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Rory Macbeth, Arm, 2004 Foto: Claus Bach

WHAT HAPPENED TO GOD?

3. März bis 1. April 2012
Eröffnung: Fr, 2. März 2012, 19 Uhr mit Reden von Frank Motz (Kurator) und Pfarrer Thomas Bohne (Katholische Pfarrei Liebfrauen Leipzig-Lindenau)

See the English version of the exhibition introduction [1]

Julia Benkert, Peter Beste, Marc Bijl, BORIS+NATASCHA, Chan Sook Choi, Boris Eldagsen, GODzilla-Productions, Christian Jankowski, Helmut & Johanna Kandl, Cristina Lucas, Rory Macbeth, Txema Novelo, Nii Obodai, Dan Perjovschi, Per Teljer

Ob wir an einen Gott glauben oder nicht, ob wir uns nun als Theisten, Atheisten oder gar Antitheisten bezeichnen, unsere Welt wird tiefgreifend von Ideen und Konzepten um Gott und das Göttliche beeinflusst. Die Vorstellung des Göttlichen, Absoluten und das menschliche Streben, sich mit einer „höheren Macht“ in Einklang zu bringen, sie zu einem Bild des transzendenten, guten Schöpfers zu verdichten, um über dessen kollektive Verehrung Schutz, Trost und Glück zu finden, aber auch um Herrschaftsverhältnisse abzusichern, sind so alt wie die Menschheit.

Warum verhindert oder lindert ein solches höheres Wesen nicht Leiden und Unglück auf der Welt? Diese zentrale, kritische Frage, die seit Anbeginn der Religionen Gläubige wie Nichtgläubige beschäftigt, findet ihre (vorläufige) Zuspitzung in der Formulierung, dass Gott stets einer ist, der Auschwitz zugelassen hat – und ist ein Schwerpunkt dieser Ausstellung.

Die sich zuspitzenden Problemstellungen des 21. Jahrhunderts, wie religiöse und ethnische Konflikte und Terrorismus, der Kampf um Naturressourcen (und damit verbundene Armut und Hungerkatastrophen), die Globalisierung und der Mangel an rationalen Lösungen zur Rettung der Welt scheinen einerseits zu korrespondieren mit einer erhöhten Glaubensbereitschaft, mit einer gesteigerten Bindung an verschiedene Religionskulturen, mit einem teils fanatischen, radikalisierten Festhalten an Glauben und Religiosität. Andererseits sind Abkehr von der Kirche, Glaubensdefizit und Glaubensmissbrauch keine Seltenheit, verlieren Menschen ihren Glauben, geben sich anderen Formen der Spiritualität hin, suchen nach neuen Inhalten für ihr Leben, an denen festzuhalten erstrebenswert scheint. Offenbar ist der Mensch ohne Glauben kein Mensch.

Dennoch wird die Religion als „Seufzer der bedrängten Kreatur“, „Gemüt der herzlosen Welt“, „Geist geistloser Zustände“ und „Opium des Volkes“ (Karl Marx), aus der man sich zu höherem Menschsein nur durch totales Abstreifen des abendländischen Christentums mit einer „Umwertung aller Werte“ (Friedrich Nietzsche) aufschwingen könne, ebenso kritisiert, wie die Glaubenskultur schlechthin von zahlreichen Wissenschaftlern, Historikern, Psychologen und Völkerkundlern angefochten wird, die im zurückliegenden Jahrzehnt jegliche Formen von Religion, Irrationalismus, Aberglaube und Pseudowissenschaft ablehnten und sich für eine von Vernunft und Verstand anstelle von religiösem Hass und Irrationalismus dominierte Welt einsetzten. 

