Die Kultur der Angst

Ausstellung zum Phänomen Angst in Zusammenarbeit mit der ACC Galerie Weimar und Knut Birkholz (Rotterdam)


29.04. bis 01.10.2006


mit AES+F (Russland), Caroline Bachmann und Stefan Banz (Schweiz), Peter Bux (Deutschland), Critical Art Ensemble (USA), Luc Delahaye (Frankreich), Christoph Draegers (Schweiz), Kyoko Ebata (Japan), Maria Friberg (Schweden), Mandy Gehrt (Deutschland), Johan Grimonprez (Belgien), Kiosk NGO (Serbien und Montenegro), Philipp Lachenmann (Deutschland), Lucas Lenglet (Niederlande), Yerbossyn Meldibekov (Kasachstan), Trevor Paglen (USA), Nino Sekhniashvili (Georgien), Austin Shull (USA), Efrat Shvily (USA), Nedko Solakov (Bulgarien), The Yes Men (USA), Noboru Tsubaki (Japan), Oscar Tuazon und Eli Hansen (USA), Peter Wächtler (Deutschland), Wang Jianwei (China)


Angst als Gefühlszustand und Konzept ist zu einem allgegenwärtigen Lebenspartner geworden. Ihre Produktion beherrscht ganze Industriekomplexe, macht sie zu einer Schlüsseltechnologie der Macht, verändert unsere Wahrnehmung von Gefahr, schafft ein sich fortwährend wandelndes Konsumverlangen und bildet als Wirtschaftsfaktor eine Überlebensstrategie der sich stets selbst erneuernden Gesellschaft.

Welche Denk- und Handlungsalternativen halten Künstlerinnen und Künstler bereit, um gegenüber der Erzeugung von Angst wachsam zu bleiben? Ausgehend vom 11. Internationalen Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar wurde eine Ausstellung für die HALLE 14 in Leipzig entwickelt.


In den digitalen Leinwandpanoramen der „Last Riot”-Serie von AES+F verschmolzen Science Fiction, Teenager-Modefotografie, Kommerzspektakel und Kriegsindustrie zu einem sauberen, hyperästhetischen, virtuellen Schlachtfeld.

Die vier großformatigen Ölbilder „As I Opened Fire”, „I Shot A Kennedy”, „Suddenly This Overview” und „Les_Jumelles” (alle 2004) von Caroline Bachmann und Stefan Banz (CH) aktualisieren ein klassisches Genre der Malerei, das Porträt. Die Gemälde zeigen amerikanische Politiker, „Death-Metal”-Musiker, bekannte Filmhelden und nicht näher identifizierbare politische, militärische oder religiöse Entscheidungsträger des Nahen Ostens, je in einer charakteristischen Pose, wodurch deren nicht nur habituelle Verwandtschaft in der Gegenüberstellung der Bilder erahnbar und sogleich untergründig ironisiert wird.

Peter Bux untersuchte analytisch ermittelte Fluchtbewegungen bei Gefahrensituationen in Bauwerken (hier der Halle 14) und leitete daraus grafische Modellvorstellungen von Idealpanik, ortspezifisch „angewandter” Panik und deren nutzbarer Bodenfläche ab.

Das Critical Art Ensemble zeichnete mit den Videos „GenTerra”, „Body of Evidence” und „Marching Plague” zu politischen Aspekten der Biotechnologie u.a. das mikroskopische Bild einer Kultur der Angst, in der Strafbehörden willkürlich diejenigen verfolgen, die durch staatliche Institutionen beschützt werden sollten.

Luc Delahaye dokumentiert bewegende Ereignisse und Orte genau dann, wenn Geschichte gemacht wird: Kriegszonen, Gebiete mit Konflikten und Machtkämpfen. Frontalansicht, Distanziertheit, Reichtum im Detail und erzählerische Kraft seiner fotografischen Tafelbilder bestechen auch in „132nd Ordinary Meeting of the Conference”, das einen Augenblick während einer Sitzung der Organisation erdölexportierender Länder festhielt und „Baghdad IV, April 13, 2003”, eine Straßenszene, aufgenommen kurz nach dem Beginn der Invasion im Irak.

Christoph Draegers Film „Helenés-Freedom” basierte auf einem 16-mm-Film, den er 1998 aus einem ungarischen Katastrophenschutz-Übungsgelände schmuggelte. Untertitelt hat er die darauf zu sehende Simulation eines nuklearen Massenvernichtungskrieges mit Fragmenten aus George W. Bushs Antrittsrede zu seiner zweiten Präsidentschaft, deren Rhetorik an die des Kalten Krieges erinnert. Passend schmückte Daegers Kriegsflagge „Warflag (Bandera de la Guerra)” die Ausstellung.

