Von der Unbestimmtheit

Eine Ausstellung der HALLE 14 unter Mitwirkung der ACC Galerie Weimar und von Knut Birkholz (Rotterdam).

02.05. bis 28.09.2008


Benjamin Bergmann (DE), Stefanie Bühler (DE), John Cage/David Tudor (US), Maartje Fliervoet (NL), Pascal Gingras (CA), Marja Kanervo (FI), Maria Brigita Karantzi (GR), Nina Katchadourian (US), Elysa Lozano (US), Julien Maire (FR), Luisa Mota (PT), Julius Popp (DE)

Ob die Natur, der Sternenhimmel, ein Buch oder unser Miteinander: Ordnung und Unordnung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit sind unserer Welt zueigen. Während die Bestimmtheit den Willen der Natur zur Ordnung widerspiegelt, entziehen sich ungeordnete Zustände der Beschreibung durch Gesetze und vermitteln Unbestimmtheit. Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Je mehr wir investieren, um sie auszuschließen - z.B. im Klimaschutz oder in der Arbeitslosen- oder Gesundheitsversicherung - desto mehr gewinnt sie an Bedeutung, desto mehr stellen wir fest, wie wenig dies zuweilen nützt. Voraussagen waren einmal vom Mythos dominiert. Die modernen Wissenschaften können sich von ihm nicht frei machen und müssen sich oft mit der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten begnügen, obwohl in technischen, berechenbaren Systemen eine klare Kausalität von Ursache und Wirkung als Grundlage für Regeln und Ordnungen vorherrscht. Auch in sozialen Gebilden verursachen wir oft Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen das Genick brechen, bis hin zum Zufall, der bekanntesten Form der Unbestimmtheit.

Dennoch ist der geschickte Umgang mit der Unbestimmtheit die Grundlage für die Bewältigung heutiger und künftiger Aufgaben, denn sie kann weder aus dem Leben getilgt noch aus dem Universum eliminiert werden. Im Gegenteil: jene ureigene, unzerstörbare Kerneigenschaft der Welt mathematisch zu beschreiben und bewerten, ist Gegenstand intensivster Anstrengungen, denn eine Niederlage von heute kann aufgrund der Unbestimmtheit zu einem Gewinn von morgen werden. Über Begriffe wie Angst oder Freiheit wirkt sich Unbestimmtheit auf unseren Alltag aus, in der Unbestimmtheit wie auch in der Kunst ist unsere Freiheit gefordert. Für Künstler (und Wissenschaftler) ist die Unbestimmtheit sogar Voraussetzung und Gegenstand - im Arbeitsprozess, in der Dokumentation des Realen, in der „Regellosigkeit“, in der Entwicklung neuer Regeln. So wie der Lauf der Dinge niemals vollständig bestimmt sein wird, ist auch jenes Irritierende, Poetische, Undeutliche, mit dem uns ein Kunstwerk berührt, oft kaum zu benennen. Was bedeutet also Unbestimmtheit? Woher kommt sie? Kann man sie abbilden, Nutzen aus ihr ziehen? Und darf nicht zuletzt der Balanceakt zwischen Unbestimmtem und Ordnungsmomenten im künstlerischen Werk als Sinnbild gelten für das, was wir Lebenskunst nennen? Dreizehn Künstler befragen uns. Wir wissen die Antwort nicht.

Das unübersehbare, roh gezimmerte Auftragswerk „und irgendwann will ich es wissen...“ von Benjamin Bergmann war Gralshüter und erster Signalgeber für das, was in der HALLE14 kommen möge. Es erzählte von unserer andauernden Suche, (Sehn-)Sucht, Gier nach Mehr. Nun, verhüllt im unsichtbaren Anwesenheitsexil die Stellung haltend, sendet sein Schöpfer andere Botschaften: einen Basston, der sich im Halbstundentakt verunsichernd bis bedrohlich ausbreitet und nicht zu orten ist. „Wäre er lauter, würde er körperlich nicht zu ertragen sein und die Bausubstanz des Raums ins Wanken bringen.“ (Doreen Mende) Doch was kann diese, in die Vergangenheit gelegte, „emotionale Wettervorhersage 2005“ („Emotional Weather Forecast 2005, Leipzig_2008“) uns noch ankündigen? Vor welcher Gefahr bewahrt uns eine kaum deutbare Gefühlsprognose, wenn in Natur, Politik, Wirtschaft und Sozialfragen die Dinge unberechenbar schnell auf den Kopf gestellt werden können? Wie glaubwürdig, wie effektiv sind Frühwarnsysteme, Vorhersagen und die uns wappnenden Schutzmechanismen?

