungen zu dem jeweils ausgestellten Werk. Dort wurde das Publikum zu einer Soiree diskursiven Charakters eingeladen, wie Lesungen oder Künstlergespräche. Diese schlossen sich den Werkbetrachtungen an, die bewusst keinen einleitenden Charakter hatten. Die unmittelbare Begegnung des Betrachters mit dem Kunstwerk stand und steht hier im Zentrum. Dieser Aspekt ging in der zusammenfassenden Ausstellung der HALLE 14 nicht verloren, sondern fand als Neukonstitution ihren Niederschlag vielmehr in der Gestaltung der Räume. So bezog sich jeweils eine Sitzgelegenheit auf ein Werk, welches auch nur von der Perspektive dieses Platzes aus umfassend einsehbar war. Zudem verlangt die Summierung eine gezielte Hinwendung zum Einzelnen.

Das Buch zur Ausstellung “Das Kunstwerk und seine Gesellschaft“ zeigt die Kunstwerke sowohl in den Friedrichshafener Ausstellungsflächen, als auch in der Leipziger HALLE 14.

Es schließt sich zum Ende ein Text an - “Arbeitszeiten am Selbst“, der die Ausstellung(en) und das Buch kontextualisiert und Hintergrundinformationen aufzeigt, beispielsweise die Einladungskarten abbildet. Vor dem Hintergrund von Kunstmarktentwicklung und Digitalisierung wird ein Diskurs eröffnet. Zentral der Satz: „Die Ausstellungsreihe „diezeiten“ verstand sich zuallererst als ein Statement für die Rückgewinnung des eigentlichen Kerns der Kunst, nämlich die radikal zugespitzte Begegnung zwischen dem Objekt und seinem Betrachter“. Der prozessuale Kunstwerk-Begriff wird hochgehalten, es „existiert immer nur im Modus seiner Aktualität“ und bedarf daher Rezeption.

Insgesamt kann gesagt werden, dass das Buch die Ausstellungen dokumentiert, doch im gleichen Moment über eine bloße Abbildung hinausgeht und eine eigene Qualität anbietet. Man möchte dem Buch nur allzu gern abnehmen, dass die titelgebenden '15 Minuten' der eigenen Zeit für Byung Chul-Hans Zeitpolitik einer gemeinsamen Zeit zumindest vorläufig als Übung bereits ausreichend sein können – auch wenn sich ein deutlich längeres Verweilen in jedem Fall lohnt.

Jörg van den Berg: Das Kunstwerk und seine Gesellschaft, Leipzig, 2015

Die ganze Palette mütterlicher Ratschläge | #4 / 2015

Gastbeitrag von Maja Behrmann

Über fünf Jahre sammelte die finnische Künstlerin Niina Lethonen-Braun wohlgemeinte Ratschläge, Lebens- und Hausfrauenweisheiten, mütterliche Sorgen, mahnende Sprichwörter und knallharte Realitäten. Entstanden ist mit „Mother Said“ ein Sammelsurium, ein facettenreiches Abbild, welches sich sowohl der Mutter, unserer fürsorglichen und warmherzigen Wegbegleiterin widmet, als auch die Abgründe im Alltag des Mutter- und auch Hausfrauendaseins verkörpert. So stellen sich in diesem Buch betende, madonnenartige Frauen die Frage: „Was soll ich heute nur kochen ...?“ und Kätzchen in hohen, dunklen Bäumen werden mit ernüchternden Aussprüchen wie „98% des Lebens sind etwas anderes als Spaß.“ konfrontiert.
Mit jeder Seite, die man aufschlägt, eröffnen sich dem Leser immer wieder neue, skurrile, wilde Farb- und Fotowelten. Lethonen-Braun arbeitet mit herrlich schrill-bunten Collagen, die zeitgleich als verknüpfendes und zerrüttendes Mittel wirken. Durch die breite Palette an Material-, Form- und Farbkontrasten gelingt es ihr, das schier unfassbare Wesen, den Mythos Mutter, greifbarer zu machen. Die Sammlung deutet auf die Unstetigkeit, manchmal sogar Unvereinbarkeit, derer hin, mit welcher ein jeder von uns seine eigenen Geschichten in sich trägt. Immer wieder lassen sich Sätze finden, mit denen unsere Mütter wohl uns allen in den Ohren lagen, „Iß wenigstens das Fleisch!“ und „Nimm ein Glas Milch!“
Beim Blättern schleichen sich Gedanken und Bilder aus der eigenen Kindheit zwischen die Arbeiten, manche rufen Momente zurück, denen man sich nicht bewusst erinnert und lassen weiter in die persönliche Beziehung abschweifen. Neben den vielen Fotocollagen wecken auch einfache Zeichnungen, in denen die Weisheiten und erhobenen Zeigefinger-Mahnungen direkt in der Schrift, oft als Schul-Schönschreibschrift, agieren, weitere Assoziationen. Auf manchen Buchseiten stehen sich die Widersprüche und der unveränderliche Zwiespalt zwischen liebender Fürsorglichkeit und erziehender Härte direkt gegenüber: Zuversichtlich stimmend wirken die Worte „Was ist schon eine Mathe-Arbeit im Vergleich zur Ewigkeit?“ - aber gleich darauf wird ein gedankenverlorenes Mädchen mit „Glaube nicht, irgendjemand wartet auf Dich.“ auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.
Jedes einzelne Bild steht für sich - gemeinsam ergeben sie jedoch ein kollektives Werk, eine Schnittstelle des Gedächtnisses an eine Frau, die in jedem mit positiven Momenten voller Liebe und Zuneigung besetzt ist, uns aber auch unzählige Male dazu brachte an die Decke zu gehen. Die Künstlerin, selbst Mutter, offeriert uns eine umfassende Sammlung von  bruchstückhaften Erinnerungen aus ihrem Familien- und Freundeskreis, Ausstellungsbesuchern und anderen Menschen, aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Das Buch fasst diese charmant lückenhafte und spielerische Analyse der Rolle der Mutter zusammen. Es visualisiert manch schon verloren gegangene Erinnerung neu und lässt uns mit einem Schmunzeln zurück.

Niina Lehtonen-Braun wurde 1975 in der finnischen Hauptstadt geboren, wo Sie von 1994 bis 2000 an der Finish Academy of Fine Arts Malerei und multimediale Kunst studierte. Während des Studiums verbrachte Lehtonen-Braun einige Zeit in Paris, heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin. Neben zahlreichen Performances mit der deutsch-finnischen Gruppe Jokaklubi und Gruppenausstellungen waren Ihre Werke seit 2002 auch in vielen Einzelausstellung in Berlin und dem skandinavischen Raum zu sehen.

Maja Behrmann zog vor zwei Monaten nach Leipzig und wird im Herbst das Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst im Fachbereich Grafik-Design/Buchkunst aufnehmen. In den vergangenen Jahren bereiste Maja Kambodscha, Thailand, Laos, Malaysia, Singapur und Australien, wo sie in Schulen und selbstversorgenden Gemeinschaften voluntierte. Außerdem war sie immer wieder für mehrere Monate in Neuseeland, wo sie im Otago Stained Glass Studio als Glasmalerin arbeitete.

Niina  Lethonen-Braun: Mother Said, 2013, 112 S., 16,5 x 23 cm, KERBER Verlag, Edition Young Art

 

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Von der Autorickshaw bis zum Zebra-Crossing | #3 / 2015

Ein kleines (9x14cm), auf den ersten Blick recht unscheinbar wirkendes Buch, welches der Leiter des Goethe Instituts Bangalore der Kunstbibliothek im Frühjahr dieses Jahres überreichte und das sich wenig später als Glücksfall und Zugewinn für den Bestand erwies.

Der Einband lässt auf ein Notizbuch schließen, das zur Hälfte aus Kaliko gefertigt ist, einem Baumwollgewebe, das früher als Luxusartikel aus Indien (der Stadt Kalikat) importiert wurde. Womit wir auch schon beim Produktionsland von „Bangalore A-Z“, dem Künstlerbuch der deutschen Buchdesignerin Anja Lutz, wären.

Der anfängliche Eindruck trügt nicht ganz bzw. nur zum Teil. „Bangalore A-Z“ ist in vielerlei Hinsicht dem typisch indischen „Ledger Book“, einer Art Kontobuch, nachempfunden, das bis heute in Indien allgegenwärtig ist und in dem so ziemlich alles notiert wird, was von Bedeutung erscheint. Dieses recht förmlich erscheinende Gebaren der Inder ist eine offensichtlich recht hartnäckige Hinterlassenschaft aus der Britischen Kolonialzeit. Die Omnipräsenz des Ledger Book veranlasste Anja Lutz im Zuge einer einjährigen Residenz in Bangalore, der drittgrößten Stadt Indiens, ein Buchprojekt zu initiieren, indem sie ihre persönlichen Erfahrungen festhielt.

Sowohl in der Qualität der Materialien, als auch der Farbgebung, Bindung und Prägung orientierte sie sich an den charakteristischen Kontobüchern. Für die Herstellung des Buches arbeitete sie eng mit einem lokalen, volkstümlichen Druckhaus, dem Grafiprint, zusammen. Konventionelle, althergebrachte Drucktechniken haben eine lange Tradition in Bangalore und diesen zollt Lutz in diesem Buch ihren Tribut. Das Buch ist handgebunden. Der Buchschnitt wurde manuell mit Pigmenten eingefärbt, die normalerweise in religiösen Zeremonien benutzt werden. Die Prägung auf dem Cover wurde mit einer Buchpresse aus Kalkutta aus dem Jahr 1952 erstellt und golden eingefärbt als Referenz auf das weitverbreitete Gold, das Lutz überall im Land begegnete. Weitere Beobachtungen der Künstlerin finden sich im Buch. Auf 196 Seiten schildern Lutz sowie 25 lokale und internationale Künstler ihre Eindrücke und Erlebnisse in der Stadt, geben Ratschläge zum Ausgehen und Einkaufen, oder teilen Rezepte regionaler Köstlichkeiten. Mittels eines alphabetischen Index sind die gesammelten Impressionen im Buch aufgelistet. Der Index selbst besteht aus individuellen Buchstaben, die Lutz auf handgemalten Schildern in Bangalore gefunden hat. So kann man unter dem Buchstaben „S“ in dem Beitrag „Signpainting“ nachlesen, dass Indien eine sehr lange Tradition handgemalter Schilder hat, die vor allem noch in älteren Stadtteilen zu finden sind, aber nach und nach durch bedruckte Plastikzeichen ersetzt werden. Die Textpassagen werden unter anderem von Illustrationen und Fotografien als visuelle Referenzen ergänzt. Da die Seiten aus 90g hell-grünem Ledger Papier bestehen, weisen sie natürlich auch das dafür typische Register-Muster auf. Gedruckt wurde „Bangalore A-Z“ auf einer 1974 Heidelberg 1-Farben Offsetdruckmaschine.

Die zahlreichen Komponenten aus denen dieses Buch gefertigt wurde, resultieren in einer äußerst ästhetischen, vielschichtig zu entdeckenden Komposition. Lokales Handwerk, indische Kultur und internationale Begeisterung sind in ihm vereint. Und so wird aus dem typisch indischen Notizbuch mit sehr persönlichen Beiträgen ein interessanter und andersartiger Stadtführer für zukünftige Indienreisende und ein sinnliches Vergnügen für bibliophile Menschen sowieso.

In Berlin lebend, bewegt sich Anja Lutz als Buchdesignerin in Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen, Verlagen als auch Künstlern im internationalen zeitgenössichen Kunstgeschehen. Nach Ihrem Studium am London College of Communication und der Jan van Eyck Akademie war sie selbst als Lehrende an der Amerikanischen Universität Beirut, der Bauhaus Universität Weimar und der Universität der Künste in Berlin tätig. Ausgezeichnet wurden Ihre Arbeiten unter anderem mit dem Europäischen Adobe Design Award und einem Stipendium der Akademie Schloss Solitude. Lutz war 2004 auf der internationalen Design Biennale in St. Etienne vertreten. Neben zahlreichen Publikationen initiierte sie das internationale Kunst- und Designprojekt shift!, ist Mitgründerin des im Jahr 2006 ins Leben gerufenen Kunstbuchverlags The Green Box und leitet diesen seit 2014 als Art-Direktorin.

