The Big Easy: Relocating the Myth of the „West”

Eine Ausstellung der HALLE 14 unter Mitwirkung der ACC Galerie Weimar und von Knut Birkholz (Rotterdam).

25.11.2007 bis 20.01.2008


Zehra Ahmed (Australien), Kader Attia (Algerien, Frankreich), Matthew Buckingham (USA), Deborah Kelly (Australien), Aleksandra Mir (Polen, Italien), Mônica Nador (Brasilien), Julika Rudelius (D, USA), Xabier Salaberria (Spanien) und Solmaz Shahbazi (Iran, D)

Bei den sich entwickelnden Fragen des 21. Jahrhunderts, wie dem Kampf um Ressourcen, Globalisierung, religiösen und ethnischen Konflikten und Terrorismus, versteht sich „der Westen” als ordnungspolitische Leitkultur, deren ungelöste Widersprüche sich an den unterschiedlichen Haltungen zum Nahostkonflikt und zuletzt zum dritten Golfkrieg verdeutlichten. Jedoch gleichen sich derzeit die ost- und mitteleuropäischen Staaten politisch und wirtschaftlich immer mehr Westeuropa an. Ost und West sind nun Teil einer panoramisch-panoptischen, überwältigenden, herzzerreißenden, atemberaubenden Kultur der Übertreibung als hegemoniale Weltlandschaft, in der nichts wirklich passiert, deren überbordende Unbeschwertheit, der große Leichtsinn, The Big Easy einfach nur ein Effekt ist. Jene Übertreibung wider besseres Wissen – dem beliebtesten politischen Machtmittel.

Eine der größten Herausforderungen der Gegenwart bleibt es dennoch und gerade deswegen, uns in die Vorstellungswelt und Weltanschauung Anderer zu versetzen, ohne die eigenen (vorgefertigten) Imaginationen zu projizieren. Auch wenn wir unsere Kenntnisse über kulturelle Zusammenhänge, ästhetische Prämissen und moralische Werte zu erweitern verstehen: Können wir die Ideen der Anderen von der Zukunft nachempfinden und verstehen? Haben wir in der Einfachheit unserer Traumwelten mehr gemein, als dass uns die ererbten Unterschiede voneinander trennen? Wird auf beiden Seiten – in Ost und West – nach gesellschaftlichen Utopien, nach der Umsetzung der Vorstellung vom Paradies auf Erden gesucht? Soll eine Zukunft aus Freizeit und Muße bestehen, in der Arbeit nicht existiert und man Luxus in ewiger Unumkehrbarkeit genießen kann?

Mythos ist etymologisch – aus dem Altgriechischen – das Erzählte. Dabei ist der „Mythos des Westens” – Freiheit, Erfolg, Wohlstand und Luxus, Bedeutsamkeit und Aufmerksamkeit, Glück und Liebe – möglicherweise gar keine vorwiegend ökonomische „Erzählung”. Von griechisch-römischer Kultur und christlicher wie jüdischer Religion geprägt, ist er ein Konstrukt von Versprechungen, das auf bestimmten tradierten Werten basiert. Was macht den Westen so attraktiv? Seine „Zukunftsangebote” ? Seine Suche nach dem „perfekten Lebensort” ? Die Macht seiner Luxusindustrie? Sein Misstrauen gegenüber dem Mangel an Geld? Oder ist der Westen im Vergleich zu seinen bekannten Alternativen nur das bislang kleinste Übel? Mit welchen Verlockungen rüstet bzw. vermarktet sich der Westen als Reich der Freiheit und Selbstverklärung, um seine Selbstmythologisierung als Rechtfertigung, Motivation und Ziel seines Tuns voranzutreiben? Die Dialektik zwischen Ost und West ist nicht nur durch soziopolitische Parameter definiert, sondern auch durch Tugenden und Vorzüge, aber auch Nachteile und Mängel, die jeder der beiden Pole auf seine Art verkörpert.