Das vielleicht wichtigste Thema der vormodernen Kunst und Kunsttheorie, die Nachahmung der Natur, ist in den Arbeiten der deutschen Künstlerin Stefanie Bühler von zentraler Bedeutung. In ihrer ortspezifischen Installation „Feldweg“ (2008), nach Bühlers Hinweis ein „Denkmal des Gewöhnlichen“, zeichnen sich sowohl Natur als auch Kultur gleichermaßen ab, aber deren Grenzen werden unkenntlich. Dieses Stück Weg - allbekannt, banal, so gut wie nie eines aufmerksamen Blickes und Gedanken gewürdigt - reproduziert die Künstlerin nicht einfach, sondern fügt es ganz neu zusammen aus in der Nähe der Ausstellungsräume gefundener Erde, Stein und Pflanzen. Und wie die Landwirtschaft, die kultivierte Natur, ohne Pflege nicht auskommt, so muss auch Bühlers Werk für die Dauer seiner Ausstellung regelmäßig bewässert werden.

Die aus dem Jahr 1959 stammende, nach traditionellen Maßstäben kaum als „Musik“ zu kategorisierende Arbeit „Indeterminacy“ (gleichbedeutend mit „Unbestimmtheit“) von John Cage und David Tudor wird in der Ausstellung in Form einer Audioinstallation präsentiert. Sie beinhaltet insgesamt 90 Texte, die von Cage selbst verfasst wurden. Es handelt sich um autobiografische Anekdoten, in denen Cages inspirierendes Interesse für vielerlei merkwürdige Philosopheme, komische bis irritierend widersprüchliche Erfahrungen in und außerhalb der Kunst stetig durchscheint. Bei den Studioaufnahmen von „Indeterminacy“ las Cage mit wechselnden Tempovorgaben vor, während Tudor, außer Hörweite in einem Nachbarraum, Klangfragmente aus Cages Werk (nämlich Aufnahmen aus „Concert for Piano and Orchestra” und „Fontana Mix”) nach dem Zufallsprinzip auswählte und abspielte.

„Two Tiny Spots Containing the Whole of the Space Surrounding Me” (2007) von Maartje Fliervoet (Niederlande) umschreibt eine Raumerfahrung mittels Sprache und Bildprojektion. Dabei steht der Abstraktion der Fotos (zum Teil zufälliges Resultat von Mehrfach- und Überbelichtungen, das die zwei im Werktitel angesprochene Raumecken erahnen lässt) eine relative Deutlichkeit des Textfragments (aus einem längeren Prosastück über Entfremdung und Orientierungsverluste) gegenüber: Das Gesprochene ergänzt das Gesehene, das Gesehene scheint sich vom Gehörten isolieren zu wollen. Die Schwierigkeit, das Verhältnis der Einzelmedien in dieser polymedialen Arbeit zu kategorisieren, setzt sich auf der Ebene ihrer musealen Präsentation fort: Der Diavortrag, zumeist mit einer rationalen Reflexion und deren dokumentarischer Verdeutlichung assoziiert, ist hier eine Performance des vorab instruierten Aufsichtspersonals.