Jene, die sich zum traditionellen Glauben bekennen: Was haben sie gefunden? Und jene, die sich neu auf die Suche machen: Wonach trachten sie? Eint beide die gemeinsame Vorstellung von einer gemeinschaftlichen Utopie des Paradieses auf Erden? Teilen sie dasselbe Dilemma von der Unauffindbarkeit dieses Ortes, während sie in verschiedenen Flucht- oder Kulminationspunkten ihr Heil suchen? Was kann Gott ihnen bieten? Was ist mit Gott passiert in einer Welt, in der sich viele desillusioniert von ihm abwenden, andere ihn nur mit Gewalt zu verteidigen wissen, wiederum andere sich in Angst und Schrecken abkehren und die zur Gewohnheit gewordenen Bilder religiös motivierter Gewalt zwar konsumieren, aber ignorieren?

Künstler zu sein, das Bekenntnis zur Kunst auszuleben, heißt das nicht auch, wie ein praktizierender Gläubiger, ein Mönch, zu agieren, mit dem Ziel, dem eigenen und dem Leben der Anderen neue Inhalte zu geben? Kennt Kunst Antworten auf die Frage: What Happened to God? 15 bildende Künstler sind in dieser Ausstellung der Faszination und den Widersprüchen von Glauben und Religion und ihren irdischen wie himmlischen Erscheinungsformen auf den Spuren.

Julia Benkert (DE) 

Warum hält die religiöse Motivik, nachdem Künstler sie lange mieden wie der Teufel das Weihwasser, Einzug in zeitgenössische Werke? Was ist der Antrieb zeitgenössischer Künstler, sich auf Religion zurückzubesinnen? Diesen Fragen geht Julia Benkert in ihrem 60-min-Dokumentarfilm „Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott“ (2009) nach. Sie begleitet Pater Friedhelm Mennekes, auch als „Galerist Gottes“ bekannt, bei Künstlerbesuchen in Europa und Amerika, bei Christian Boltanski, Dorota Nieznalska, Hermann Nitsch, Benjamin Bergmann, Bill Viola und vielen anderen. Kruzifix, Dornenkrone, Weihrauchpendel – keine Ikone christlichen Glaubens ist vor Neuinterpretationen zeitgenössischer Künstler sicher. Die Motivation der Künstler reicht dabei von dem eigenen, tiefen Glauben bis hin zu dessen Erschütterung. Im Kleinen sind es oft individuelle Glaubensfragen, im Großen zum Beispiel die Erschütterung der Gesellschaft durch die Anschläge am 11.9.2001. „Die aktuelle Kunst will Ewigkeit und bekommt sie von der Kirche; die altmodisch gewordene Kirche will Aktualität und bekommt sie von der Kunst“, so Mennekes. 

Peter Beste (US) 

Die Erkundung der dunklen Welt der bizarren und gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene durch den amerikanischen Dokumentarfotografen Peter Beste dauerte sieben Jahre. Auf zahlreichen Reisen porträtierte er in „True Norwegian Black Metal“ (2002-07) die Protagonisten der Bewegung, interviewte sie, schloss Freundschaften mit ihnen, warf zahllose Blicke hinter die angsterregenden Masken und Kulissen der Akteure. Die Wurzeln dieses extremistischen Undergrounds stammen aus einem düsteren Mix von Heavy-Metal-Musik, Horrorfilmen, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst. Einige seiner Mitglieder verübten in den frühen Mittneunzigern Morde, brannten mittelalterliche Holzkirchen nieder und schändeten Friedhöfe. Was als jugendlicher Übermut und musikalische Subkultur begonnen hatte, entwickelte sich später zu einer Szene, die obskurer, gewalttätiger und mystischer nicht sein konnte, verbunden mit einer Art Feldzug gegen den christlichen Glauben, einer Rückkehr zur Verehrung altnordischer Götter und einer vollständigen Ablehnung der Werte einer konventionellen Gesellschaft. 