Kyoko Ebata bereiste Deutschland und Europa, um ihr auf Interviews basierendes audiovisuelles Langzeit-Fotoprojekt „Childhood Story” zu verwirklichen. Als Geschichtensammlerin befragte sie Dutzende von Menschen nach Schauplätzen der Erinnerung, die ihnen als Kindern das Fürchten lehrten bzw. von denen sie glaubten, dass dort ein Märchen oder Film spielen würde. Diese Orte suchte sie auf, um sie zu fotodokumentieren.

In „No time to fall” verwandelte Maria Friberg George W. Bushs „Rede zur Lage der Nation” in dessen gesammeltes Schweigen - einen Katalog so stummer wie vielsagender Gesten und Gebärden.

Mandy Gehrt reformuliert ihre Erfahrungen aus Gesprächen mit Leipziger Moslems in fiktiven Interviews und öffentlichen Aktionen. Anhand dieser Erfahrungen entstanden die fiktive Figur und der Film „Aischa” – ein Konzentrat aus den Lebensläufen und Erlebnissen der Menschen, die sie im Laufe der Arbeit kennen lernte. Ein weiterer Kurzfilm, „Drum prüfe, was sich ewig binde...”, schildert u.a. die Hindernisse, die der „institutionelle staatliche Rassismus” (Gehrt) deutschen Frauen und arabischen Männern in den Weg legt, wenn sie eine Ehe eingehen wollen. Mittelpunkt der Ausstellung bildete Gehrts Kommunikationsplattform „ISLAM LOVES PEACE”, und regt differenzierten Auseinandersetzungen mit der weit verbreiteten Islamophobie an. Mit Hilfe des gleichnamigen Modelabels trägt Gehrt diese Auseinandersetzung als Lifestyle in den Alltag.

Mit den Ereignissen des 11. September 2001 wurde der Flugzeugentführer von einem Tag auf den anderen zur wichtigsten Angstfigur im Arsenal des internationalen Terrorismus. Auf acht Cibachromes von Johan Grimonprez wurden „Skyjacker” aus den Jahren 1969 bis 1993 porträtiert, Videostills, die herausgelöst aus der Dynamik der massenmedialen Inszenierung gemeinsam eine verstörende Ahnengalerie der Verblendung bildeten.

Philipp Lachenmanns Installation „Bel Air Bouquet” mutete an wie eine Blumenmeer aus Warnschildern von Sicherheitsfirmen aus den streng bewachten Villenvorgärten in Beverly Hills und Bel Air – Statussymbole und Abschreckungsmittel, die den uferlosen Aufschwung der Sicherheitsindustrie deutlich machen. „Space_Surrogate I (Dubai)” und „Space_Surrogate II (GSG 9)” – digital bearbeitete Zwitterformen aus Standbild und Film – riefen die Ereignisse um die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut” 1977 und deren massenmediale Verwertung nebst Wahrheitsverfälschung und Mythenproduktion ins Gedächtnis zurück.

Lucas Lenglet versperrt den Zugangsraum zur Ausstellung installativ mit seinen „no title, anti-tank emplacements” – aufeinander gestapelten minimalistischen Skulpturen, die an Panzersperren erinnern, aus der Sicherheitszone eine Gefahrenzone machen und Sinnbilder der Aus- und Eingrenzung von Menschen erzeugen.

Yerbossyn Meldibekov entwarf den im postsowjetischen Zentralasien angesiedelten Staat „Pastan”, ein autokratisches Regime, das dem traditionellen Despotismus des Mittleren Ostens auf Basis der Identitätskrise der früheren Sowjetkolonien und deren Übernahme des Islam als Staatsreligion nacheiferte. „Pastan on the Street” zeigt eine Performance auf dem Marktplatz von Bishkek, in der Meldibekov sich durch Schläge ins Gesicht öffentlich demütigen lässt und damit das Verhältnis zwischen Staat und menschlichem Körper thematisiert.

Die Installation „Communication” von Kiosk NGO dokumentierte die Ergebnisse eines Fotoworkshops und ließ junge Serben, Albaner und Roma aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und dem Kosovo zu Wort kommen, die der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass das Sprechen über die erlebten Konflikte zum versöhnlichen Austausch werden könnte.

Der Künstler, Autor und experimentelle Fotograf Trevor Paglen konzentrierte sich auf räumliche Aspekte militärischer Geheimhaltung und benutzte astrofotografische Technik zur Aufnahme von Testarealen und Stützpunkten von CIA und US-Army. Zurzeit der Ausstellung war er den „schwarzen Operationen” einer nicht näher gekennzeichneten Flotte ziviler Luftfahrzeuge auf der Spur, die mutmaßliche und verurteilte Terroristen zu geheimen Gefängnissen in Afghanistan, Ägypten, Marokko, dem Irak, Polen, Rumänien und Syrien transportieren.