Anja Lutz: Bangalore A-Z, Bangalore 2014, 196 S., 14 x 10 cm, limitierte Edition

 

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Zukunftsszenarien in einem Ökosystem des Überschusses | #2 / 2015

Gastbeitrag von Alana Blake


„Klimawandel, Umweltverschmutzung und Welthunger – die negativen Auswirkungen unserer Konsumgesellschaft sind allgegenwärtig… Die türkische Künstlerin Pinar Yoldas zeigt die Gefahren auf, die durch ozeanverschmutzende Plastikartikel hervorgerufen werden, während sie zugleich ein einzigartiges Zukunftsszenario zeichnet.“ Das Buch „An Ecosystem of Excess“ wurde anlässlich der gleichnamigen ersten Einzelausstellung von Pinar Yoldas in Deutschland, im Berliner Projektraum der Schering Stiftung (24. Januar bis 4. Mai 2014), veröffentlicht und gibt sowohl einen detaillierten Überblick über Yoldas` Arbeiten in der Ausstellung als auch einen informativen Einblick in die wissenschaftliche Forschung und die Bedenken von Öko-Aktivisten zu der riesigen Menge an Plastikmüll, die in unseren Meeren treibt. Besonders interessant an diesem Buch ist, dass die durch empirische Untersuchungen von Meeres- und Makrobiologen gestützten Essays, Interviews und Kunstwerke die Frage aufwerfen, inwiefern die Betrachtung des Problems von einem künstlerischen Standpunkt aus helfen könnte, es zu lösen. Die Antwort darauf ist ziemlich verblüffend. Eine besonders beachtenswerte Frage wird aufgeworfen: Wie stimmt der menschliche Geist mit der Tatsache überein, dass wir eine riesige Menge Plastikmüll produzieren, diesen weltverändernden Fakten und den unvorstellbare Zahlen, wie sie uns von Wissenschaftlern und Medien genannt werden? Wie verarbeiten wir diese Information? Vielleicht ist das Visuelle eine besser vorstellbare Art dieses Problem zu betrachten.

Das Buch beinhaltet neben Interviews mit der Künstlerin Pinar Yoldas, dem politischen Philosophen Michael Hardt und dem Künstler und Kulturaktivisten Chris Jordan auch Essays des transmediale-Leiters Kristoffer Gansing, der Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Ingeborg Reichle und der Wissenschaftlerin Jennifer Gabrys. Es ist dadurch gleichzeitig informativ, bisweilen schockierend und dennoch ermutigend. Der Leser wird nicht allein gelassen mit dem Gefühl der Ohnmacht angesichts der drohenden Apokalypse auf Grund unserer menschlichen Teilnahmslosigkeit gegenüber unserem immensen Plastikverbrauch. Stattdessen eröffnet das Buch eine inspirierende neue Möglichkeit, unsere Beziehung zu dem von uns produzierten Abfall zu betrachten.

Das Buch wird gegliedert durch Illustrationen von Pinar Yoldas` Arbeit „An Ecosystem of Excess“, welche zu Spekulationen über komplexe Meereslebensformen anregen. Diese sollen sich in einer post-menschlichen, aber vom Menschen gemachten Umwelt an die Ernährung von Plastik angepasst haben. Motiviert durch die Entdeckung des „Großen Pazifikmüllflecks“, einer Ansammlung von Plastikmüll von der Größe Mitteleuropas, der in einem Ozeanstrudel treibt, ist diese Idee nicht so unvorstellbar und die Künstlerin liefert faszinierende Bilder davon, wie diese scheinbar unnatürlichen Lebensformen aussehen könnten. Die Millionen im Ozean treibenden Partikel existieren, sind aber größtenteils für das menschliche Auge unsichtbar und so bietet die Visualisierung von Mutationen von Lebensformen in „An Ecosystem of Excess“ in gewisser Weise eine Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Das Ergebnis, die Abbildungen im Buch und die Idee dieser Dinge, wie Vögel mit Federn in Pantonefarben, ist – milde ausgedrückt – beunruhigend.

Im Ganzen bietet das Buch nicht nur eine Reihe von Schocktaktiken und schwer verträglichen wissenschaftlichen Fakten und Zahlen. Vielmehr gipfelt die Sammlung von Essays, Interviews und Illustrationen in einer vollständigen Sicht auf das, was aus neuen Entdeckungen und allgemein bekannten Tatsachen zu Plastikmüll entnommen werden kann. Dies bietet dem Leser einen neuen Ausblick auf die andauernde Debatte darüber, was wir bezüglich unseres Plastikverbrauches tun können. Wie wir alle wissen, gibt es nicht die eine Lösung zu diesem Problem und weder Pinar Yoldas als Künstlerin noch die Autoren behaupten, eine Lösung bereitzuhalten. Aber vielleicht könnte diese Art von Werk aufzeigen, wie Künstler einen intuitiven und inspirierenden Weg für uns anbieten können, wenn es um ein umfassenderes Verständnis der Probleme geht, denen unser Planet heute gegenübersteht.

Alana Blake studiert Fine-Art im irischen Dublin und absolviert gerade im Rahmen des Erasmus-Programmes ein Auslandssemester an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in der Klasse für Malerei/Grafik bei Heribert C. Ottersbach.

Heike C. Mertens (Hrsg.): Pinar Yoldas - An Ecosystem of excess, Ausstellungskatalog der Schering Stiftung, argobooks, 2014, 20 x 18 cm, 1. Auflage, ISBN: 978-3942700481

 

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Future scenario in an Ecosystem of Excess | #2 / 2015

Book review by Alana Blake


"Climate change, environmental pollution and world hunger - the negative consequences of our consumer society are omnipresent... Turkish artist Pinar Yoldas points out the dangers caused by the plastics polluting the oceans while also creating a unique future scenario." Printed on the advent of Pinar Yoldas' first solo exhibition in Germany, “An Ecosystem of Excess”, in the Berlin project space of the Schering Foundation (January 24th to May 4th 2014), this book gives a detailed overview of the work in the exhibition as well as an informative overview of the scientists research and concerns of ecological activists about the vast amount of plastic waste in our oceans. Backed by empirical research done by marine and macro biologists, what is interesting about this book is through the essays, interviews and art work contained within it it poses the question of how looking at it from an artistic point of view could help the problem. And the answer is quite intriguing. A question worth noting is raised; how does the human mind come to terms with the issue of the vast amount of plastic waste we produce, such world-altering facts and unimaginable numbers provided to us by scientists and the media? How do we process this information? Perhaps the visual is a more conceivable way to look at this issue.

Containing interviews with the artist Pinar Yoldas, political philosopher Michael Hardt and artist and cultural activist, Chris Jordan as well as essays by transmediale-director Kristoffer Gansing, cultural scientist Ingeborg Reichle and scientist Jennifer Gabrys, the book is informational, shocking at times yet encouraging. One is not left feeling impotent in the face of the oncoming apocalypse due to our human lethargy over our enormous consumption of plastics but more with an inspiring new way of looking at our relation to our waste.

The book is divided with images of the work of Pinar Yoldas' project An Ecosystem of Excess which offer speculations of complex marine life forms that adapt to living off plastic in the ocean, in a post-human, man- made environment. Motivated by the discovery of the so- called Great Pacific Garbage Patch, a collection of plastic waste the size of Central Europe found to be floating in a vortex in the ocean, this idea is not inconceivable and the artist provides arresting images of what these seemingly unnatural life forms might look like. The millions of particles floating in the ocean exist but are mainly naked to the human eye and so perhaps this visualisation of the mutation of life forms in “An Ecosystem of Excess” somehow offers a visualisation of the invisible. The result, the images in the book, and the idea of such things as birds with Pantone coloured feathers is disconcerting, to say the least.

Overall the book does not just provide a series of shock tactics and indigestible scientific facts and figures. Rather, the collection of essays, interviews and illustrations culminates in a rounded perspective on what can be taken from new discoveries and also commonly known issues around plastic waste. This provides the reader with a new outlook on the ongoing debate of what can we do about over consumption of plastics. There is yet, as we all know, no one solution to this problem and the artist nor writers do not pretend to hold one, but maybe this type of work could show how artists can provide an intuitive and inspiring way for us to gain a greater understanding of the issues facing our planet today.

Alana Blake studies Fine-Art in Dublin, Ireland, and undertakes a semester abroad at the Academy of Visual Arts Leipzig in the Painting/Print class of Heribert C. Ottersbach.

Heike C. Mertens (ed.): Pinar Yoldas - An Ecosystem of Excess, exhibition catalogue by Schering Foundation, argobooks, 2014, 20 x 18 cm, 1st edition, ISBN: 978-3942700481

 

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Mehr als eine nahezu ausgestorbene Drucktechnik | #1 / 2015

Abb.: MMKoehn.

Gastbeitrag von Claudia Gehre

Cliché verre - als kunstinteressierter Leser ist man sofort neugierig und gleichzeitig etwas ratlos, was das eigentlich ist. Die gleichnamige Publikation wurde von Vlado & Maria Ondrej herausgegeben, die mit ihrem Atelier für Radierung in der Spinnerei beheimatet sind und für ihre Experimentierfreude rund um die Druckgrafik bekannt sind. Aus dem Einführungstext von Karoline Mueller-Stahl wird klar, dass Cliché verre eine nahezu ausgestorbene grafische Mischform aus Zeichnung, Radierung und Fotografie des 19. Jahrhunderts darstellt: eine Glasplatte wird mit einer lichtundurchlässigen Schicht überzogen, welche dann radiert wird oder die besagte Platte wird mit opaquer Farbe bezeichnet, mit fotografischen Techniken bereichert oder alles wird gemischt - die Möglichkeiten sind zahllos. Im nächsten Schritt wird die Glasplatte wie ein Negativ verwendet und auf Papier oder einen anderen Träger belichtet. Was hier so einfach klingt, bedurfte in der Praxis viel Zeit zum Forschen, Probieren, Herumexperimentieren und Ausloten - erst allein und dann gemeinsam mit anderen Künstlern. Die Ergebnisse können im Hauptteil des Buches bestaunt werden: eine spannende Mischung aus bekannten und unbekannten, internationalen und Leipziger Künstlern unterschiedlicher Disziplinen wurden vom Atelier für Radierung zusammen mit den Kuratoren Frank Motz und Natalie de Ligt eingeladen, Cliché verre auszuprobieren. Die vorgestellte Bandbreite reicht von zarten, aber akribisch anmutenden Liniengebilden der Grafikerin Maribel Mas über die altbekannten Porträts von Christoph Ruckhäberle, der in dieser Technik seine Bildsprache konsequent weiterverfolgt, bis hin zu Farbexperimenten von Marie Carolin Knoth, die ihre Glasplatte um überarbeitete Siebdruckfilme erweiterte und mit kolorierten Bildträgern arbeitete. Neben den Werkabbildungen geben die Autoren Susanne Altmann, Frank Motz und Natalie de Ligt in kurzen Texten Einblick zu jedem Künstler. Abgerundet wird das Ganze durch einen Blick in die Geschichte der Technik durch Agnes Matthias. Das Design, gestaltet und gesetzt von Maria Magdalena Koehn und als eines der ersten Bücher in ihrem unlängst gegründeten Verlag erschienen, überzeugt durch ästhetische Klarheit, das den Werken die Hauptrolle überlässt. Kurzum, dieses Buch ist Jedem zu empfehlen, der etwas über die Technik und die Möglichkeiten des Cliché verre erfahren möchte. Die Arbeiten selbst können im April 2015 in der Ausstellungsreihe „Cliché verre reloaded – Ein Angriff auf die Zeit“ in Barcelona bewundert werden.

Claudia Gehre ist freie Kunstwissenschaflterin und Kuratorin. Sie studierte Kunstgeschichte und Japanologie in Leipzig und Wien und war 2014 Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.

Vlado & Maria Ondrej - Atelier für Radierung Leipzig (Hg.): „Cliché verre“, MMKoehn Verlag, 2014, 20 x 25,5 cm, Auflage 1.000, mit Einleger in englischer und spanischer Sprache, ISBN: 978-3-944903-01-9

 

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Künstlerbuch voll fragender Geschöpfe | #4 / 2014

Das im Februar 2014 erschienene Künstlerbuch „Nun gut, wer bist du denn?“ der Malerin Heike Kati Barath, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung vom 8. Februar bis 30. März 2014 in der Städtischen Galerie Delmenhorst erschien, bildet den Abschluß der diesjährigen Büchertipp-Reihe.


Die Berliner Malerin ergriff selbst die Initiative und verwirklichte, gemeinsam mit dem Siebdrucker Gundolf Roy, die Herstellung des im Eigenverlag entstandenen und handgemachten Kataloges "Nun gut, wer bist du denn?". Auf diese Publikation folgte die gleichnamige Dokumentation zur Ausstellung in der Villa in Delmenhorst, herausgegeben von der Städtischen Galerie. Zusammen mit Ihrer Klasse für Figurative Malerei an der Hochschule für Künste in Bremen (HfK) fertigte Heike Kati Barath im Nachgang noch ein weiteres Buch mit dem Titel „Horst Delmen“ an. Dieses Künstlerbuch wiederum versammelt neben Arbeiten der Studierenden auch ein Zwiegespräch, das Horst Delmen mit sich führt und von den Werken der Studierenden inspiriert ist.