„Pygmalion“ (2007) von Pascal Gingras vermittelt filigrane Vielfarbigkeit, Leichtigkeit einer Erscheinung ohne Maßstab - eine lebendig anmutende Zersplitterung eines unkenntlich gewordenen Urzustandes, jedoch aus Rationalität symbolisierenden Rechtecken bzw. Quadern. Die Schwierigkeiten, die Skulptur des in Berlin lebenden Francokanadiers nicht nur nach Assoziationen zu beschreiben, sondern wenigstens in Andeutungen auch zu interpretieren, resultiert aus den Konsequenzen der künstlerischen Abstraktion: Ein Werk soll nicht gebunden sein an Verweise nach außen - auf Geschichte, Natur, gegenwärtige gesellschaftliche Themen...  - und insofern, weil es ‚sich selbst’ bedeutet, im weiteren Sinne gar nicht abstrakt sein. Dennoch gibt uns Gingras im Werktitel einen kunstgeschichtlichen Hinweis, ohne dass damit bereits klare Bedeutungen hervortreten: Er verweist auf den Mythos von jenem Bildhauer, der sich in das von ihm selbst in Elfenbein geschaffene, weibliche Idealbild verliebte, welches dann von Aphrodite zum Leben erweckt wurde...

Den Schlusspunkt der Ausstellung setzt ein Film über die Entstehung eines Kunstwerks, der sich jedoch nicht am Resultat, sondern am Prozess des Werdens mit all seinen Unwägbarkeiten und Stimmungen misst. Marja Kanervo, die zu den Pionieren der finnischen Installationskunst zählt und in Räume eindringt, aus denen sie vorübergehend Heiligtümer und Orte der Bedenkzeit entstehen lässt, schneidet, hämmert, hackt und bricht eine Inschrift in eine weiß getünchte Ziegelmauer eines leeren Nutzraums. Was mit Wasserwaage, Stift, Schnur und Jazz-Etude beginnt, gipfelt mit Elektrohammer, Schutzbrille, Atemmaske und Gregorio Allegris „Miserere mei, Deus“ in einem feierlichen Schöpfungsakt. Dabei verschwindet die Künstlerin nahezu im Staubnebel des eigenen Tuns. Das sich manifestierende Ergebnis des beschwerlichen Schaffensprozesses - jenes eingefräste Schriftbild - bleibt trotz seiner klassischen Präzision und strukturellen Präsenz unenträtselt, austauschbar, beiläufig, ungelesen. Was am Ende der letzten Kamerafahrt obsiegt, ist eine Wüste aus Mauerresten.

Die Griechin Maria Brigita Karantzi befasst sich vornehmlich mit temporären und kontextbezogenen Interventionen in öffentlichen Kunsträumen. Sie verwendet dazu zumeist einfachste Materialien aus dem unerfindlichen Sortiment der zeitgenössischen Baumärkte, erzeugt Bewegung oft mittels kleiner Ventilatoren, elektrischer Spielzeuge oder auch Lichterketten. Die Künstlerin wird eigens für die Ausstellung in der HALLE 14 eine größere ortspezifische Installation mit dem Titel „The Light of Day” (2008) präsentieren. Soweit ist lediglich bekannt, dass in dieser neuen Arbeit die Metaphorik und die Bildwelt der Seefahrt und des Piratentums wesentliche Rollen spielen werden.

Die zweistündigen Tonaufnahmen vom legendären Mondspaziergang der Apollo-11-Mission waren das Ausgangsmaterial für Nina Katchadourians „Indecision on the Moon“ („Unentschlossenheit auf dem Mond“, 2001). Im abgedunkelten Raum über der Ausstellungsetage fühlt man sich, als wäre man vom Rande der Welt gefallen. Da oben spielen sich unverständliche Dinge ab, die Unentschlossenheit und Orientierungslosigkeit suggerieren: Wiederholungen, Auslassungen, Pausen bevölkern diese künstlerische „Rekonstruktion“; der Informationsgehalt wurde auf Funkgeräusche, Echos, Störungen, zögerliche Sprechphrasen der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin reduziert. Deren Misskommunikation ist ein Geräuschlabyrinth - ein Duell zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem, und letzteres scheint den Sieg davonzutragen. Fasziniert von den Irritationen, die das Verschlüsseln, Übertragen und das Begreifen selbst mit sich bringen, ist jene Leere für die US-amerikanische Künstlerin so vielsagend wie das eigentliche Weltereignis.