Marc Bijl (NL) 

Marc Bijls Interesse an der kritischen Hinterfragung gesellschaftlicher Zu- und Missstände, sozialer Regelsysteme und Strukturen sowie deren Ge- und Missbrauch finden ihre Brechung und Neuverortung in seinen minimalen Interventionen, Performances, Protestäußerungen und Parolen, Installationen, Objekten und Videos. Der zunehmende Einfluss der religiösen Rechten in den Niederlanden und andere beunruhigende gesellschaftliche Fragen werden mit einer riesigen, an der Wand hängenden niederländischen Flagge in der Art, wie sie Fußballfans bei Spielen schwenken, angesprochen. Marc Bijl schmückt die roten, weißen und blauen Streifen der Flagge provokant mit einem atheistischen Slogan in prangenden, schwarzen, gotischen Buchstaben: „Oh God, there is no God“ (2002). Jener Typensatz, der auch in der vielseitigen Gothic-Subkultur (Bijl war Bassist bei der Rotterdamer Gothik-Band „Götterdämmerung“) Verwendung findet. Die zunächst formale Gewöhnlichkeit des Spruches (wie der Leitspruch einer Fußballmannschaft, wenn auch mit anderer Botschaft) und die Wahl der niederländischen Nationalfarben zeigen ein existenzielles gesellschaftliches Dilemma auf. 

Die zweite Arbeit „bad religion“ (2011) scheint überlastet mit Bibel, Koran, Thora, Thalmud, Mischna, Kabbala wie auch allerlei Schlüsselwerken aus der buddhistischen und hinduistischen Religionsschreibung.

BORIS+NATASCHA (DE/AU) 

Mit der Technik der Frottage (dt. Abreibung) untersuchen BORIS+NATASCHA die zeitgenössische Form des antiken Orakels durch Botschaften berühmter Toter, kombiniert vor Ort auf dem Friedhof aus den Buchstaben von deren Namenszug auf dem Grabstein, aus denen sie – ähnlich wie beim Anagramm oder Scrabblespiel – neue Worte kreieren. Weil der künstlerische Prozess nicht nur Recherche, Synchronizität und Mystik, sondern auch heimliche, verdeckte Arbeit und Guerilla-Aktionen einbindet, gab das Duo seiner Technik den – mit einem Schuss Satire gewürzten – Namen „Grave Rubbery“. Während seiner Aktionen fand es heraus, dass die offizielle Sprache des Todes das Englische ist. Friedrich Nietzsches Botschaft „REDEFINE“ rieben und „raubten“ beide von dessen Grab in Röcken (bei Leipzig) und frottierten sie mit Goldstift auf handgemachtes Goldpapier. Zu Nietzsche gesellen sich die Orakel von Max Ernst („aMEN“), Leni Riefenstahl („inhale fiRe“), Rainer Werner Fassbinder („ANSWER DESIRE“), Egon Schiele („SILENCE“) sowie Alois und Klara Hitler („Hell“). 

Chan Sook Choi (KR/DE) 

Die in Korea geborene und seit 2002 in Berlin lebende Künstlerin Chan Sook Choi war 2011 als Stipendiatin der HALLE 14 eingeladen, sich mit dem Thema „What Happened to God?“ intensiver auseinanderzusetzen. In ihrem Rechercheprojekt „FOR GOTT EN“ (2011) stellt Choi uralte und immer wiederkehrende Fragen des Zweifels am Glauben neu: Warum schweigt Gott? Wie kann Gott gleichzeitig gütig sein und doch soviel Leid zulassen? Auf der Suche nach sehr persönlichen Antworten interviewte die Künstlerin fünf Leipziger Greisinnen im Alter zwischen Ende 60 bis Mitte 90. Auf einer von der Künstlerin entworfenen Sänfte lud sie die Frauen zu einer Reise in ihre Lebenserinnerungen ein. Dieses historische Vehikel für Würdenträger symbolisiert Chois Würdigung ihrer Protagonistinnen. Die Frauen nahmen in diesem Tragsessel Platz, um dort eigenen Worten und Bildern aus ihrer Vergangenheit zu begegnen. Diesen Erinnerungsprozess schnitt Chois Kamera mit. Aus dem Videomaterial entstand ein Parallel-Porträt, dass als Mixed-Media-Installation nun in der HALLE 14 präsentiert wird. Diese Installation erfährt eine Erweiterung durch ein Buch, das einerseits den Werdegang des Projektes dokumentiert und es andererseits durch weitere Perspektiven vervollständigt. Hier kommen Personen zu Wort, die die Künstlerin bei der Recherche begleiteten. Sänfte, Videos, Buch und Wandtexte führen einen Dialog über Glauben und Zweifel, Vergessen und Trauer. Die Frage, was es bedeutet, vergessen zu werden, wiederholt sich, da sie selbst immer wieder vergessen werde, so Choi. 