Die drei sehr unterschiedlichen Kataloge repräsentieren alle nicht nur die Arbeiten zur Ausstellung von Heike Kati Barath, sondern bestechen auf ihre eigene Art und Weise. Das zuerst erschienene Künstlerbuch macht den Ausstellungstitel „Nun gut, wer bist du denn?“ zum leitenden Motiv, die Frage prankt auf dem weißen Umschlag des Buches. Wie die Anführungszeichen andeuten, handelt es sich um ein Zitat, und zwar aus Goethes „Faust I“, nämlich, als Dr. Faust einen Pudel als Mephistopheles entpuppte. Eine Antwort wird dem Betrachter bei Barath zunächst vorenthalten. Stattdessen eröffnet das Buch mit 32 der charakteristischen Portraits der Malerin. Jede einzelne Seite ist dabei mühevoll im Siebdruckverfahren gefertigt. Diese Technik lässt sich nicht nur gut ansehen, sondern ist haptisch spürbar und beim Durchblättern des schweren Papiers schnappt man hin und wieder den Geruch der Farben auf, so als wären sie noch frisch. Baraths unverwechselbare Geschöpfe sind dabei auf wesentliche Merkmale reduziert. Und doch hält jedes für sich unverkennbare Emotionen fest, verkörpert durch kindlich-unschuldig wirkende Figuren oder Tiere mit rätselhaften Anomalien. Allesamt sind die Porträts farbenprächtig, einige besitzen leuchtende, ins Auge stechende Akzente. Die eindringlichen Blicke der Figuren erzählen ihre eigenen Geschichten und erfragen zugleich die des Betrachters: Das bin ich. Und wer bist du? Unweigerlich fragt man sich, ob und wie man sich in die Serie der Gesichter einfügt. Die Reihe ist angefüllt mit sonderbaren Überraschungen für das Auge des Betrachters: sie ist düster, angsteinflößend und fantastisch - ein einnehmendes Wechselspiel zwischen Unschuld und Schauder.

Das Verhältnis von Gut und Böse ist zentrales Thema im Werk der Künstlerin Heike Kati Barath. Es dreht sich um die Frage: Was ist das Böse? Was ist die Verbindung des Guten zum Bösen? So wird auch die bucheröffnende Frage „Nun gut, wer bist du denn?" zum Schluss von Mephisto beantwortet: „Ein Teil von jeder Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Heike Kati Barath: „Nun gut, wer bist du denn?“, 2014, 29x21cm, Auflage 500, ISBN: 978-3-944683-03-4

 

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123 grandios gescheiterte Ideen | #3 / 2014

Gastbeitrag von Ucce Agada

Ich gehe davon aus, und ich denke so ergeht es auch dem Großteil aller Leser, dass ein Text erst dann für gut erachtet wird, wenn man sich selbst mit ihm identifizieren kann. Für das Lesen des schmalen dunkelblauen Buches „123 Ideas“ von Helmut Smits brauchte ich nicht viel Zeit. Als Architekturstudent mit einem ausgeprägten Sinn für Ästhetik fallen mir vor allem Bücher mit außergewöhnlichem Format ins Auge – aber nicht nur die Größe dieses Buches, sondern auch dessen Inhalt, in diesem Fall absichtlich unvollendete Ideen, die skizzenhaft dargestellt sind, begeisterte mich. Dieses Buch war den vielen Skizzenbücher, die sich bei mir als Designstudent und selbsternanntem Philosophen Zuhause angesammelt haben, nicht unähnlich. Darin enthalten ist die triumphale Offenbarung von Ideen, die man nicht einmal zwei Tage nachdem man sie zu Papier gebracht hat, im Geiste zu misslungen oder erfolglos herabstuft. Zwar gibt es einige, wenn auch nicht viele, dauerhafte Ideen, die man gern verwirklichen würde, doch diese schlummern teilweise noch Monate oder gar Jahre im Skizzenbuch. Helmut Smits hat diese individuellen und zufälligen Ideen, Entwürfe und Anregungen, obgleich sie wertlos oder nutzlos waren, für sich in einem Projekt zusammengefasst und festgehalten. Entstanden ist ein Buch, das in keiner Kunstbibliothek fehlen sollte. Es ist ein Buch, das die Kreativität anregt und Innovation ermöglicht, obwohl es dich gleichzeitig daran erinnert, dass es sich nicht um originale Ideen handelt. Wenn du in den Seiten blätterst, fällt dir vielleicht ein, dass du selbst eine Idee für eine Lampe verbunden mit einem Lesesessel hattest oder du stellst ebenso fest, dass China tatsächlich eine ähnliche Form wie Nordamerika besitzt.

Das Oxford-Blau des Kunstleder-Buchdeckels erscheint als Fassade eines ehrwürdigen Textes mit bedeutenden Ideen, die der Autor für wertvoll genug empfand, um sie niederzuschreiben, aber zu schwierig, um sie tatsächlich zu verwirklichen.

„Bücherregal Billy“ ist eine meiner Lieblingsideen von Smits als Designer. Es ist ein Bücherregal mit mehreren verstellbaren Böden. Sie tragen nur ein bestimmtes Gewicht. Legt man die Regalböden allerdings übereinander, können sie auch mehr Gewicht tragen. Diese Idee weckt den Wunsch in mir, selbst ein Regal mit verstellbaren Böden zu bauen. Es ist eine einfache und machbare Idee, die ich auch Zuhause verwirklichen könnte.

Das Buch ist nicht nur unterhaltsam, sondern bereichert mit Ideen, denen man folgen könnte. Helmut Smits teilt interdisziplinäre Ideen aus verschiedenen Genres mit seinen Lesern. Ein Buch wie „123 Ideas“ ist meiner Meinung nach magisch, da es den Autor auf eine Art und Weise therapeutisch unterstützt, und das auf Grund seiner Gelassenheit und einfachen Aufmachung ohne Angst vor Kritik. Der Text dient dem Leser dazu, sich zu unterhalten und zu informieren, ähnlich wie ein Spielfilm oder eine gut produzierte Dokumentation. Ebenso ermutigt mich der Text dazu, zu meinen eigenen Ideen zu stehen, ohne Angst vor negativem Feedback (denn es sind nur Ideen).
Man könnte glauben, dass es Unmengen an Gedanken und Kraft bedarf, um ein so gutes Buch hervorzubringen. Helmut Smits hingegen gelingt mit „123 Ideas“ scheinbar mühelos ein hochwertiges und lesenswertes Kunstbuch.

Hut ab!


Ucce Agada aus Portland (USA) studiert Architektur in Leipzig.

Helmut Smits: 123 Ideas, Onomatopee Verlag, 2008, 12 x 8 cm Auflage: 500, ISBN: 978-90-78-454-151.


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123 Ideas by Helmut Smits

Book review by Ucce Agada

As I would assume it is with most everyone, it isn't until I can find myself in a text that I regard the text as a good one. It didn't take long for the small dark blue book titled „123 Ideas” by Helmut Smits to resonate with me. As an Architectural Design student with a keen sense on aesthetic, there is an artistic appeal in the proportion of books which range on the wings of the size-spectrum. Not only the size but also its contents which are formatted as intentionally unfinished ideas in sketchbook bravura excited me. This book was not unlike the many notebooks I, as a student of design and self proclaimed Philosopher, have compiled at home containing the triumphant epiphany which is descended into your mental category of abortive or ineffectual not even two days after writing it down. Though there are some, if not many, lasting ideas which you would like to get out but they instead sit in your notebook for months, years even. Helmut Smits has saved these individual and random ideas, projects and suggestions of his own and has compiled them, whether valuable or useless, into one blended project worthy of shelving in any art library.

This is a book which keeps the creativity flowing. This book allows for innovation whilst reminding you that there are no original ideas. You may come across one of these pages and discover that you also had an idea for a lamp connected to a reading chair or thought that China did have a similar shape to North America. It's Oxford Blue faux leather book cover facades as a venerable text of some sort, a revealing of ideas which the author found worthy enough to be credited for but helpless in his attempt to actually create these ideas.

„Bookcase Billy”

One of my favorite and useful ideas from Smits, as a designer, is certainly his idea he calls Bookcase Billy. Bookcase Billy is a bookshelf with multiple adjustable planks, explained like so "one plank can only take a certain weight - If you put several planks on top of each other, they can take more". This idea sparked a desire in me to create a shelf with adjustable planks. Simple and doable idea that I could start on at home.

Not only is the book entertaining but also enriching with ideas which you could act on. Helmut Smits shares ideas which cross genres and add to several disciplines. A book like “123 Ideas” is a magical one in my opinion because it serves the writer in such a way where it allows him to release in a therapeutic manner without fear of feedback because of its offhand delivery and presentation. The text serves the reader in a way that it entertains and informs, much like a film or well produced documentary. The text also encourages me to share my random ideas and lay them out causally without fear of negative feedback (since they're just ideas).
One would think that in order to produce a valued book, he or she must put an immense amount of thought and force into it. Contrarily, Helmut Smits, with “123 Ideas”, creates a quality art book and does so effortlessly.
Kudos.


Ucce Agada from Portland (USA) studies Architecture in Leipzig.

Helmut Smits: 123 Ideas, Onomatopee, 2008, 12 x 8 cm, edition: 500, ISBN: 978-90-78-454-151


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Texte aus Leipzig zur Kunst, Architektur und Gesellschaft | #2 / 2014

Im Gegensatz zu den von uns üblicherweise vorgestellten Künstlerbüchern und Ausstellungskatalogen, ist der Büchertipp im Juli von heterogener Natur: das „LeseBuch Peter Guth“, im Miriquidi Media Verlag in Kooperation mit dem Verlag für moderne Kunst Nürnberg erschienen, bietet eine Zusammenstellung von Texten eines der wichtigsten Kritiker und Autoren der Bildenden Kunst und Architektur in Leipzig.

Peter Guth kam als Assistent für Kunstgeschichte und Ästhetik der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle (Saale) nach Leipzig, um als Kunstkritiker Fuß zu fassen. Dafür bewarb er sich persönlich bei der Kulturredaktion des Sächsischen Tagesblattes und bekam unter Constanze Schneider seinen ersten Rezensionsauftrag über eine Ausstellung junger Künstler in der „Moritzbastei“. Nach 11 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit übernahm 1990 der Axel Springer Verlag die Zeitung und Peter Guth schrieb fortan für die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Leitung von Dr. Eduard Beaucamp. Sechs Jahre später fing er wieder vermehrt an für die Leipziger Volkszeitung zu schreiben:

„Zur Freude seine Leser fand er dabei zu einer Betrachtungsweise, die unter der gewohnten Oberfläche Tunnel grub und oft dabei ein Netzwerk zwischen der Ober- und Unterschicht der mehr als sensiblen Haut der Kunstszene schuf.“ (Bernd Sikora, Erinnerungen an Peter Guth, S. 10).

Allerdings war lange Zeit nicht klar, welchen Weg Peter Guth gehen würde. Erst die Begegnung mit Hartwig Ebersbach brachte seine Entscheidung, Texte für Künstlerkataloge und Ausstellungen zu schreiben und nebenbei an den Hochschulen in Halle (Burg Giebichenstein) und Leipzig (HGB, HMT) zu arbeiten.

2002 wurde Peter Guth Mitglied des Sächsischen Kultursenats und hinterließ eine lange Reihe an Rezensionen, Reden, Katalogtexten, Aufsätzen sowie Texte zu Buchpublikationen.

„Da schrieb jemand, der von Kunst etwas verstand, der keine Kritik verfasste, um den Kritisierten ‚in die Pfanne zu hauen‘ – und das bei aller Sachlichkeit so frisch und amüsant […]“ (Constanze Schneider, S. 15).

„Daß man dies alles und sehr viel mehr in einem sorgfältig edierten Buch lesen und weiterlesen kann, ist das Verdienst Bernd Sikoras und all derer, die ihn bei dem mühevollen Unternehmen unterstützt haben, das verstreute, in viele Einzelstücke zersplitterte Schreibwerk dieses Kenners, Liebhabers, Kritikers der Künste zu bergen, zu sichten und eine umfassende Auslese daraus in Druck zugänglich zu machen.“ (Friedrich Diedemann, Zum Geleit, S. 7)


Bernd Sikora (Hrsg.): LeseBuch Peter Guth. Verlag für moderne Kunst; Miriquidi Media, 2013.