Die US-Amerikanerin Elysa Lozano setzt sich in ihren Arbeiten insbesondere mit der heutigen Kunstpraxis und dem Verhältnis zwischen Werk und kuratorischen Einflüssen auf dessen Produktion, Interpretation und Präsentation in Ausstellungen auseinander. Ihre Installation „A Virtually Unlimited Set of Two Possibilities” (2008) wird in der HALLE 14 erstmals in einer neuen Zusammenstellung - als Diptychon aus Fotografie und Video - gezeigt. Das Foto dokumentiert eine temporäre Intervention Lozanos (eine Holzwandkonstruktion) in einem von Kunstkuratoren genutzten Raum, während in der Videoarbeit die Kuratorin Leslie Rosa über eben jene Intervention spricht - sie in einem sachlich anmutenden Vortrag interpretiert. Gleichwohl wurde der vorgetragene Text von Lozano selbst verfasst - und die Lesung ist inszeniert.

„Low Resolution Cinema“ (2005) von Julien Maire (Frankreich) zeigt, unter Verwendung starker Auflösungsreduzierung und Dekomprimierung kinematografischer Bewegtbilder, Aufnahmen vom heutigen Berlin. Diese veränderte Erzählweise, in Abkehr von den heute so großen Versprechungen hochauflösender Bildproduktion, basiert vor allem auf dem Einsatz eines aus zwei schwarz/weißen Liquid Crystal Displays (LCD) bestehenden Spezialprojektors: Beide Displays haben mit nur 128 x 64 Pixel offenbar eine sehr geringe Auflösung und sind innerhalb des von Maire selbst konzipierten und gebauten Projektors in Bewegung. Die horizontale Linie, oder auch Grenze, erscheint auf beiden Displays zerschnitten. Ein Display gibt jeweils die untere bzw. die obere Hälfte des Bildes wieder.

Die Fotografien aus der 37 Einzelwerke umfassenden Serie „Julie“ (2007) der Portugiesin Luisa Mota zeigen eine improvisierte Performance: Gesten und dramatischer Ausdruck, inspiriert von der Ikonografie und den Kompositionstechniken der Malerei seit der Renaissance, erfüllen diese Fotos, ohne dass Handlungsmotive und Sujet näher bestimmbar sind. Sie erinnern an Bildausschnitte beispielsweise der großen Historienmalerei, in denen dynamische Bewegungen der Figuren eingefangen sind - in diesen Arbeiten jedoch ist der erklärende Gesamtzusammenhang ausgeblendet, wiewohl er hier gar nicht besteht. Allenfalls ein dramatisches Ereignis, der Schrecken des Personals lässt sich erahnen, und die Verwendung insbesondere von Spiegeln erzeugt zusätzliche Orientierungsschwierigkeiten beim Betrachter. Motas zudem präsentierter Video-Loop „A play about the paradoxicality of dealing with a constructed unreal reality” (2006) bildet ein von der Künstlerin selbst erdachtes Schauspiel ab: Die Kamera scheint eher zufällig das komisch anmutende Schattenspiel der Akteure einer tragischen Geschichte zu dokumentieren - die Probensituation wird selbst zur Erzählung.

"macro.flow" (2008) des deutschen Künstlers Julius Popp untersucht die Ungewissheiten im Weltenlauf und versucht, unvoreingenommen ein eigenes Weltbild zu zeichnen: Als nomadische Observatorien untersuchen Roboter in großer Zahl globale Wasserströmungen und Eisdrifte. Zunächst wird ein Prototyp im Ozean ausgesetzt - ein anderer in einem kalbenden Gletscher - und lebt wie ein Einzeller, der durch Interaktion mit der Umwelt Energie aufnimmt. Seine Reise wird per Satellit vermessen und per Computergrafik als unvorhersehbares Liniensystem dargestellt. Obwohl auch als wissenschaftliche Sonde einsetzbar, erzeugt "macro.flow" ein Alternativmodell unseres Planeten, das nicht eingeschränkt ist durch politische Grenzen, umweltklimatische Bedingungen, ökonomische Ressourcen, soziokulturelle Systeme oder Sprachfamilien.


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