Boris Eldagsen (DE)

Boris Eldagsens mit minimalem Aufwand, aber großer Wirkung inszenierte Fotografien „How to disappear completely/THE POEMS“ (seit 2008) – vorwiegend Nachtaufnahmen – gehen Aspekten eines zeitlosen menschlichen Phänomens nach: dem Drang, sich zu verlieren. Immer scheint darin eine Erlösung vom Menschsein zu liegen. Diese Erlösung kann eine positive oder negative Form finden, je nachdem, ob der Mensch in etwas Größerem oder Kleinerem aufgeht (Religionen, Massenevents, Mystik, Liebe, Sex, Geschwindigkeit, Extremsport, Drogen, Gewalt). Licht ist dabei nicht nur konstituierendes Mittel der Fotografie, sondern auch ihr zentraler Inhalt. 

In dem 8-Minuten-Film „THE SCHOOL OF MAGIC (The Promise)“ spielt die renommierte Schauspielerin Sandra Hüller eine Frau, die regungslos und nackt vor einem roten Vorhang steht. Auf ihr Gesicht ist ein Spot gerichtet, ihr Körper zeigt Zeichen äußerster Anstrengung. Rechter Arm und rechte Hand sind in Bittstellung erhoben, der Blick direkt ins Licht gewandt. Nach einiger Zeit erkennt der Betrachter auf der abgewandten linken Schulter der Frau einen weißen Vogel. Als sie zögernd ihre Hand auf den Vogel zubewegt, fliegt dieser davon. Langsam geht die Frau zurück in ihre Erwartungshaltung. Nach einer Minute tastet sie ein zweites Mal ihre Schulter ab, findet aber nur Leere. Sie bewegt die Hand zurück in die Erwartungshaltung. Aus dem mystischen Nichts erscheint der Vogel wieder auf ihrer Schulter. 

Der Film „(the show must go on)“ kombiniert die Bilder einer rembrandtartigen Kreuzigungsszene mit dem atmosphärischen Sound eines live übertragenen Boxkampfes – eine Videoarbeit über Religion, Medien und Hoffnung. Den Fight begleitet ein britischer Kommentator, der der Reality-TV-Boxer-Serie „The Contender“ entlehnt ist. Für den Reporter und den Herausforderer wird der Kampf zum Alptraum. Doch „the show must go on“. 

GODzilla-Productions (AU/DE)

GODzilla-Productions sind Spezialisten in der Produktion und Ausstattung von Geschichtsdramen, Katastrophenfilmen, Horrorszenarien und apokalyptischen Visionen. „The Office“ (2011), das Chefbüro Gottes, gilt als der Höhepunkt der bisherigen Aktivitäten: der Allmacht Gottes, seines Vorgängers Jahwe und Nachfolgers Allah, eine stimmige Corporate Identity zu verschaffen und dies auch in der Innenarchitektur zu spiegeln, stellt die bisher größte Herausforderung für die noch junge erfolgreiche Firma dar. Ein übervolles Lastenheft mit den vielfältigsten Arbeitsfeldern, globalen Interessen, persönlichen Ansprüchen und Wünschen von Jahwe, Allah, Gott-Vater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist musste mit der Betriebsphilosophie und dem gestalterisch-handwerklichen Know-How von GODzilla-Productions in Einklang gebracht werden. (Vice-Presidents sind die Künstler A. C. Popp & N. W. Hinterberger.) 