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Zusammen ist man weniger allein | #1 / 2014

Ausstellungskatalog: Liebe. Love – PAARE (2007)
Auf dem Cover - ein Paar eng umschlungen, leidenschaftlich küssend; der Buchrücken in rosa – die Farbe der menschlichen Liebe und dann pranken da noch in großen blauen Lettern die Worte: Liebe. Love – PAARE. Bereits der Einband lässt keine Zweifel über den Gegenstand des Buches offen. Es handelt vom Wesen der menschlichen Liebe, der Einheit zweier Menschen. Das Paar ist eines der ältesten und selbstverständlichsten Sujets in der Kunst und doch ein wenig beachtetes. Ein Grund, den Beate Reese zum Anlass nahm, diesem Thema eine facettenreiche Ausstellung zu widmen, zu der die gleichnamige 200-Seiten umfassende Publikation erschienen ist. Rund 120 Werke von der klassischen Moderne hin zur zeitgenössischen Kunst veranschaulichen den künstlerischen Blick auf die Paarbeziehung. Den Beginn macht die romantische Radierung „Liebe“ des deutschen Malers Heinrich Vogeler aus dem Jahr 1896, der eine Abbildung der Lithografie „Eifersucht“ von Edvard Munch aus dem selben Jahr gegenübergestellt ist. Die verschiedenen Positionen aus Malerei, Grafik, Bildhauerei, Fotografie und Film sind im Buch chronologisch angeordnet, und skizzieren auf anschauliche Art und Weise die sich verändernde Darstellungstradition einer Paarbeziehung. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde das Paar vorwiegend in mythologischen und christlichen Kontexten gezeigt, aus dessen Referenzrahmen es sich suksessive löst. Farbgebung, Gestaltungsmittel und Themata ändern sich – das Paar im Streit, im alltäglichen Leben, als Familie, getrennt oder als gebrochene alte Menschen. In der Pop-Art „verführt von den Massenmedien“, zeigen die Werke bekannter Vertreter wie Warhol oder Lichtenstein stereotype Rollenklischees, entnommen und reproduziert aus Film und Werbung. Während die jüngere Künstlergeneration (u.a. Daniela Comani, Christian Jankowski), eher tradierte Geschlechterrollen künstlerisch reflektiert und ein Hauptaugenmerk auf die Identitätsfindung innerhalb einer Beziehung, auf die Suche nach dem Ich im Anderen legt. Mit zahlreichen begleitenden Textbeiträgen zu ausgewählten Werken sowie der kunsthistorischen Bedeutung des Sujet, ist der Ausstellungskatalog ein vielschichtiger Streifzug durch die Bildwelt von Adam und Eva bis hin zur Liebe in Zeiten des Internet.

Dr. Beate Reese „Liebe. Love – Paare“, Kerber Verlag, 2007. S. 200


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Liebe als Drahtseilakt: Ein modernes Weihnachtsmärchen | #5 / 2013

Im Dezember möchten wir Sie mit unserem Büchertipp für das Künstlerbuch „Rope Dancer Falling in Love – The Christmas Story“ begeistern. Es ist die englischsprachige Version des Buches „Seiltänzerin mittendrin“, der Autorin Ulla Mothes und der Künstlerin Anija Seedler aus dem Jahr 2008.
Passend zur Weihnachtszeit wird die besinnliche Liebesgeschichte des Paares Marie und Josch geschildert. Als ehemalige Seiltänzerin vermisst die schwangere Marie die Leichtigkeit in ihrem Leben. Ihrem eher bodenständigen Mann Josch zuliebe, gab sie ihre Passion, den Hochseiltanz, auf („ I don´t want to lose you between sky and earth“), während Josch für sie auf seine waghalsigen Fahrradtrips verzichtet. Jetzt, kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe und der Familie, streiten sich die beiden. Marie fühlt sich von dem ganzen Kitsch und Krimskrams erdrückt und will die Weihnachtskugeln wegwerfen. Erbost geht Josch im Schnee Fahrrad fahren - während Marie auf eine hohe Lichterkette klettert. Marie auf dem Hochseil sinnierend und Josch mit dem Fahrrad unterwegs, erinnern sie sich getrennt voneinander, an ihr Kennenlernen, ihre gemeinsamen Ausflüge, ihr Zusammenleben und bemerken eine Leere ohne den jeweils anderen Partner.
Mit neuen Christbaumkugeln im Gepäck erklärt Josch Marie, dass diese Kugeln für sie beide als Einheit stehen: Silber wie der Himmel und rund wie die Erde. Mit ihrem runden Bauch lässt sich Marie zu Josch hinab und „The closer she came to the ground, the more brilliant the sky became, and that had never happened before.“ Die moderne Weihnachtserzählung von Ulla Mothes wird umrahmt von den fließenden Aquarellen der Leipziger Künstlerin Anija Seedler. Mit scheinbar leichtem Pinselstrich gezeichnet, versprühen ihre Illustrationen Poesie und Eleganz und verleihen der Geschichte einen unbeschwerten Charakter, der die Tiefe der Bedeutung von Weihnachten in sich trägt.

Mothes, Ulla: „Rope Dancer Falling in Love – The Christmas Story“; wiew publishers, 2008, S. 24


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Kunst ist Essen ist Kunst | #4 / 2013

25 Installationen zwischen Berlin und New York

Im Monat November möchten wir Ihnen den Sammelband „Kunst ist Essen ist Kunst“ mit Arbeiten verschiedenster promineter Künstler wie Jörg Immendorff, Elvira Bach, Arman, Hermann Nitsch oder James Rizzi wärmstens empfehlen. Mit dem Titel des Buches stellten die Autorinnen, eine Fotografin und eine Journalistin, eine hübsche These auf, die ihnen als brauchbare Arbeitshypothese half eine Reihe bekannter Künstler dazu verführen zu können, für sie die Tische zu decken. Kunst und Essen – seit Beginn des 20. Jahrhunderts bilden diese beiden Bereiche eine Allianz, die die Kunst revolutionierte: Die Dadaisten und die Fluxus-Gruppe experimentierten mit Essbarem, Daniel Spoerri entwickelte “Fallenbilder”, in denen er die Überreste eines Abendessens im Rahmen fixierte und an die Wand hängte. Sehen wir uns die Bilder der Künstlertische an, die dieses Buch vereinigt, dann wird dem Betrachter schnell klar: Hier wird nicht der Völlerei oder der Verschwendung das Wort geredet. Im Gegenteil. So wie der Künstler heute weiß, dass er in seinem Werk gegen die Bilderflut der Werbung, der Illustrierten und des Fernsehens – eine permanente Überschwemmung mit optischen Reizen – ankämpfen muss, so bezieht er auch, wenn es ums Essen geht, Position und nimmt unübersehbar Stellung gegen die satte und satuierte Welt einer imganinierten Schickeria.

So weit und so deutlich es denn geht, wollen sich die Künstler absetzen von den Verführungen der Überflussgesellschaft, mögen sie auch von deren Gunst nicht ganz unabhängig sein. Alle Künstler wissen, wie könnte es anders sein, wie wichtig es ist, jeden sinnlichen Eindruck ins Visuelle zu transponieren. Anders als über das Visuelle wären sinnnliche wie geistige Erfahrungen für den Künstler ja nicht zu vermitteln. Aber nur wenige sind heute bereit, für uns einen Augenschmaus anzurichten. Da muss es überraschen, dass Robert Wilson, der Superminimalist, es sich nicht nehmen ließ, in seinem Garten ein opulentes Buffet mit alles Schikanen zu inszenieren. Als weitere Beispiele serviert Cynthia Knott Austern auf einem Ölbild in der Atlantikbrandung, Sandy Skoglund arrangiert Popcorn und Tony Cragg und Arman verweisen symbolisch auf das Genre des Silllebens.

Zusammen mit Fotos aus dem Atelier und Lebensumfeld der Künstler und den erklärenden Texten der Journalistin Claudia Steinberg gelingt den Autorinnen ein völlig neuer Zugang zu modernen Künstlern und deren Schaffen. Ob spielerisch, ernst oder sinnlich – sie offenbaren eine neue Perspektive auf Werk und Persönlichkeit und ermöglichen Kunstinteressierten den Zugang zu sonst oft “rätselhaft” erscheinenden Exponaten moderner Malerei und Skulptur. „Kunst ist Essen ist Kunst“ ist eine 191-Seiten lange Sammlung mit Installationen und sehr aufschlussreichen Texten, die uns verschiedene Sichtweisen und Zugangsmöglichkeiten zum Thema Essen in und als Kunst bietet. Das Buch befindet sich neben anderen Bänden zum Thema im ausstellungsbegleitenden Handapparat zur laufenden Ausstellung „The Politics and Pleasures of Food“, welche noch bis zum 17. November zu besichtigen ist.

Steinberg, Claudia: „Kunst ist Essen ist Kunst“; Knesebeck Verlag, 2004, S. 191


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Gut Leben ohne nix - Ein Kochbuch der etwas anderen Art | #3 / 2013

Ans Herz gelegt sei diesmal die Publikation „Neue Steinzeit“ (2012) des in Wien lebenden Performancekünstlers Götz Bury. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise und die daraus resultierende Verunsicherung nahm Bury 2012 zum Anlass, eine Art postapokalyptischen Survival-Ratgeber im Selbstverlag (Feuersteinverlag) herauszubringen.
Eine neue (schöne) Steinzeit bezeichnet Bury das Leben nach dem Ende der Zivilisation, das, wenn man dem Künstler glauben darf, nicht mehr weit entfernt ist. Doch wie kommen „Digital Natives“ in einer Zeit zurecht, in der „es darum geht, ein Feuer ohne BIC-Feuerzeug zu entfachen“ oder die Kommunikation plötzlich wieder auf analogem Weg stattfindet? Neben Abhandlungen über die Beschaffenheit der „fortgeschrittenen Wegwerfgesellschaft“, dem Haltbarkeitsdatum schwedischer Möbel oder die Neue Steinzeit als der Stunde der Wahrheit, finden sich in dem Buch zahlreiche Bastelanleitungen, wie man sich aus - in der neuen Steinzeit - zwecklos gewordenen Dingen überlebenswichtige Gegenstände fertigt. Denn das menschliche Dasein wird dann wieder reduziert sein auf das Existenzielle, nämlich „die Erhaltung der Lebensfunktionen“.
So wird ein ½ Fußball zu einem Nudelsieb umfunktioniert, unbrauchbare Limonade-Flaschen werden zu Flip Flops geformt oder aus einer Holzschraube ein Fleischmesser modelliert. Der obligatorische Rezeptteil darf in einem Kochbuch natürlich nicht fehlen. Als kulinarische Modern-Stone-Age Kreationen sollen an dieser Stelle das Birkenbier oder Bronzezeitlicher Nordic Grog als Beispiele erwähnt werden. Mit dem Rezept, wie man aus Brot Geld bäckt - natürlich im eigens dafür hergestellten Ofen-, stellt Bury kurzerhand die alte indianische Weissagung: „Wenn alle Bäume gefällt, alle Flüsse vergiftet und alle Fische gefangen sind, dann werdet Ihr sehen, dass man Geld nicht essen kann“ in Frage. Denn Euro-Banknoten bestehen immerhin aus reiner Baumwolle. Und so wird dem Leser ein unvergessliches, kohlenhydratreiches und äußerst sättigendes Geschmackserlebnis versprochen, welches man dann mit der Gabel, die in früheren Zeiten mal ein Zollstock war, verspeisen kann.

„Götz Burys Neue Steinzeit“ ist ein 97-Seiten langes, höchst anschauliches Plädoyer für die Komplexität der Nahrungszubereitung, der wir uns heute kaum noch bewusst sind und eine humorvolle Stichelei gegen die Wegwerfmentalität der gegenwärtigen Konsumgesellschaft. Das Buch inklusive weiterer delikater Rezepte befindet sich neben seinem zweiten Kochbuch „Gaumenkitzel für den hohlen Zahn“ (2010) in dem ausstellungsbegleitenden Handapparat zur laufenden Ausstellung „The Politics and Pleasures of Food“, in welcher man sich die Installation „Arbeitessen mit Schnittkäse“ von Götz Bury noch bis zum 17. November ansehen kann.

Bury, Götz: „Götz Burys Neue Steinzeit: Kochbuch“; Feuersteinverlag Wien, 2012, S. 97


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Ghana im Portrait | #2 / 2013

Gastbeitrag von Frank Motz

Als mir Kofi Setordji von der Nubuke Foundation in Accra, Ghanas Hauptstadt, Max Milligans Fotobildband „Ghana: A Portrait“ in die Hand drückte, war ich so begeistert, dass ich sofort ein halbes Dutzend weitere erwarb (damals hatte ich noch ein Privatbudget für derlei Dinge). Mit einem Vorwort des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan, kam das Buch 2007 anlässlich des 50. Jahres der Unabhängigkeit Ghanas als „Golden Jubilee Edition“ heraus – Höhepunkt eines 15jährigen (publizistischen) Traums. Ghana hat 1957 als erstes Land im subsaharischen Afrika seine Unabhängigkeit erlangt, war sozusagen ein Türöffner für die Autonomie andere Nationen.