Um die von ihren Eltern geplante Hochzeit und das von rigiden, patriarchalischen Regeln vorbestimmte Leben einer georgischen Frau zu umgehen, sah Nino Sekhniashvili nur noch im Banküberfall einen Ausweg. Nach ihrer Freilassung gelang es ihr, in den Besitz der Videoüberwachungsbänder der Bank zu gelangen, die als Videoprojektion „Bang Bank” zu Kunst wurden.

Austin Shull entwickelte unter dem Slogan „Die Epidemie kommt bestimmt,KAUF JETZT!” mit der Produktreihe „Pandemic Survival Systems” Überlebenssysteme zur Infektionsvermeidung und thematisierte die Machenschaften dubioser Unternehmen, die dann aus den Befürchtungen der „Verbraucher“ Kapital schlagen, wenn die Angstproduktion auch im Umfeld drohender Epidemien und Pandemien stattfindet.

Efrat Shvily dokumentierte in der Fotoserie „New Homes in Israel and the Occupied Territories”, wie die Bevölkerung Israels sich mittels festungsartig anmutender Wohngebäude in einer neuen Heimat auf unwirtlichem und unsicherem Territorium zu behaupten sucht.

Nedko Solakov antwortete auf das weltweite Interesse, sich das Gesicht eines Propheten vorzustellen, mit einem Angebot an die Besucher, ihren eigenen Vorstellungen auf einer weißen Wand Ausdruck zu verleihen, was immer auch die Konsequenzen sein mögen. „A Fear from a Work of Mine” hingegen besteht nur noch aus dem Beschriftungsschild eines Werkes der Größe 23 x 79 x 16,6 cm – der Raum über dem Sockel ist jedoch leer.

The Yes Men betreiben Kommunikationsguerilla, indem sie „Identitätskorrekturen” vornehmen. So traten sie z.B. als Repräsentanten auf den Konferenzen internationaler Firmen und Organisationen auf und stellten deren Ziele bloß. Erstmalig wurden die „Halliburton SurvivaBalls” – Überlebensanzüge für Führungskräfte bei Klimakatastrophen – aus der Notfallprodukt-Entwicklungsabteilung des US-amerikanischen Konzerns in einer Ausstellung vorgestellt. Zudem war das BBC-World-Live-Interview mit Dow-Chemical-Repräsentant Jude Finisterra zu sehen, der verkündet, dass die Opfer der Bhopal-Katastrophe endlich entschädigt werden.

Der radikale und aktive Träumer und Sozialunternehmer Noboru Tsubaki rief zur praktischen Behebung lokaler wie globaler Missstände auf, beginnend mit der Untersuchung von Vermittlungsschwierigkeiten im Umgang mit der globalen Erwärmung bis zum „radikalen Dialog” um den Bau der neuen Mauer (an deren Miniaturversion man in der Ausstellung mitbasteln konnte), die Israel errichtet, um sich zusätzliche Sicherheit vor palästinensischen Selbstmordattentätern zu verschaffen.

Oscar Tuazon befasst sich mit kleinen Formen der Do-it-yourself-Architektur. Da im öffentlichen Raum zunehmend Arrangements getroffen werden, die abweichende Nutzungsvorstellungen eindämmen, entwickelt er neue Raumformen, die weder offen für alle noch in Privatbesitz sind, die in Anspruch genommen werden können, ohne darin leben zu müssen. Deshalb baute Tuazon zusammen mit Eli Hansen auf dem Areal der Bauwollspinnerei den Untergrundraum „for Death” – ausgestattet mit einem eigens gestalteten Polyeder-Modulsystem aus Leichtbeton, dessen Konfiguration Sessel, Stühle, Betten und Tische entstehen ließen. In der Halle 14 entstand zudem ein schwarzes Wandbild mit der Aufschrift „Appear normal, or don’t appear”.

Peter Wächtler gestaltete den idealen, pyramidischen Entspannungs- und Heilungsort „NEW AGE” für Menschen, die unter Zukunftsängsten und sich daraus ergebenden pathologischen Zuständen leiden, gemeinsam mit der Leipziger Astrologin Makara, die dort auch ihre Dienste anbot.

Fortschreitende Entindividualisierung und die Verformung persönlicher Beziehungen in Diktaturen und unter der Ideologie des Marktes thematisierte Wang Jianwei im Video „Spider” und veranschaulichte so die Wirkungskräfte innerhalb von Firmenstrukturen.


Gefördert und unterstützt durch:

und das Generalkonsulat der USA Leipzig