Christian Jankowski (DE)

In Christian Jankowskis Film „The Holy Artwork“ (2001) bittet Pastor Peter Spencer während eines Fernsehgottesdienstes der evangelikalen Harvest Fellowship Church in Texas den Künstler wie verabredet auf die Bühne, wo er unvermittelt vor den Füßen des TV-Predigers zusammenbricht und regungslos verharrt. Spencer nutzt den Anlass, um seiner Gemeinde die Untrennbarkeit zwischen künstlerischer Kreativität und der schöpferischen Kraft Gottes zu predigen. Jankowskis Performance sei ein „Heiliges Kunstwerk“, das die Brücke zwischen Kunst, Religion und Fernsehen schlage. Mit einem „Danke, Gott, dass du dies ermöglicht hast“ erhebt sich der Künstler anschließend wieder und treibt damit sein Spiel zwischen Affirmation und Subversion auf die Spitze. 

Auf einer Horrormesse in Chicago hingegen konfrontiert Jankowski die Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs mit folgender Frage: „Welcher Mensch hat Ihnen in Ihrem Leben das schlimmste Unrecht angetan und welche Rachefantasie hegen Sie gegenüber dem Betreffenden?“ Im Video „Angels of Revenge“ (2006) lässt Jankowski die als Zombie, Monster oder Werwölfe verkleideten Teilnehmer in einem schmalen, dunklen Gang auf die Kamera zulaufen, die stellvertretend für den eigentlichen Adressaten mit grausamen Flüchen und Vergeltungsmaßnahmen bedacht wird. Neben elf großformatigen Fotoporträts finden sich auch – mehr oder weniger lesbare – handschriftliche Erklärungen, die deuten lassen, was bzw. wer den Hass der Porträtierten schürte. 

Helmut & Johanna Kandl (AT)

Eine sechsteilige Fotoserie von Helmut und Johanna Kandl erzählt vom Pfingstfest im Wallfahrtsort Loreto, dessen Gnadenbild eine „Schwarze Madonna“ ist. Viele behinderte Menschen säumen in Begleitung von Malteserschwestern die Piazza am Café Bramante, Volontärinnen in figurbetonten Uniformen, die karitativen Dienst verrichten und nebenbei auch vor Kameras posieren. Johanna Kandls Gemälde „Ohne Titel (I trust in painting)“ (2008) hält die Szenerie fest. Zeugnisse und Mitbringsel in Marienform aus Pilgerorten in aller Welt wie auch Marienliteratur bietet die kleine Schatzkammer „Lourdes etc.“. 

In der Video-Doppelprojektion „Pygmalion“ (2011) nehmen Helmut und Johanna Kandl Bezug auf den griechischen Mythos des Bildhauers, dessen Skulptur lebendig wird, und den Ovid in seinen um Christi Geburt geschriebenen „Metamorphosen“ niederschrieb. Die linke Projektion zeigt Aufnahmen aus La Fabrique in Lourdes, eine Manufaktur, die seit vielen Jahrzehnten Repliken der (Lourdes-)Madonna, aber auch anderer Heiliger produziert. Man sieht Gips, Gussformen, halbfertige Heiligenfiguren, die wie eine Armee bereit stehen – tausendfach zu verkaufende Handelsware. Die rechte Projektion zeigt Situationen, in der das Bild schon „lebendig“, „beseelt“ und zum magischen Gegenstand geworden ist: Heiligenfiguren werden ununterbrochen gestreichelt, auf den Rücken geschnallt fortbewegt, auf den Knien rutschend in den Armen getragen. Wo und in welchem Moment geschieht die Wandlung von der Handelsware zum auratischen, verehrten, heiligen Gnadenbild? Die Tonspur des Videos nimmt Bezug auf die Operette „Die schöne Galathée“ von Franz von Suppé, die den Pygmalion-Mythos Mitte des 19. Jahrhunderts, also zur Zeit der Ersterscheinung Bernadette Soubirous’ in Lourdes, zu einer Operette verarbeitet und trivialisiert. 