Sicher fehlen auf ihre Weise "pittoreske" und doch das ganze Ausmaß dessen, was wir „Globalisierung“ nennen, aufs Härteste in Erinnerung rufende Gegenden wie Sodom and Gomorrha (eine Stadtregion als Vorhölle, in der junge Menschen unter Aufopferung ihrer Gesundheit Computer, Fernseher, Kühlschränke und anderes technisches Gerät aus der "Ersten Welt" zur Edelmetallgewinnung verbrennen) oder Lavender Hill in James Town (ironisch nach dem Gestank des als Müllkippe missbrauchten Ortes benannt), die Tro-Tro-Fahrten und die Highlifemusik, die Gated Communities in Trasacco Valley und der Akumajay Community Park, alles in und um Accra, der facettenreichen Viermillionenmetropole an der westafrikanischen Atlantikküste. Doch ließ der Autor des Buches keine Region des Landes aus und malte (mit analoger Kamera) das Bild von einem Land, das Afrikas größte Ressourcen, die Wärme, Freundlichkeit und Bescheidenheit seiner Einwohner und den unglaublichen, endlosen Reichtum seiner Farben und Formen, seiner Flora und Fauna, herauszustellen vermag.

Vier Monate zog er von der Küstengegend über Zentralghana, die Voltaregion mit ihren bewaldeten Bergen im Osten des Landes bis in den trockenen Norden mit seinen Moscheen aus dem 13. Jahrhundert. Fischer und ihre Boote, Märkte und ihre Händler, Bauern und ihre Ernte, die bemalten Skulpturen der Särge und ghanaischen Trauerfestivals, die Sänften der Chiefs, die verlassenen, teils vom Sand begrabenen Häuser, die Sklavenburgen und Forts der Briten, Holländer und Franzosen, die Bambuskathedralen, die Goldminen von Ashanti und die Ashanti- und Lehmziegelarchitekturen und selbst die Sonnenfinsternis vom 29. März 2006 finden sich in diesem Fotoprachtband. An dessen Ende gibt es ein kleines Kapitel mit Reklame- und Informationstafeln und -schildern, als ob deren Betrachtung eine nicht weniger unterhaltsame Alternative bieten könnte, Land und Leute besser kennen zu lernen: „What is written is written – No Food for Lazy Man“, „God Knows Modern Fashion“, „If God Permits – Furniture & Construction Works“, „Let My Enemy Live Long to See What I Will Be in the Future“. DAS Porträtalbum Ghanas.

Max Milligan: Ghana: A Portrait. Mit einer Einleitung von Kofi Annan. Accra: Nubuke Foundation, 2007. 256 Seiten


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Saddams Sturz und die Macht der Bilder | #1 / 2013

Immer wieder prägen sich Bilder von bestimmten einschneidenden weltpolitischen Ereignissen in unser Gedächtnis ein, die wir schnell, ja sofort für die exakten Abbilder der tatsächlichen Geschehnisse zu halten bereit sind. Vom Foto auf der Titelseite der Tageszeitung über die bewegten Fernsehbilder bis hin zu der Bilderflut, mit der uns das Internet heute überschwemmt, ist die Masse von Bildern, die uns vermeintlich Zeugen weltbewegender Vorgänge werden lassen, auf ein kaum mehr zu bezifferndes Ausmaß angewachsen.

Zu den prominentesten Bildern der jüngeren Vergangenheit gehören die der einstürzenden Zwillingstürme vom 11. September 2001. Unmittelbar danach hieß es, sie dokumentierten eine Zäsur der Weltgeschichte. Über ihre Macht kann kein Zweifel bestehen, haben sie doch Entwicklungen ausgelöst und ihrerseits Bilder hervorgebracht, deren Folgen schwer bis gar nicht beherrschbar scheinen. Da wären die Fotos der Gefangenen in Guantanamo, die von Koranverbrennungen und brennenden US-Flaggen, Bilder gedemütigter Häftlinge aus Abu Graibh und das Foto Saddam Husseins in einem Erdloch und das US-Präsident Barack Obamas, wie er im Lagezentrum des Weißen Hauses die Ermordung des Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden per Videoübertragung verfolgt. Die Kette der Bilder, die in 9/11 ihren Ursprung hat, reißt bis heute nicht ab. Ob diese Bilder inszeniert, zufällig entstanden, vorsätzlich platziert, versehentlich veröffentlicht oder vielleicht gar gänzlich gefälscht sind – wer vermag das mit Gewissheit zu sagen? Eines haben sie jedoch gemeinsam, ihren propagandistischen Gehalt. Wie mit ihnen kritisch umgehen?

Die Arbeit „Toppled“ (2010, dt.: „Gestürzt“) des Künstlers Florian Göttke beschäftigt sich mit einem Konvolut dieser Bilder. Während eines Zeitraums von mehreren Jahren hat Göttke über 700 Fotos unterschiedlicher Provenienz aus Internetquellen zusammengetragen, die allesamt die Saddam-Statuen zeigen, die nach dem Sturz des Diktators im April 2003 im Irak zu Fall gebracht wurden. Dabei handelt es sich sowohl um Bilder der Nachrichtenagenturen als auch um dutzende privater Amateuraufnahmen. Viele davon wurden von US-Soldaten gemacht, die die Fotos später ins Internet stellten, um sie mit Freunden und Familien in der Heimat zu teilen. Andere Fotos haben Iraker geschossen, wohl um die Tage des Umsturzes festzuhalten und sich per Bild des Triumphes über den verhassten Diktator zu vergewissern.
Ein Dia-Vortrag, den Göttke aus dem gesammelten Material zusammenstellte und der die Grundlage für das 2010 erschienene Buch bildet, zeigt die unterschiedlichsten Facetten der Verbannung des einstigen Herrschers und seiner Bildnisse aus dem öffentlichen Leben, ihre Entweihung, ihre Zerstückelung, aber auch ihre Transformation. Die stolzen überdimensionierten Statuen Saddam Husseins, einst Manifestationen einer totalitären Macht, werden als Fragmente jetzt zu Ikonen eines niedergeschlagenen Regimes. Die den Fotografien eigene Schnappschuss-Ästhetik lässt uns sehr nah an diesen „historischen Moment“ heran. Sie vermittelt ein sehr viel differenzierteres Bild der Geschehnisse als jene offiziellen Bilder der riesigen umstürzenden Saddam-Statue auf dem Firdous-Platz in Bagdad, mit denen die USA die Welt hatten glauben machen wollen, die irakische Bevölkerung selbst hätten den bronzenen Tyrannen zu Fall gebracht.

Die von Florian Göttke zusammengetragenen Bilder präsentieren uns fremde Menschen aus nächster Nähe, wütende Individuen mit verzerrten Gesichtern, die ihren Hass an am Boden liegenden Fragmenten auslassen, so, als hätten sie den leibhaftigen Saddam vor sich. Es kann einen erschrecken, dieses Unvermögen, eine reale Person von seinem Abbild trennen zu können, zeigt es uns doch, welch manipulative Wirkung das Visuelle auf uns haben kann und wie wenig rational wir alle uns Bildern gegenüber zu verhalten in der Lage sind. Wenn Florian Göttke den irakischen „Bildersturm“ als politischen Ikonoklasmus in einen kunsthistorischen Kontext einordnet, führt er uns gleichzeitig vor Augen, wie verführbar und korrumpierbar wir uns auch heute durch unsere moderne Bildkultur bewegen. Das Buch lädt zu einer intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit politischen Bildern ein, untersucht ihre Ikonografie, spürt ihrer medialen Wirkung nach, analysiert deren propagandistische und auch psychologische Sphären und ermahnt uns, dem Bild nicht per se zu trauen.
Hannah Moser

Florian Göttke: Toppled, Post Editions, Rotterdam, 2010.


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Künstlerische Positionen zur Wachstumsideologie | #1 / 2012

Die Kritik am Wachstum ist spätestens mit der Finanzkrise in allen gesellschaftlichen und politischen Sphären salonfähig geworden. Joachim Gauck spricht von „überbordenden Wachstumsfantasien“ und erklärt, dass Maßlosigkeit „uns in diese Krise geführt hat“. Studierende der Universität Freiburg diskutieren über eine „Wirtschaft ohne Wachstum“ und die „Notwendigkeit einer Wachstumswende“. Und in der Publizistik streiten sich Gegner und Befürworter des wirtschaftlichen Zuwachses. Neu ist die Wachstumskritik aber nicht. Anfang der siebziger Jahre entfachte die vom Club of Rome in Auftrag gegebene Studie „Die Grenzen des Wachstums“ endgültig jene Debatte, die bis heute anhält und die durch die krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre einen heftigen Schub erhielt.

Auch in der Kunst drückte sich das Unbehagen über die Folgen des wirtschaftlichen Handelns immer wieder aus. So enthielt die Arte Povera der sechziger und siebziger Jahre u.a. eine konsum- und fortschrittskritische Position, die teilweise auch in der Wahl der Materialien – Abfälle menschlicher Zivilisation – ihren Ausdruck fand.

In jüngster Zeit nahm sich eine Kollaboration aus dem Kunstverein Hannover, dem Kunsthaus Baselland und dem Kunstverein Frankfurt des Wachstumsthemas an. Das ambitionierte Projekt umfasste drei Ausstellungen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten an den genannten Standorten. Ziel des Vorhabens sei es nicht, neue Konzepte zum Ressourcenverbrauch und Wachstum zu entwerfen, sondern einen künstlerischen Umgang mit der „Wachstumsdoktrin“ zu schaffen, so informiert das Eingangswort des zu den Ausstellungen erschienenen Katalogs. Der Band vereint die verschiedenen Arbeiten und Künstler in alphabetischer Reihenfolge. Eingestreut in den eher textlastigen Katalog sind Artikel, die den Wachstumsbegriff aus unterschiedlichen Perspektiven theoretisch beleuchten. Athanasios Karathanassis' anspruchsvolle Analyse von Geld, Wert und Ware etwa spiegelt den Anspruch der Kuratorinnen und Kuratoren wider, das Ausstellungsprojekt in einen umfassenden gesellschaftlichen und politischen Kontext einzubetten.

Bei den Arbeiten der etwa dreißig Künstlerinnen und Künstler schimmert zumeist ein skeptisches Menschenbild durch. Demgegenüber erscheint die Natur mit ihrer regelmäßigen Abfolge von Entstehen und Vergehen als ein positives Gegenmoment. So mutet bei Ulrich Geberts Register „ungültiger“ Baumbezeichnungen der Mensch als ein unnatürlicher Fremdkörper an, der die Natur negativ überformt hat. Auch Rachel Sussman konzentriert sich mit ihrer photographischen Bestandsaufnahme der „ältesten Lebewesen der Welt“ auf „natürliche“ Wachstumsprozesse. Einen etwas komplexeren Ansatz entwickelt beispielweise Mark Boulos in seiner Videoinstallation „All that is solid melts into air“, in der er den Zusammenhang zwischen individuellem Leid und der globalen Wirtschaftspraxis herstellt.

Insgesamt ist es den Beteiligten gelungen, einen künstlerischen Zugang zu einem komplexen Thema zu finden. Ob die Künstlerinnen, Künstler und Autoren der Wachstumsideologie tatsächlich etwas entgegenzusetzen haben, bleibt bei der Lektüre natürlich jedem selbst überlassen.
Andreas Heinrich

Kunstverein Hannover, Kunsthaus Baselland, Frankfurter Kunstverein (Hrsg.): Über die Metapher des Wachstums, Christoph Merian Verlag, Basel 2011.


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Lexikonepisode | #11 / 2010

„Vier Zeilen in einem guten Lexikon sind mehr wert als der schönste Grabstein.” (Alex Guiness)

Die Verlagsgruppe Droemer Knaur ging aus der Vereinigung des 1901 gegründeten Knaur-Verlags mit dem Droemer Verlag hervor und ist vor allem bekannt für exzellent gemachte Ratgeber, Atlanten und Lexika. Seit Bestehen wurden unzählige Nachschlagewerke, unter anderem zur Mythologie, zu Symbolen, zur Weltliteratur oder zu Aquarienfischen, verlegt.

Neben dem „Lexikon Moderner Kunst“ (erstmals 1955) und dem „Lexikon Malerei und Grafik“ (2004) wurde im Jahr 1957 „Knaurs Lexikon Abstrakter Malerei“ von Michel Seuphor (1901-1999) veröffentlicht. Teilweise basierend auf dem 1949 publizierten Buch „L´árt abstrait, ses origines, ses premiers maîtres“ (etwa: Abstrakte Kunst, seine Ursprünge und seine ersten Meister) des belgischen Kunstkritikers und Malers vereinigt dieser Band ausführliche und reichlich bebilderte Darstellungen der geschichtlichen Entwicklung sowie ein Lexikon von Künstlerbiografien von A bis Z. Angefangen mit dem ägyptischen Künstler Raymond Abner, der sich selbst als einziger ungegenständlicher Maler Ägyptens bezeichnet, über Joseph Lacasse, dem die Gegenständlichkeit „die Universalität des Lebens verdeckt“, bis hin zu dem 1924 geborenen amerikanischen Maler Leo Zimmermann, der das gemeinnützige Zentrum für Kunst in Louisville gründete.

