AKTUELLE AUSSTELLUNG

Abb.: Alexandros Pissourios, Untitled, 2015

Terra Mediterranea: In Action

Über den flüssigen Kontinent

17. September bis 20. November 2016

 

 

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Ana Adamović, Marwa Arsanios, Bank of No, Sofia Bempeza, Banu Cennetoğlu, Marianna Christofides, Tom Dale, Haris Epaminonda, Hackitectura, Lia Haraki, Timo Herbst & Marcus Nebe, Elizabeth Hoak-Doering, Eleni Kamma, Mahmoud Khaled, Zissis Kotionis, Mona Marzouk, Panayiotis Michael, Christodoulos Panayiotou, Nira Pereg, Polys Peslikas, Alexandros Pissourios, Ran Slavin, Paola Yacoub

Seit mehr als fünf Jahren geht das Gespenst der Krise in Europa um. Es begann als Bankenkrise, wuchs sich zu einer Staatsschuldenkrise aus und verursachte Wirtschafts- und Regierungskrisen – und nicht nur in Griechenland, Spanien, und Zypern. In den Augen der Länder Nordeuropas sind diese Staaten selbst verantwortlich für ihre Schulden: Die harten Sparmaßnahmen werden nicht als nur nötig, sondern auch als fair und gerecht betrachtet. Der Süden sieht sich durch diese – trotz inneren Widerstands durchgesetzten – Sparmaßnahmen jeder Gestaltungsfreiheit und Generationen um ihre Zukunft beraubt. Spätestens mit den Fluchtbewegungen nach Mitteleuropa und Großbritanniens Entscheidung für den Brexit, wurden die inneren Fliehkräfte der europäischen Einheit offenbar. Die daraus resultierenden, politischen wie gesellschaftlichen Ungleichgewichte bedrohen gute wie schlechte Errungenschaften eines geeinten Europas. Grenzanlagen entstehen quer durch den Kontinent. Rechte, populistische und anti-demokratische Bewegungen sind allgegenwärtig und bestimmen auch in Deutschland längst das politische Tagesgeschäft.

Das von Südeuropa, Vorderasien und Nordafrika umschlossene Mittelmeer, die »Terra Mediterranea«, bildet seit alters her einen »flüssigen« Kontinent des Transfers von Menschen, Kultur und Ideen – ob friedlich oder kriegerisch – und eignet sich nicht als Wassergraben einer Wohlstandsfestung. Der Süden erscheint als irrationaler Unterleib Europas, der Unordnung, Grenzverletzungen und koloniale Gespenster mit sich bringt, sich aber gleichzeitig auf eine gemeinsame, mythisch glorreiche, antike Vergangenheit bezieht. Lange Zeit vom Westen als orientalischer Hort von Korruption und Rückwärtsgewandtheit herabgestuft, ist er unweigerlich in den Fokus politischen Weltgeschehens gerückt. Vielleicht weist aber gerade das Verbindende den Ausweg aus der Krise, eine Mittelmeerunion als Ergänzung der EU, die die Entkolonialisierung abschließt, und der Jugend einen Ausweg aus Stagnation, Armut, Autoritarismus und Gewalt bietet.

Diese Ausstellung setzt auf das verbindende Potential der Kunst als geistige Mittlerin und versammelt 23 Künstler aus 14 Ländern, um sich möglichst viele Perspektiven – aus politischen, kritischen und poetischen Haltungen heraus – auf diese turbulente Phase und ihre Vorgeschichten zu öffnen. Als »Mögliches, das das Werdende einschließt« eröffnet sie dabei Horizonte ebenso reicher wie widersprüchlicher historischer und kultureller Traditionen. »Terra Mediterranea: In Action« hinterfragt bestehende Stereotype und fixe Vorstellungen von Finanzen, Sicherheit sowie Identität und gibt unbekannten, widerständigen und aktivistischen Stimmen die Möglichkeit, gehört zu werden.

Kuratiert von Michael Arzt (HALLE 14) & Yiannis Toumazis (NiMAC)