Cristina Lucas (ES)

Den Beichtstuhl als Drehort im Visier, tauscht sich Cristina Lucas im 10-Minuten-Video „Más Luz (More Light)“ (2003) mit drei Priestern über ihren persönlichen Konflikt aus, Künstlerin und zugleich Katholikin zu sein, hat sich doch die Kirche von der Kunst abgewandt und deren Patronage dem Finanzsystem überlassen: Warum also sollte sie noch an Gott glauben, wenn der keine Kunst mehr unterstützt? 

Das 7-Minuten-Video „Habla (Talk)“ (2008) reinszeniert eine Anekdote über das Künstlergenie Michelangelo, der seiner – nach Eigenaussage lebendigsten – Skulptur, jener des Religionsgründers Moses, mit dem Meißel ans Knie geschlagen und ihn auffordernd gefragt haben soll: „Warum sprichst du nicht?!“ Moses aber schaute einfach in die andere Richtung. Die Künstlerin nähert sich der gigantischen Figur mit dem Hammer in der Hand. 

In Lucas’ 5-Minuten-Video „Mi lucha (My Struggle)“ (2004) predigt ein Missionar auf dem New Yorker Times Square emphatisch auf die vorübereilenden, desinteressierten Passanten ein. Er spricht über die Kraft und Bedeutung von Kunst und die Notwendigkeit, die Ketten abzulegen, die uns daran hindern, uns uneingeschränkt und wahrhaft dem Glauben an sie hinzugeben. 

Rory Macbeth (GB) 

Mit subtilem und subversivem Witz, der oft nicht direkt oder sofort seine explosive Kraft entlädt, dann aber umso dauerhafter wirkt, untersucht Rory Macbeth die Diskrepanz zwischen Sein und Schein, wirft dabei auch Fragen zur Stellung der Religion in unserer Gesellschaft auf und unterwandert nicht selten klischeehafte Vorstellungen von Kunst. Macbeth ließ eine Computersoftware entwickeln, die den Gesamttext, also sämtliche Wörter der Bibel in alphabetischer Reihenfolge neu zusammenstellt. Seine Version der „Bible“ (1997) ließ er dann in sehr kleiner Typografie drucken. Die Lektüre wird zum Schwindel erregenden Vorgang, leicht benommen stellt man fest, dass selbst Wörter wie „slaughter“ (das Schlachten, die Metzelei) 56 mal und „ass“ (womit hier wohl eher der Esel gemeint gewesen sein soll) 86 mal in der Heiligen Schrift vorkommen. Macbeths cartoonesque Fiberglas-Gedankenblase „Thought Bubble (oh god (Nietzsche’s Mum (Joke)))“ (2004) „enthüllt ungeschickt das Unsichtbare“, fragt, wie man etwas Abstraktes, „Gott“ zum Beispiel oder auch nur einen Gedanken oder die Idee eines Witzes abbilden könne. 

Andernorts ragt ein „Arm“ (2004) aus einer Wand, der an Michelangelos berühmte Darstellung des gleichen Körperteils erinnert und mit dem man sich als Besucher allein im Raume wähnt – ein Fingerzeig Gottes?

Txema Novelo (MX)