Im ersten Teil wird in mehreren Kapiteln eine Fortschrittsgeschichte von der figürlichen Malerei hin zur abstrakten Malerei skizziert: Überschriften lauten beispielsweise „Die Vorahnung der Abstraktion bei den Impressionisten“ und „Einzug der abstrakten Kunst in die offiziellen Museen“. Anschließend folgt eine chronologische Tabelle, die einen Überblick der Entwicklungen abstrakter Malerei in sechs Ländern gibt. Der Überblick endet in den Vereinigten Staaten mit dem Tod von Jackson Pollock 1956, in Deutschland, Frankreich, Holland und der Schweiz mit Ausstellungen abstrakter Kunst in Museen. Es gibt auch einen Zeitstrahl für Russland als wichtiges Zentrum der avantgardistischen, abstrakten Kunst. Es ist ebenso sprechend, dass der Autor den aktuellen Namen der Sowjetunion nicht erwähnt. Gegen Ende dieser chronologischen Tabelle bleiben viele Kästchen leer. Letzter Eintrag ist 1956 mit den Worten: „Mehrere junge Maler fertigen heimlich abstrakte Gemälde, die durch Reisende photographiert werden konnten.“ Gerade beredte Leerstellen wie diese sowie Satz und Gestaltung ganz im Geist des Modernismus zogen unsere Aufmerksamkeit auf diese Publikation. Trotz des optimistischen und auf Überzeitlichkeit angelegten Gestus dieses Standartwerkes gab es nach 1957 keine weiteren Auflagen dieses Kunstlexikons. Als Zeitkapsel eines heute gebrochenen Fortschrittsglaubens vermag uns diese Episode gebliebene Geschichtsfestschreibung zu faszinieren.

Seuphor, Michel, Knaurs Lexikon abstrakter Malerei, Droemer Knaur, München, 1957


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Seumul daseot: Koreanisch für 25 | #10 / 2010

Originalsprachige Kunstkataloge und weitere Dokumente aus Kunstzentren rundum den Globus sind eine Besonderheit des in der HALLE 14 beheimateten Bücherschatzes. Zahlreiche Galerien aus aller Welt sendeten sie als Teil ihrer Bewerbungen um einen Stand an eine große europäische Kunstmesse. Die Messeleitung spendete die Bücher für eine Bibliothek in der HALLE 14.

Das Presselob, wir hätten auch „ein Buch in Koreanisch“, veranlasste uns zu einer Tiefenrecherche in dem nur zum Teil erschlossenen Buchbestand. Das vorläufige Resultat dieser Forschung lautet, dass wir nicht nur eins, sondern mindestens 25 südkoreanische Kataloge unser Eigen nennen können. An dieser Stelle können wir an den Buchtipp Nummer 1 erinnern, den außergewöhnlichen Katalog des Künstlers Jorge Pardo (*1963) zu einer Ausstellung in der P K M Gallery Seoul. Hinzu kommen noch einige Bücher, die europäische und US-amerikanische Künstler in Koreanisch vorstellen. Unsere Schatzkiste birgt eine Publikation der Galerie de Seoul aus dem Jahr 1987, die die wichtigsten Werke des französischen Ausnahme-Avantgardisten Marcel Duchamp (1887-1968) vorstellt. Ein leuchtend gelbes, quadratisches Heft, auf dessen Cover das berühmte Signum LOVE prangt, zeigt anlässlich einer Ausstellung in der Hyundai Gallery Skulpturen des US-amerikanischen Pop-Art-Künstlers Robert Indiana. Eine Publikation der Gana Art Gallery stellt Arbeiten von zehn berühmten, modernen und zeitgenössischen Bildhauern vor. Von der Hu Gallery, der Yeh Gallery, der Galerie de Seoul und der Cais Gallery haben wir zahlreiche Kataloge, die Arbeiten koreanischer Künstler präsentieren. Dazu zählen die erotischen Fotografien von Byung-Hun Min (*1955), Keramikskulpturen von Suk-Young Kang (*1949), Naive Malerei von Lee Chungwoon (*1950) und farbige Lithographien von Seung Yeon Kim (*1955).

Das Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst Koreas stellt Bae Lee (*1956) als Künstler des Jahres 2000 vor. Ein schwerer, farbiger und umfassender Katalog trägt den Titel „The Worlds of Nam June Paik“: Im Jahr 2000 stellte eine Ausstellungskoproduktion zwischen dem Solomon-Guggenheim-Museum in New York und dem Samsung Museum of Modern Art in Seoul das Œuvre Südkoreas berühmtesten Kunstsprosses Paik (1932-2006) vor. Der spätere Fluxuskünstler und Medienkunstpionier hatte allerdings das Land schon 1950 während des Koreakrieges verlassen und lebte fortan vor allem in den USA. Ebenbürtig ist ein auf 2000 Stück limitierter Katalog von Ik-Joong Kang (*1960), der „Mr. Paik“ gewidmet ist und ihm in der Widmung von 2007 – ein Jahr nach seinem Tod – ein glückliches, gesundes und erfolgreiches Neujahr im Himmel wünscht. Ik-Joong gilt, obwohl er als US-amerikanischer Staatsbürger in New York City lebt, als einer der bedeutendsten südkoreanischen Künstler der Gegenwart. Seit 1999 lässt er sich von Kindern aus aller Welt Zeichnungen ihrer Träume zusenden. Zuletzt rief er in „Small pieces for peace“ (2007) dazu auf und stellte die Einsendungen als Installation parallel zum G8-Gipfel in Heiligendamm im Münster von Bad Doberan aus. In einem Brief lud er die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit folgenden Worten ein, dorthin zu kommen:

„Ich weiß, dass Sie für die Vereinigung Deutschlands gearbeitet haben, dass Sie helfen, Afrika zu entschulden. Ich weiß, dass Sie aus einem christlichen Elternhaus kommen, dass Sie für Balance sind, zwischen den Armen und den Reichen. Ich weiß, dass Sie Positives für das Klima tun und ich weiß, dass Sie sich für Menschrechte einsetzen: in China und überall. Und ich weiß auch, dass wir da noch viel zu tun haben um die Mauern durchlässig zu machen. Mauern in unseren Gefühlen, in unseren Köpfen, in der globalen Ökonomie und Ökologie. Wenn wir die Stimmen der Kinder verbinden, reißen wir die Mauern um uns ein. Und diesen unsinnigen Zaun… den brauchen Sie doch gar nicht: Angela, let’s tear down the walls!“
(Ik-Joong Kang, 21.5.2007)

Wie sie auf die Einladung reagierte, ist nicht bekannt. Der Zaun rundum den Tagungsort blieb zumindest bis zum Ende stehen.

 

Airan Kang, a&a, Seoul 2000
Gilles Allaud, Galerie de Seoul, Seoul 1992
Karel Appel, Yeh Art Gallery, Seoul 1990
Bae Lee, National Museum Of Contemporary Art, Korea 2000
Mark Brusse: About Base, Yeh Gallery, Seoul 1991
Byung-Hun Min, Cais Gallery, Seoul 2001
Chang-Dorn Park, Yeh Art Gallery, Seoul 1991
Chungwoon Lee, Yeh Gallery, Seoul 1989
Marcel Duchamp, Galerie de Seoul, Seoul 1982
Gwangju Biennale 2006, Gwangju Biennale, Gwangju 2006
Ik-Joon Kang, Velocity Co., Seoul 2007
Robert Indiana, Gallery Hyundai, Seoul 2004
Jung Kwang, 1989
Kwon Soo Park, Gallery Hyundai, Seoul 1989
Matta, Galerie de Seoul, Seoul 1985
Modern and Contemporary Sculptures, Gana Art Gallery, Seoul 1997
Oh Seyeol, Yeh Gallery, Seoul 1990
Paik Nam June: The Worlds of Nam June Paik, Ho-Am Art Gallery, Seoul 2000
Jorge Pardo: untitled, Kyoung-mee Park, sept. 27 – oct. 25, m, P K M Gallery, Seoul 2002
Passage 2009 - Universal Cube, Kunst Doc, Leipzig 2009
Seung Yeon Kim, Hu Gallery, Seoul 1986
Suk-Young Kang, Hu Gallery, Seoul 1987
Hong Myun-Seop, Gaaian Gallery, Seoul 1997
Woong Kim, Yeh Art Gallery, Seoul 1991
World Contemporary Art and International Biennales, The 6th Gwangju Biennale, Gwangju 2006


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LUBOK FÜR DAS VOLK | #9 / 2010

Das russische Wort Lubok bedeutet übersetzt soviel wie „Lindenholztafel“ und verweist ursprünglich auf farbige Einblattholzschnitte. Als handkolorierte Druckgrafiken haben Lubki ihren Ursprung in der russischen Volkskunst, in der sie vom 17. bis zum Anfang des 20. Jahrhundert weit verbreitet waren: Zum einen, weil sie wegen ihres erzählerischen, patriotischen oder gesellschaftskritischen Charakters sehr beliebt waren, zum anderen, weil sie praktisch jedermann günstig erwerben konnte.

Der Maler Christoph Ruckhäberle gründete im Jahr 2008 den Lubok-Verlag. Seitdem gibt er dort gemeinsam mit dem Grafiker Thomas Siemon unter dem Titel „Lubok“ eine Reihe originalgrafische Künstlerbücher mit Linolschnitten heraus. Jeder Band enthält die Grafiken von circa 10 verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen. Die Linolschnitte werden eigens für diese Publikation angefertigt. Gedruckt werden sie von den Originaldruckstöcken auf der Schnellpresse „Präsident“ aus dem Jahr 1958 in der Druckerei der edition carpe plumbum auf der Leipziger Baumwollspinnerei. Jede Seite dieser vorwiegend im Hochdruckverfahren produzierten Bücher ist einzigartig. Die Nummer 1 der Lubok-Reihe erschien 2007 in einer Auflage von 500 Stück und ist bereits vergriffen. Seitdem sind bisher sieben weitere Lubki in verschiedenen Auflagen erschienen. Außer der Reihe veröffentlicht der Verlag Künstlermonografien mit Linolschnitten. Er vereint damit Grafik-Originale in bezahlbaren Künstlerbüchern und macht Druckkunst für viele Menschen zugänglich, also „Bilder fürs Volk“, wie in Anspielung auf die ursprüngliche Herkunft der Lubki auf der Webseite des Verlages geschrieben steht.

Auch die Gäste der Kunstbibliothek der HALLE 14 können sich von dem visuellen, haptischen und aufgrund des Geruchs der Druckerschwärze auch olfaktorischen Unikatsanspruch der Bücher überzeugen. Neben allen Ausgaben der Lubok-Reihe ist unsere Bibliothek im Besitz der Monografie „Porträts“ (2009) von Christoph Ruckhäberle, welche 88 Original-Linolschnitte des Malers enthält, sowie den Lubok-Monografien von Johannes Eckhardt, Volker Pfüller, Katharina Immekus, Tal R, Gabriela Jolowicz, Katja Schwalenberg, Jirka Pfahl, André Butzer und Christoph Feist.

Christoph Ruckhäberle, Thomas Siemon (Hrsg.): Lubok 1-8, Leipzig, Lubok Verlag, 2007 - 2010


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Nach dem Zapfenstreich: Musik und Kunst im Dialog | #8 / 2010

In einer innerstädtischen Baseler Kaserne wurde 1978 die „Kulturwerkstatt Kaserne“ gegründet, die eine Umnutzung der ehemaligen Militäranlage mit künstlerischen und kulturellen Projekten vorsah. Bis heute, 30 Jahre später, ist die Kaserne Basel ein zentraler städtischer Ort für die freie zeitgenössische Theater-, Tanz- und Performanceszene, sowie für Konzerte im Bereich der Populärmusik.

Vom 6. Mai bis 26. Juni 1988 fand als Kooperationsprojekt zwischen dem „raum für kunst“und der Kulturwerkstatt die Ausstellung „Annäherungen“ statt. Sie widmete sich dem Dialog zwischen bildender Kunst und Neuer Musik. Kunstsparten übergreifend kollaborierten Musiker und bildender Künstler miteinander und gestalteten aus dieser künstlerischen Begegnung heraus eine gemeinsame Ausstellung. Ausgangspunkt für alle teilnehmenden Künstler und Musiker war dabei der Raum als Voraussetzung, als Rahmen oder als Raum im Raum. Ergebnisse dieser Interaktionen waren verschiedenste Raum-Skulptur-Bild-Klang-Installationen.