KÜNSTLER

Ana Adamović

Hannah Arendt publiziert 1943, zehn Jahre nach ihrer Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime, den vielbeachteten Aufsatz »Wir Flüchtlinge«.Sie äußert sich darin erstmals zu ihrer Fluchtgeschichte und bettet sie in einkollektives »Wir« ein: Wir, das jüdische Volk, und Wir, die idealen Immigranten, die die bedingungslose Assimilation gelebt haben. Arendt fordert ein neues, politisches Selbstbewusstsein. »Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt«. Heute hat der Text eine ganz neue Relevanz. Millionen Menschen aus Nordafrika und dem Nahen Osten zwingt die prekäre Lebenslage, Krieg, Verfolgung und Armut auf die Flucht. In den Ländern, in denen sie Schutz suchen, fordert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch der Staat eine Anpassung an die neue Kultur. Auf der Bühne sitzen Jugendliche, beinahe noch Kinder. Sie sind Schauspieler des englischsprachigen Theaters in Belgrad, deren Auftritt an einen Chor erinnert. Tatsächlich ist der Chor ein wiederkehrendes Motiv im Werk der serbischen Künstlerin Ana Adamovic. Er vermittelt dort kollektive, kritische und historische Inhalte, wird aber auch als Instrument ideologischer Manipulation problematisiert. Die Kinderstimmen rezitieren Passagen aus Arendts Aufsatz und aus Stefan Zweigs autobiografischem Buch »Die Welt von gestern« (1942). Die jungen Schauspieler werden zum Medium der Philosophie und Literatur, der sie eine kollektive Stimme geben. »Mit uns Flüchtlingen hat sich die Bedeutungdes Begriffs 'Flüchtling' gewandelt«, so dass das Wort Flüchtling, das einst einen fast Ehrfurcht gebietenden Klang hatte, die Vorstellung von etwas zugleich Verdächtigem und Unglückseligem erregt, schreibt Arendt. Derart stigmatisiert formt sich eine eigene Flüchtlingsidentität, hinter der die alte und die zukünftige persönliche Geschichte verschwinden. Die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, so Arendt, als - und weil - sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ. Arendt meinte das jüdische Volk in der Diaspora. Adamovic erweitert Arendts Ansatz: Jeder kann jederzeit zum Flüchtling werden. Ihr Videoprojekt mahnt sowohl eine Wiederholbarkeit der Geschichte an, als auch die Pflicht, Leidtragende zu schützen.

Marwa Arsanios

»Es begann mit der Faszination für ein Objekt, das ziemlich speziell ist«:  recht plump, aber anziehend und vielschichtig. Marwa Arsanios meint ein Strandhaus an der südlichen Küste Beiruts, das dort Anfang der 1950er Jahre errichtet worden war: Chalet Raja Saab. Es war Teil eines ganzen Areals namens Acapulco, wo bis zum Ausbruch des Libanesischen Bürgerkrieges (1975-90) internationale Stars und Sternchen feierten. Durch das zentrale Auge des Rundbaus schraubte sich eine im Parterre freistehende Wendeltreppe in das obere Geschoss. Deswegen wurde das Anwesen auch »Donut« oder »Raumschiff« genannt. Heute ist von dem einstigen Zeugnis der libanesischen Moderne kaum noch etwas zu erkennen. Um weitere Wohnfläche für seine neuen Bewohner zu gewinnen, wurden in den 1980er Jahren Wände zwischen die freistehenden Stützen gezogen. Fortan lebten hier Menschen, die aus dem Süden des Landes und aus Palästina geflohen waren. Arsanios begibt sich auf Spurensuche. Mit dem 2009 begonnenen Projekt »All About Acapulco« legt sie ein Archiv aus Dokumenten rund um das Gebäude an. Sie befragt Zeugen und erkundet in kriminalistischer Sorgfalt den »Tatort«. Anhand eines Modells rekonstruiert sie die vormalige Architektur und geht mit dem Film »I've heard three stories« ihren Geschichten nach: Arsanios interviewt eine Familie, die heute in der Anlage lebt. Mit Samia, die dort vor 30 Jahren ankam, rekonstruiert sie die An- und Umbauten des Chalet Raja Saab. Sie trifft den ehemaligen Eigentümer des Acapulcos, der von der vergangenen, schillernden Welt berichtet und sie stößt auf das mysteriöse Verschwinden von Nora, einer Tänzerin des dort einst angegliederten Nachtclubs »Crazy Horse«. Die wackeligen Aufnahmen ihrer Handkamera konfrontieren den gegenwärtigen Zustand der Anlage mit den Berichten der Bewohner. Arsanios verfolgt Spuren, die der Bürgerkrieg in der libanesischen Gesellschaft, im Bewusstsein und an der Architektur hinterlassen hat. Ihre Bilder bleiben fragmentarisch und spekulativ. Sie befragt eine unübersichtliche Geschicht eder Kriegswirren und nähert sich ihnen anhand von einzelnen Begebenheiten und Schicksalen. Arsanios gehört einer Künstlergeneration der Nachkriegsgeschichte an, die die konventionelle Historiographie und das Dokument als wahrhaftiges Zeugnis der Vergangenheit anzweifelt.