Txema Novelo bezeichnet sich als Phristen, eine Parallelform zum Pop-Okkultismus des Skandalkünstlers und Miterfinders der Industrialmusik Genesis P. Orridges. Ein Phrist ist nicht gleichzusetzen mit einem Pop-Christen, aber eine Person, die spirituelle Elemente in menschlichen Schöpfungen als Teil des Göttlichen sieht. Novelo glaubt fest daran, dass Rock 'n' Roll und Kunst Formen jener Intuition sind, die uns Menschen – wenn auch nur für den Moment – eins mit Gott sein lassen. Das Universum des mexikanischen Künstlers bewegt sich zwischen Filmen, Schallplattencovern, alten und neuen Mythen. Seine Gedankenwelt steht im Dialog mit unterschiedlichen Personen wie dem Philosophen Giordano Bruno, der 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen endete, der walisischen Rosenkreuzerin Dion Fortune, dem Beatnik Brion Gysin, dem Künstler Joseph Beuys, den Popmusikern wie David Bowie und Nick Cave, der Alternative-Rockband Spacemen 3, dem Medienkünstler und Videospielprogrammierer Toshio Iwai, kymatischen Klangmuster, sakraler Geometrie und Final Fantasy-Videospielen, um nur einige zu nennen. Novelo war im Rahmen des HALLE-14-Stipendienprogramm „What Happened to God?“ ausgewählt, ein Projekt zu realisieren. Als Ergebnis entstand die nach der Single der Band The Smiths benannte Broschüre „There's a Light That Never Goes Out“ (2011) – ein assoziativer Streifzug durch die Mystizismen der Popkultur in vier Kapiteln (1. Exodus (Ham), 2. Pendulum (Shem), 3. Magick Dance (Japheth), 4. Haile Selassie (Power of the Trinity)) mit Epilog (After a Flood). Quasi als Verdichtung endet jedes Kapitel mit einer Konzeptinstallation, die Novelo im Sommer 2011 in der HALLE 14 realisierte. Als Epilog verneigte sich der Künstler vor Nietzsches Grab in Röcken mit der Sonic-Youth-Platte „Kill your Idols“ als Opfergabe und vor der letzten Ruhestätte der Sängerin Nico mit der Velvet-Underground-Bootlegplatte „Praise Ye The Lord!“ am Rande von Berlin.

Nii Obodai (GH)

Die Fotoserie „Zetaheal“ des Ghanaers Nii Obodai porträtiert eine seit 1975 bestehende Religionsgemeinschaft in einem weiß getünchten, imposanten Tempel Accras, in der 5.000 weiß gekleidete, barfüßige Anhänger dieser Glaubensrichtung gemeinsam ihre Religion ausüben. Sie sind gleichermaßen Christen und Moslems, ein Pfarrer und ein Imam leiten gemeinsam den Gottesdienst. Geistliche Führerin dieser einzigartigen unter Afrikas indigenen neuen religiösen Bewegungen, die Elemente aus Islam und Christentum mit afrikanischen traditionellen religiösen Praktiken vereint, ist Prophetin Lehem (hebräisch für „lehn dich an mich für deine Erlösung“), auch bekannt als Comfort Narh, die, als sie noch Näherin war, durch Engelserscheinungen und himmlische Wegleitung die Menschen zusammenbrachte und den Tempel baute. Ihre Mission gilt als universal, geistlich geprägt von großen Religionsgründern wie Jesus Christus und Prophet Mohammed. Die Fotoreihe fokussiert die Energie der Eintracht dieser Glaubensgemeinschaft. 

Dan Perjovschi (RO)

Der Rumäne Dan Perjovschi stellt sich seine Welt aus Alltagsbeobachtungen und Betrachtungen zu makropolitischen Ereignissen täglich neu zusammen. Stets das Notizbuch in der Jackentasche, ist er ständig am Sammeln und Zeichnen. Ebenfalls sparsam mit wenigen, klaren Linien wurden das Mischwesen „Goddevil“, der „Church Dick“, die sieben Heiligen, die karikatureske Evolution von „Bible“ zu „Google“, die zynische Aufforderung an den am T der Kunst Gekreuzigten „You can get down. The press is gone.“ oder die Dialoge zwischen Kirche und Moschee „Do you like feng shui?“, Kirche und Bank „What's your interest?“, Kirche und Medien „I reach CNN“ auf die Wände in der Ausstellungshalle übertragen, nicht ohne genügend Raum für Interpretationen zu lassen, damit der Betrachter sein eigenes „mentales Gemälde“ zu Perjovschis Vorgabe weiterentwickeln möge.