Vier Duos zeigten im „raum für kunst“ ihre Rauminterventionen, namentlich Catrin Lüthi-Künzli und David Johnson, Franz Goldschmidt und Rob Hordijk, Werner Merkofer und Bernhard Wulff sowie Elisabeth Masé und Hans Wüthrich, für die die Beziehung zwischen bildender Kunst und Neuer Musik im „Leerraum“ lag, „dort, wo weder Form noch Farbe noch eine festgelegte Klangfolge zu dominieren versucht.“ Der Fokus des Musikers Wüthrich war auf die Beschaffenheit der Wand gerichtet. Er nahm sich einen Stein und fuhr damit die gesamte Wand entlang. Die entstandenen Geräusche wurden aufgenommen. Auch ging er damit über die an der Wand gehängten Holz- und Metallplatten von Elisabeth Masé. Auf diese Weise wurde nicht nur der Raum, sondern auch ihre Werke akustisch „sichtbar“ gemacht.

Eine ähnliche Herangehensweise, nämlich die des Rauminneren, hatten auch Peter K Frey und Niklaus j. Lenherr, die - neben Matthias Frey und Markus Eichenberger sowie Claudia Roth und Alfred Zimmerlin - die Wechselwirkungen ihrer akustisch-visuellen Zusammenarbeit im Ausstellungsraum Kaserne präsentierten.

Ausstellungsbegleitend wurden die Resultate dieser Symbiose von bildender Kunst und Neuer Musik in einem Begleitheft festgehalten. Da die visuelle Dokumentation nicht die akustischen Momente dieser Annäherungen wiedergeben kann, liegt in der Pappschatulle dem Heft auch eine Kompaktkassette bei. Auf dieser Kassette befinden sich Originalaufnahmen der Ausstellungen. Ist es einmal ein dumpfes gleichmäßiges Klopfen, Poltern oder Knattern, kommen in einer Live-Veranstaltung auch Kontrabass, Saxophon, Klarinette und Synthesizer zum Einsatz. Die Hintergrundstimmen von Ausstellungsbesuchern und der eigentümliche Charme dieser Kassette zusammen mit den Bildern lassen die Ausstellung nach über 20 Jahren wieder lebendig werden und machen diese Dokumentation zu etwas Besonderem.

Annäherungen - bildende Kunst und Neue Musik, Ausstellungsraum Kaserne, Kulturwerkstatt Kaserne, raum für kunst, Basel 1988


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Eine Hommage an den Ficker | #7 / 2010

Was ist wohl der Inhalt einer Ausstellung, die sich „Der Ficker“ nennt? Die Antwort könnte so nah liegen, wäre aber zu einfach. Um unsere Leser nicht lange im Dunkeln verharren zu lassen, lösen wir des Buchtipps Rätsel: Der Name „Der Ficker“ ist ein Ausstellungs- und Publikationstitel verschiedener österreichischer Künstler und bezieht sich auf den Innsbrucker Verleger und Schriftsteller Ludwig Ficker von Feldhaus (1880-1967). Ludwig Ficker von Feldhausen ist Kennern bekannt als Förderer und Verleger von Georg Trakl, Karl Kraus  oder Ludwig Wittgenstein sowie als Herausgeber der Halbmonatszeitschrift für Kunst und Kultur „Der Brenner“. Die Zeitschrift avancierte während ihres Bestehens von 1910 bis 1954 zu einer der wichtigsten Plattformen für Kulturkritik und avantgardistische Literatur im deutschsprachigen Raum. Als Hommage an diese Zeitschrift initiierte Franz West eine Art Wiederaufnahme mit der Publikation „Der Ficker“. Zu den beteiligten Künstlern zählen neben Franz West, Benedikt Ledebur, Martin Kippenberger, Jörg Heiser, Albert Oehlen, Rudolf Polanszky, Peter Cole und das Künstlerduo Clegg&Guttmann.

Mit Text- und Bildbeiträgen stellen sie sich in die Tradition des „Brenners“ und verorten sich im kulturellen Umfeld Innsbrucks. Ihre Arbeiten, die 2005 in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman in Innsbruck zu sehen waren, kreisen vorwiegend um den Begriff der Collage, den die Künstler als das verbindende Moment zwischen ihren Werkgruppen sehen. Das offenbaren die im Katalog abgedruckten Gespräche und Diskussionsrunden zwischen den Künstlern und dem Herausgeber Benedikt Ledebur, in denen sie ihre Arbeitsmethoden und ihre künstlerische Herkunft reflektieren. In Interviews wie zum Beispiel „Dialektik der Fälschung oder wie sich Kaninchen rückwärts fortpflanzen“ (zwischen Ledebur und West) werden sprachtheoretische und philosophische Themen in derart interessanter Manier behandelt, dass dieses Buch weit über einen Katalog zur Ausstellung hinausgeht.

Benedikt Ledebur (Hrsg.): Der Ficker (Dt./Engl.), Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Innsbruck 2005


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Binäre Gegensätze: Alt/Neu, Text/Bild, Mann/Frau | #6 / 2010

Was ist das? Es sieht aus wie eine Videokassette, ist nur noch größer, zu groß, um sie in einen Videorecorder zu bekommen. Fraglos steht man vor diesem Relikt aus offenbar vergangenen Tagen und weiß sich nicht anders zu helfen, als Google und Wikipedia – die allwissenden Informationsmaschinen unserer Zeit – zur Identifikation heranzuziehen. Und man wird fündig – es handelt sich hierbei um das erste Kassettenformat für die Aufnahme und Wiedergabe von Bild und Ton – eine U-matic, also den Vorläufer einer Videokassette. Sie wurde Ende der 1960er (1968/69) entwickelt und vorwiegend in Sendeanstalten zur elektronischen Berichterstattung verwendet. Bis zum Ende der 1990er Jahre war dieses Videoformat als Vorgänger der DVD in der Kunstwelt und in Ausstellungen häufig anzutreffen. Um die Vielfalt und Einzigartigkeit unserer Mediensammlung zu beweisen, zeigen wir unseren Gästen immer gern diese U-matic. Ein Journalist beschrieb sie einst als „so groß wie heute normale Laptops“.

In dieser 32 Sekunden langen, digitalen Animation von Kiki Seror nimmt die franko-amerikanische Künstlerin real stattgefundene Konversationen aus Sex Rooms im Internet und transformiert diese in ihrer Arbeit in Bilder, die einem rosafarbenen Kreuz, einem Negligé, einem Tattoo oder menschlichen Körperflüssigkeiten ähneln. Die in New York lebende Künstlerin arbeitet vorwiegend mit digitalen Medien. Mit ihren Arbeiten versucht sie vor allem die binären Dynamiken zwischen männlich/weiblich und Text/Bild darzustellen und gleichermaßen zu zerlegen. Im Wesentlichen untersucht sie dabei Sprache als subversives Werkzeug und versucht teils mit Sprache, teils mit stumpfen, pornografischen Bildern die traditionellen Klischees von Geschlechteridentitäten zu dekonstruieren. So auch in der Animation „Fly-By Mission: Invisible Invaders“ aus dem Jahr 2000, die man sich aufgrund eines fehlenden U-Matic-Abspielgerätes in unserer Bibliothek leider nicht anschauen kann.

Für Eindrücke dieser Arbeit sei man aber auf die bei uns vorliegende Fotodokumentation der italienischen Galerie Borromini Arte Contemporanea verwiesen. Auf der Internetplattform Smartvideoserver.org können zwei weitere Animationen von Seror, „Paradise Lost“ und „Phantom Fuck“, online abgerufen werden.

Kiki Seror. Fly-By Mission: Invisible Invaders 2000, 00:32 min Loop, Courtesy I-20 Gallery, 2000

Kiki Seror, Borromini Arte Contemporanea, Ozzano Monferrato, 2003


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Sprachattacke | #5 / 2010

Schon namentlich steht das seit den 1960ern aktive Künstlerkollektiv Art&Language für einen „Linguistic Turn“ der Kunst. Die Künstlergruppe, zu dessen bekanntesten Vertretern Terry Atkinson, Michael Baldwin, David Bainbridge und Harold Hurrell gehörten, schuf sich mit dem 1969 erstmalig herausgegebenen, gleichnamigen Magazin ein eigenes Diskursforum.

Sowohl dieses Kunstjournal als auch ihre Arbeiten nutzten sie als Plattform für die kritische Analyse der Beziehungen zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik, womit sie eine Entmystifizierung der Kunst bezweckten. Hauptkritikpunkt war die Nicht-Sprachlichkeit klassischer Kunstformen wie Malerei und Skulptur. Ihr Ziel war es, die Sprache in die Kunstproduktion zu überführen. Von diesem sprachlich-analytischen Standpunkt aus plädierte Art&Language für theoretisch orientierte Arbeiten und wurden damit neben Joseph Kosuth und Lawrence Weiner zu den wichtigsten Mitbegründern der Konzeptkunst. Ihre teilweise kontroverse Programmatik brachte dem Künstlerkollektiv in manchen Kreisen auch den liebevollen Spitznamen „radical bad boys“ der Konzeptkunst ein. Höhepunkt dieser Kooperation war 1972 der Auftritt bei der Documenta 5 mit ihrem umfangreichsten Werk „Index 0001“, das aus einem ganzen Raum voller Karteikästen mit Hunderten von Kärtchen und komplizierten sprachlichen und logischen Bezügen bestand. Seit 1976 besteht dieses Projekt im Wesentlichen aus der theoretisch-kritischen Zusammenarbeit zwischen Michael Baldwin, Mel Ramsden und Charles Harrison.

Der 2005 erschienene, englischsprachige Band „Art&Language: Writings“ ist eine Art Reminiszenz an die mannigfaltigen Aktivitäten der drei Künstler. Auf den 300 Seiten sind theoretische Arbeiten, Buchbesprechungen, Songtexte, Briefe, Ausstellungskritiken bis hin zu einem Exzerpt eines Librettos vereint, die einen umfassenden Einblick in die Arbeiten von „Art&Language“ zwischen 1980 und 2002 geben und so einzigartige Kenntnisse über ihr Kunstverständnis vermitteln. Wie der Klappentext hervorhebt, sind die Texte nicht nur als Überblick zu verstehen, sondern sollen gleichzeitig die radikale Umwertung des modernistischen Projektes demonstrieren: „We aim to be amateurs!“

Art&Language: Writings, Lisson Gallery, Arte Distrito, Madrid 2005


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MAGNUM OPUS | #4 / 2010

Schon Gewicht und Umfang dieses Kataloges trägt dem Schaffen des Schreibkünstlers, Lautpoeten und Schriftstellers Carlfriedrich Claus (1930-1998) Rechnung. Als Individualist in Isolation des real existierenden Sozialistischen Realismus pflegte er aus seinem Annaberger Domizil grenzüberschreitenden Gedankenaustausch mit zahllosen Künstlern und Philosophen der Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Sprach-  und Schriftexperimenten wie „Geschichtsphilosophisches Kombinat“, „Aggregat K“ und „Basale Sprech-Operationsräume“ gilt er gleichzeitig als Pate und Brückenglied zwischen den historischen Avantgarden und der oppositionellen Kunstszene der DDR, die nicht zuletzt eine Keimzelle für zeitgenössische Künstler ostdeutscher Provenienz bildete, die es in den internationalen Kunstbetrieb schafften.

Die Kunstsammlung Chemnitz ist die Heimstätte der Schriftblätter, Tondokumente, Briefe und Tagebücher, die Claus’ intermediäres Lebenswerk bilden. 2005 zeigte eine umfassende Ausstellung die geistigen Koordinaten von Claus’ Kunstuniversum auf und setzte seine Arbeiten in den Kontext der klassischen Moderne von Paul Klee bis Jackson Pollock. Der dazugehörige Katalog bietet auf 544 Seiten nicht nur großformatige, farbig und edel gedruckte Reproduktionen zahlreicher Werke von Claus und seinen Brüdern und Schwestern im Geiste, sondern auch eine Auswahl seiner Briefe, Zeugnisse von Weggefährten und kunsthistorische Aufsätze.

Ingrid Mössinger, Brigitta Milde (Hrsg.): Schrift. Zeichen. Geste. Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock, Kunstsammlung Chemnitz, Wienand Verlag, Köln 2005


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Nick Caves' Soundsuits. Eine Box voller Klanganzüge | #3 / 2010

„Nick Cave, Soundsuits, 2009, Jack Shainman Gallery” liest man auf einem kleinen Zettel auf einer großen weißen Box, die uns im letzten Jahr mit zahlreichen Büchern, Mappen, DVDs und so weiter als Spende einer großen europäischen Kunstmesse erreichte. Mit dem Namen Nick Cave verbindet man „The Bad Seeds”, Duette mit Kylie Minogue und Songs wie „Baby I´m on Fire“ oder „As I sat sadly by her side“. Dass der Sänger und Songwriter aber in die Kunstwelt eingestiegen ist, wäre neu. Gespannt öffnet man diese Box. Immerhin könnte der Name „Soundsuits“ (auf Deutsch etwa: Klanganzüge) eine Anspielung auf sein musikalisches Schaffen sein.