Sofia Bempeza

»Akropolis adieu«, titelt Der Spiegel im Mai 2012, »Warum Griechenland jetzt den Euro verlassen muss«. Bildlich setzt das Blatt die saloppe Verabschiedung in einer Fotomontage um, die das herabgestürzte Fragment eines ionischen Kapitels vor der düsteren und wüsten Kulisse der Akropolis zeigt. Wo ursprünglich das tragende Gebälk des Tempels saß, klaffen nun die Reste einer zerbrochenen Euromünze. Die Bildsprache ist simpel: Griechenland liegt inTrümmern, ist bankrott, zahlungsunfähig und eine Belastung für die Europäische Union. Der Spiegel findet das Symbol für die Krise, vielmehr noch für den vermeintlichen Niedergang einer Kultur, im Zerfall der antiken Architektur. Dieses Beispiel ist eine von vielen Frontseiten deutscher, französischer, US-amerikanischer und britischer
Zeitschriften und Magazine, die die griechische Künstlerin Sofia Bempeza
zwischen 2011 und 2014 sammelte – zu einem Zeitpunkt als die sogenannte griechische Schuldenkrise noch als »das« EU-Problem an der Mittelmeerküste galt. Wie viele antike Vasen, Säulen und Skulpturen würde es wohl benötigen, um das Bild eines »Nationalstaats in der Krise« zu konstruieren, fragte sie. Die Letter E-U-R-O als Säulenordnung und Stütze der Akropolis, der sinnierende Sokratis vor der griechischen Flagge und eine Aphrodite-Statue in obszöner Pose vor der männlichen Symbolfigur
der EU »La Grèce change d’avis« (Griechenland ändert die Ansicht): Das
Ergebnis der Recherche ist eine monumentale, zu einer Collage zusammengesetzte Wandtapete. Bempeza dokumentiert Bilder stereotyper
Stigmatisierung, die in erster Linie den Schuldner als Sündenbock
innerhalb der Eurozone brandmarken. Einerseits geht es Bempeza um
ein Fremdbild, das von außen auf den griechischen Staat projiziert wird. Auf
der anderen Seite thematisiert sie eine symptomatische Selbstdarstellung, die die Repräsentation der griechischen Identität in die Tradition der Antike stellt, aber die jüngere Geschichte ausblendet. Darauf hebt auch die Wortschöpfung »Antikologie« ab, die das europäische Verständnis der Antike ironisch kommentiert.

Banu Cennetoğlu

Banu Cennetoglu sammelt methodisch Nachrichten – die Nachrichten des
11. August 2015 in deutschen Printmedien. Das Resultat sind 1249 Zeitungen, je ein Exemplar der nationalen, regionalen und lokalen Tageszeitungen, die sie alphabetisch ordnet, nummeriert und zu 70, in Leinen geschlagene Folianten bindet. Die Arbeit »11.08.2015« ist Teil eines Projekts, das Cennetoglu 2010 in der Türkei begann und unter anderem in Zypern und Großbritannien wiederholte. Es sichert ein Medium, dessen Materialwert und Informationsgehalt nur geringe Halbwertszeit besitzen. Die Wahl des Datums scheint bewusst zufällig. Der Schnitt durch die nationale Berichterstattung stellt sich vielmehr als eine willkürliche Stichprobe dar, anhand derer Cennetoglu das Porträt einer Gesellschaft und ihrer sozio-politischen Unsicherheiten offenlegt. Sie nutzt Empirie als künstlerisches Mittel, konterkariert aber deren angestrebte Objektivität
durch das Fragmentarische. »11.08.2015« gleicht einem Archiv, das
der äußerst eingegrenzte Sammlungsinhalt sinnentstellt. Die Zeitungen haben keinen größeren gemeinsamen Nenner als den einen Tag und das eine Herkunftsland. Nichtsdestotrotz bietet es dem Leser eine Quelle, die der formalen und inhaltlichen Analyse unterzogen werden soll, etwa im Vergleich von Artikelumfang, Platzökonomie, dem Einsatz von Farbe und dem Verhältnis von Bild und Text. Gerade letzteres beschäftigte
die Künstlerin seit ihrem Studium der Fotografie in Paris immer wieder. In
der täglichen Berichterstattung erhebt das fotografische Bild einen Realitätsanspruch, der auf der vermeintlich unverfälschten Dokumentation durch das Objektiv fußt. Es nimmt zwar eine entscheidende Interpretationsinstanz ein, aber keinesfalls eine neutrale, denn Bilder legitimieren Informationen. In einer Ausstellung im Bonner Kunstverein
Ende 2015 setzte die Künstlerin ihrer Lektüre-Installation Heliumbuchstaben mit dem Zitat des französischen Philosophen Octave Mannoni »Ich weiß zwar, aber dennoch« entgegen. Und so lässt sich »11.08.2015« auch als Kritik verstehen. Die scheinbar umfassenden– weil in einem Übermaß produzierten– Informationen der Tagespresse
bewirken nicht zwingend Reaktionen und Handeln.

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