Per Teljer (SE)

Im Filmprogramm „Solidarity Lost“ zeigt der schwedische Videokünstler Per Teljer sieben Arbeiten aus zehn Jahren (1996-2006), die menschliche Konflikte und Dilemmata im Alltag, Ärger, Hass, Verzweiflung, Angst und das Böse thematisieren: Die problematische Beziehung zwischen gebrechlichem Vater und autoritärem Sohn in einem Kammerspiel in Realzeit; das Gespräch zwischen einem verzweifelten Mann im Wald, der gerade noch versuchte, Suizid zu begehen und plötzlich zum Gewalttäter wird, und seinem Retter und Zuhörer; der Brudermord während einer Silvesterparty in einem heruntergekommenen Plattenbau-Vorort; der Autofahrer, auf den auf offener Straße eine blutende, verzweifelte Frau zu rennt (verfolgt von einem Mann mit einem Messer) und der nicht die Kraft hat, sie mitzunehmen; der Tod eines Joggers im Wald, nachdem er zwei Männer auf eine möglicherweise gestohlene Leiter angesprochen hat, was ihm zum Verhängnis wird; zwei taubstumme Skinheads in Pöbellaune, die in einen ernsthaften Streit um Minderheiten eskaliert; der Fußball spielende Junge, den ein Mann solange demütigt, schikaniert und zwingt, mit ihm zu spielen, bis der Junge das Spielfeld ohne seinen neuen Ball verlässt. 

In der Dreistundenschleife laufen die Filme „Som det nu var“ (80 min, 2006), „South of Heaven“ (30 min, 2003), „Festen“ (41 min, 2001), „The Samaritan“ (4 min, 2000), „The Vigilante“ (8 min, 1999), „Deaf Throes“ (7 min, 1998) und „This Succer“ (11 min, 1996).

English version

Whether we believe in a god or not, whether we identify ourselves as theists, atheists or even anti-theists, our world is profoundly influenced by concepts of god and the divine. The image of the divine, the absolute and the human pursuit to bring oneself in harmony with a ”higher power,“ condensing these things into an image of a transcendent, benevolent creator, using these things to find protection, solace and happiness through collective worship, but also to maintain relationships of power, are as old as humanity itself. Why doesn’t such a higher consciousness prevent or relieve suffering and misfortune in the world? This central, critical question that has occupied believer and non-believer alike since the beginning of religion finds its culmination (so far) in the formulation that it is God who allowed Auschwitz to happen. 

The urgent issues of the 21st century – religious and ethnic conflict, terrorism, the struggle over natural resources (and the associated poverty and famine), globalization and the lack of rational solutions to save the world – on the one hand, appear to correspond to a heightened religious awakening, to a growing commitment to other religious cultures, to a partially fanatical, radicalized adherence to faith and religiousness. On the other hand, renunciation of the church, lack of belief and misuse of belief are no rarity. People lose their faith, dedicate themselves to other forms of spirituality and search for new meaning in their lives that seems worth holding onto. It seems that the person without belief is not truly human. 

Nevertheless religion becomes ”the sigh of the oppressed creature,“ ”the heart of a heartless world,“ ”the soul of soulless conditions“ and ”the opium of the people“ (Karl Marx), and one can reach a higher level of humanness through completely stripping away western Christianity with a ”transvaluation of all values“ (Friedrich Nietzsche), by criticizing it just as the culture of belief itself is contested by numerous scientists, historians, psychologists and ethnologists – those who in past decades rejected any form of religion, irrationalism, superstition or pseudo-science and lobbied instead for a world that is dominated by rationality and intellect in lieu of irrationality and religious hatred. Those who count themselves among the faithful: what have they found? And those who look for something new: what do they aspire to? Does a shared vision of a utopic Paradise on Earth unite them? Do they share a common dilemma of the untraceableness of this place, while they search for their salvation in different vanishing points? What does God offer them? What has happened to God in a world in which the disillusioned abandon him, others know only to defend him with violence, and yet others turn away in anguish and horror, and consume, but still disregard, the images of religiously motivated violence that have become commonplace? 

To be an artist, to live out a commitment to art, does this not also mean to be a practicing believer, a monk, to operate with the goal of giving new meaning to one’s own life and those of others? Does art know the answer to the question: What Happened to God? In this exhibition fifteen artists are tracing the fascination and contradictions of faith and religion and their earthly and heavenly manifestations.

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