Auf den Musiker stößt man beim Öffnen der Schachtel nicht, dafür allerdings auf ein buntes Potpourri. Neben einer Pocketkamera, Buttons und Spielkarten enthält der Karton eine aufblasbare Standfigur, eine Art Weihnachtsbaumanhänger, einen Magneten, ein Poster und vieles mehr. Auf all diesen Dingen sind Menschen in eigenwilligen Kostümen abgebildet, den so genannten „Soundsuites.“ Aufgrund des folkloreartigen Charakters dieser eigenartigen Ganzkörperanzüge, denkt man an Ritualkleidung, vielleicht australischer Ureinwohner. Ein Hinweis auf den australischen Sänger Nick Cave? Nein, die beiliegende Beschreibung der New Yorker Galerie offenbart, dass es sich hier nicht um Kunst des bekannten Musikers handelt, sondern um einen in Chicago (US) lebenden Namensvetter: den Tänzer und Künstler Nick Cave. Dieser kombiniert in seinen „Soundsuits“ Modern Dance mit Textilkunst. Medien- und Materialvielfalt der Box ist charakteristisch für Caves Kunst. Aus Zweigen, Menschenhaar, Sisal, Knöpfen, Federn, Pailletten, Blättern und Ähnlichem kreiert er seine eigenwilligen Kostüme, die sich zudem durch auffällige Farbgestaltung, Muster und traditionelle Ornamente auszeichnen.

In groß angelegten Tanz-Performances auf Straßen, in Ausstellungsräumen und öffentlichen Gebäuden verwandeln sich Tänzer durch die Kostüme in lebende Skulpturen. Das volle Spektrum der Geräusche und Klänge, die diese opulenten Anzüge erzeugen, das Rauschen und Rascheln geben dem Projekt den Namen „Soundsuits.” „Art should always be an exchange” sang sein australischer Namensvetter.

Nick Cave, Soundsuits, Jack Shainman Gallery, 2009


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Frankfurter Zwischenfälle mit Andy-Double | #2 / 2010

Catchy! Das berühmte Siebdruck-Porträt Andy Warhols auf Buchrücken und Titel zieht das Interesse des Kunstfreunds magisch an. Doch der Name, der den Umschlag ziert, will nicht zu den geweckten Erwartungen passen: Oskar? Der Untertitel „a novel“ verspricht uns einen englischen Roman, doch die unnummerierten, dicht, sachlich, auf Deutsch bedruckten Seiten in der Anmutung eines Copyshop-Readers lassen eher an ein Drama denken. Die Urheber der mysteriösen Zusammenstellung, Michael S. Riedel und Dennis Loesch, sucht man lang. Fündig wird man lediglich im Impressum, das gleichzeitig verrät, dass es sich um die 64. Nummer einer 500er Auflage handelt, die 2003 in Paris gedruckt wurde. Stand auf der Rückseite nicht „printed in U.S.A“?

Der Kunstjournalist und Situationismus-Experte Roberto Ohrt berichtet in einem vorangestellten Essay über den mutmaßlichen Hintergrund dieses Druckwerkes. Seit dem 30. Juni 2000 war die Frankfurter Oskar-von-Miller-Straße 16 ein „Schauplatz permanenter Einführungen in die Kunst des Zwischenfalls“. Die beiden Künstler Riedel und Loesch veranstalteten dort in „unzuverlässiger Folge“ Blueprints von Ausstellungen, Clubabende, Konzerte und Filmvorführungen. Stets ging es um die Kopie, das „Spiel des Doppelgängers ohne Legitimation“. Dem Vorwort folgen Dokumentationen in Text und Bild von Aktionen, die hier in den ersten drei Jahren stattgefunden hatten. Sie trugen für sich sprechende Titel wie „Clubed Club“ und „Filmed Film“. In „Warhol Shooting“ taucht auch der Staranwalt des künstlerischen Re-Produktes wieder auf. Zahlreiche weiße Bögen am Ende des Werkes scheinen auf die Zukunft der „Millerstraße“ zu verweisen, die laut Internetrecherche noch bis 2007 andauerte.

Michael S. Riedel, Dennis Loesch: Oskar-von-Miller Strasse 16, Silverbridge, Paris 2003


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Archäologischer Art-Fiction | #1 / 2010

Das Künstlerbuch The Art Collection: The Cabinet of Ramon Haze zeigt Werke aus der Kunstsammlung eines gewissen Ramon Haze. Der Kunstdetektiv, Künstler und Sammler Ramon Haze ist eine Fiktion der beiden Künstler Andreas Grahl und Holmer Feldmann. Aus einer nicht näher bestimmten Zukunft spürt Haze Kunstwerke des 20. Jahrhunderts auf. Anhand der gesammelten Fundstücke beginnt er für sich, die ihm ferne Kunstepoche zu rekonstruieren.

Die Gegenstände, die Feldmann und Grahl in Wirklichkeit meist in Abrisshäusern gefunden hatten, werden von Ramon Haze als Kunstobjekte in einem Archiv versammelt und Künstlern wie Constantin Brancusi, Marcel Duchamp oder Ilja Kabakov zugeordnet. Die Sammlung unterliegt stetiger Veränderungen – Neufunde kommen hinzu, Kunstgegenstände gehen verloren. Die Künstlerbiografien in dem 1999 im Spector Verlag erschienenen Buch verorten die Künstler und ihre Werke in der Vergangenheit und setzen sie oft in einen außergewöhnlichen historischen Kontext: So liest man, dass Duchamps Urinale aus Dresden stammten oder der erste von Ferdinand Porsche konstruierte Wagen schon 140 Kilometer pro Stunde fuhr. Während Porsche aufgrund futuristischer Fehlinterpretationen von Ramon Haze als Vertreter für praktisch fundierte Kunst gilt, „die nicht nur die überlieferte Formensprache erweitert, sondern sich auch als körperliche Erfahrung vermittelt“, stellt er sogar den Terroristen Andreas Baader als Künstler vor, der mit seiner Gruppe RAF Aktionen durchführte, die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren: „Mit diesem inszenierten Scheitern griff die RAF auf die romantische Tradition des einsamen, verkannten Künstler zurück, verschaffte sich aber gleichzeitig gesellschaftliche Relevanz.“ Feldmann und Grahl suchten sich nach eigenen Aussagen schwarze Stellen in den Biografien der „Künstler“, so dass diese Angaben prinzipiell alle wahr sein könnten.

Die Sammlung von Ramon Haze wurde der Öffentlichkeit seit 1997 dreimal als unterschiedliche, begehbare Installationen vorgestellt. Das Buch zur Installation hat der Grafikdesigner Markus Dreßen (Spector Leipzig) als seine Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gestaltet. Es ist ein einzigartiges Buch, dessen Schriftart, Satzspiegel, Papierart und Werkverzeichnis an eine Publikation des 19. Jahrhunderts erinnert und aufgrund seines ungewöhnlich großen Formats (46 cm x 35 cm) in kein Bücherregal unserer Bibliothek passt.

Feldmann, Holmer & Grahl, Andreas: The Art Collection: The Cabinet of Ramon Haze, Hrsg. Kunstverein Leipzig e.V, Leipzig, Spector Verlag, 1999


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Ho! Ho! Ho! | #3 / 2009

"Ho! Ho! Ho!“ lautet der Erkennungsruf von Knecht Ruprechts amerikanischen Bruder Santa Claus. Den einen oder anderen mag es an die Rufe revolutionswilliger 68er erinnern „Ho!Ho! Ho-Chi-Minh!“ Für das Anliegen des Videokünstlers Jun Nguyen-Hatsushiba ein sinniges Wortspiel. Die Vietnamesen nennen Landsleute wie Nguyen-Hatsushiba, der 1968 in Japan geboren wurde und in den USA aufwuchs, Viet Kieu. Es handelt sich dabei um eine Bezeichnung für Menschen mit vietnamesischen Wurzeln, die nicht in Vietnam aufwuchsen, aber in das Land ihrer Eltern zurückkehrten, das sie sich nun wie Touristen erschließen müssen. Der Künstler lebt heute in Ho-Chi-Minh-Stadt (vormals: Saigon).

Der Unterwasserfilm, dessen Titel mit "Ho! Ho! Ho! Fröhliche Weihnachten: Kampf am Staffeleipunkt - Memorialprojekt Okinawa" übersetzt werden könnte, kommt in Hollywoodästhetik daher. Mit Kreiden bewaffnete Taucher rüsten sich mit ihren Staffeleien zu einem malerischen Kampf. Gegenstand des Kreidekrieges sind Hollywood-Stars wie zum Beispiel Sylvester Stallone, die im Kino als fragwürdige Kriegshelden auftraten.  Die Porträts der Schauspieler kommentieren die je nach geopolitischer Verortung unterschiedlichen Interpretationen des Kriegsgeschehens. Die nutzlose Mission endet ohne Sieger. Jun Nguyen-Hatsushiba drehte das Video in der Nähe einer Militärbasis der USA auf der Insel Okinawa, die von 1945 bis zu ihrer Rückgabe an Japan unter amerikanischer Besatzung war.

Jun Nguyen-Hatsushiba: Ho! Ho! Ho! Merry Christmas: Battle of Easel Point – Memorial Project Okinawa, single-channel video, 15 min, 2003/04


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Eine Reise um die Welt auf 155 Seiten | #2 / 2009

Der Düsseldorfer Fotograf Axel Hütte ist bekannt für seine Landschaftsaufnahmen. In dem Katalog „Kontinente“ aus dem Jahr 2000 werden Fotografien gezeigt, die auf seinen Reisen von 1997 bis 1999 entstanden. Es sind menschenleere und asketische wirkende Aufnahmen. Wie der Name bereits vermuten lässt, sind verschiedenste Gebiete von allen sechs Kontinenten abgebildet. Während Europa immer im Morgennebel zu liegen scheint, wie die Gebirgsspitze des Lombo do Mouro in Portugal oder der Hüfigletscher in der Schweiz, besitzen die Fotografien aus Nordamerika wie Horse Creek in Kanada oder der Turnagain Arm in Alaska eine eher kühle, distanzierte Atmosphäre. Im Gegensatz dazu fallen die Aufnahmen der australischen Vegetation wiederum allesamt durch ein kräftiges, saftiges Grün dem Betrachter ins Auge.

Begleitet werden Hüttes Aufnahmen von Reiseessays und Gedichten des renommierten niederländischen Schriftsteller Cees Notebooms. Noteboom ist selbst ein begeisterter Weltenbummler, der in den letzten zwanzig Jahren, zwar nicht die gleichen Orte wie Hütte, aber ebenfalls alle sechs Kontinente besucht hat. Und während Hütte zur Kamera griff, um einen Moment festzuhalten, griff Noteboom eben zum Stift. So schließen sich den Fotografien von Axel Hütte Gedichte, Eindrücke, Gedanken oder Anekdoten von Noteboom auf dem selben Kontinent entstanden an.

In den meisten Büchern, in denen Literatur und Kunst kombiniert werden, müssen sich diese beiden Einheiten bedingen. Meist ist eine untrennbare Synthese von Aussage und Form des Buches die Zielsetzung der Verbindung von Bild und Text. In dem Katalog „Kontinente“ ist dies glücklicherweise nicht der Fall. Sowohl die Panoramafotografien von Hütte als auch Notebooms Reiseanekdoten funktionieren sehr gut unabhängig voneinander. Gerade daraus ergibt sich der Reiz dieser Symbiose.

Axel Hütte, Cees Nooteboom: Kontinente, Schirmer/Mosel, München 2000


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Bibliophile Cumuluswolke

 | #1 / 2009

Dieser Katalog des 1963 in Havanna (CU) geborenen und heute in Los Angeles (US) lebenden Künstlers Jorge Pardo fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen oder - auf eine Bibliothek übertragen - aus dem Regal. Der 2002 zu einer Ausstellung in der P K M Gallery in Seoul (KR) erschienene Katalog gleicht in seiner Form einer Wolke. Zweiundvierzig orange-gelb-kakigrün-gemusterte Seiten verweisen mit einem Text, der nicht mehr verrät als ein Museumsetikett, lediglich auf sich selbst als eigenständiges Kunstwerk: „untitled, Kyoung-mee Park, sept. 27 – oct. 25“.



In seinem formvollendeten doch Funktionalismus verweigernden Design fordert dieses im eigentlichen Wortsinn „haltlose“ Katalogwerk den Bibliotheksalltag heraus. „Dieses Ausloten von Gestaltungsmöglichkeiten im Grenzbereich von Kunst und Architektur, von Design und Skulptur, von Alltagstauglichkeit und ästhetischer Autonomie, ist charakteristisch für die Arbeitsweise des Künstlers.“ (Andreas Kaernbach) Weitere Werke von Jorge Pardo in Leipzig kann man übrigens im Ost-West Kontaktzentrum auf der Neuen Messe Leipzig sehen. Hierfür gestaltete Pardo Stühle, Tische, Sofas, Hocker und Lampen.



Jorge Pardo: untitled, Kyoung-mee Park, sept. 27 – oct. 25, m, P K M Gallery, Seoul 2002


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