Die Installation „Permission to Narrate” (2004) von Zehra Ahmed bezieht sich auf Edward Saids Kritik an der Dominanz stereotyper Bilder vom fremden, nicht reformfähigen Islam, die insbesondere von Medien und akademischen Kreisen der westlichen Welt geprägt werden. Ahmeds Arbeit fordert Freiräume für Gegenerzählungen ein – notwendiger Bestandteil einer Dialektik, die die allzu scharfe Trennung zwischen uns und den Anderen, den moslemischen Kulturen, nicht gelten lässt. Die Australierin sprüht dazu in einem dunklen Raum die Worte „Erlaubnis zum Erzählen” auf Arabisch an eine Wand und projiziert darauf das Musikvideo vom Tanz eines dunkelhäutigen, moslemisch gekleideten Breakdancers: das traditionell hochkulturelle Medium Schrift wird mit der weltweit popkulturellen Ausdrucksform Tanz konfrontiert, konkret die arabischen Schriftzeichen mit dem zunächst für den US-Underground typischen Hip-Hop.

Als Wanderer zwischen zwei Kulturen sieht sich der Franzose Kader Attia. In Frankreich geboren und als Sohn algerischer Eltern lebt er wegen der politischen Situation seines Herkunftslandes Algerien in den letzten Jahren von seinen Familienangehörigen getrennt. Über die symbolische Auseinandersetzung mit Zeit und Wahrnehmung, Körperlichkeit und Gewalt thematisiert Attia das Leben in den Vorstadtghettos, den Banlieues, und damit Fragen der kulturellen Identität im Kontext von Migration. Seine Installationen, Fotografien, Skulpturen und Zeichnungen sind in zahlreichen Ausstellungen präsent. Zuletzt waren sie im Institut du Monde Arabe (Paris, 2006) zu sehen. In seiner Installation „Ghost” (2007), die aus einer Vielzahl mittels Aluminiumfolie nachgeformter Frauenkörper besteht, zitiert Attia die offenbar universalmystische Symbolik des Gebets und der entsprechenden Körperhaltung, weshalb die aufgereihten leichten und zugleich schwer erscheinenden Hüllen keiner bestimmten Weltreligion zugeordnet werden können.

Die Versuche, Hegemonialansprüche zu legitimieren, waren wohl zu allen Zeiten mythisch, und diese Mythen leben bis heute auch in den Geschichtskonstruktionen der großen demokratischen Kulturen fort. Prägnant reflektiert wird dieser Umstand in der Arbeit „The Six Grandfathers, Paha Sapa, in the Year 502,002 C.E.” (C-Print, 2002/03) des amerikanischen Künstlers Matthew Buckingham. Die Geschichte des Mount Rushmore National Memorial – mit den zwischen 1927 und 1941 in Fels gehauenen US-Präsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt – entfaltet sich nach dem vielleicht zufälligen, vielleicht lang recherchierten Fund einer hoch metaphorischen Koinzidenz: die stolze Erinnerungsstätte der Demokratiegeschichte der USA hatte einen wohl heiligen Ort der Sioux mit dem Namen „The Six Grandfathers” vereinnahmt; der ausführende Künstler G. Borglum war dem Vernehmen nach Mitglied des Ku Klux Klan; der Ort liegt unweit des geographischen Mittelpunktes der USA namens „Paha Sapa”. Was sich die USA mit Mount Rushmore leisteten und zu einem guten Stück bis heute aufrechterhalten, ist Traditionsbeschönigung mittels kolonialistischen „Bildersturmes”. Man ersetzte sechs fremde Vorväter durch vier eigene und erbaute seinen Tempel auf den Steinen eines anderen. So wenig nun behauptet werden kann, das Zeitalter der Kolonialisierung sei ein längst vergangenes, so sehr tragen Bilderstürmer noch immer das Gewand der apokalyptischen Reiter.

Die Künstlerin Deborah Kelly befasst sich mit komplexen kulturellen Lebensumständen und öffentlichen Debatten, zumeist in ihrem Herkunftsland Australien. Auch dort sind die negativen Folgen klischeehaften Denkens zu spüren, das häufig zur Diskriminierung und Herabwürdigung von Migrantengruppen und der indigenen Bevölkerung Australiens führt. Seit längerem arbeitet Kelly außerdem über die massenmedial vorangetriebene Sexualisierung der westlichen Gesellschaft, dem Mythos von der enthemmten und "freien Lust" in einer „freien Welt”, der zugleich eine sexuelle Desensibilisierung nach sich zu ziehen scheint. Die Grafik „Sucka” – für „The Big Easy” zu einer neuen, überdimensionalen Aufblasarbeit, einer Installation aus Vinyl und Zentrifugalventilator (2007) geworden – zitiert aus der Bildwelt der Sexspielzeuge und konterkariert sie mit dem Motiv eines sehr beliebten Fantasiegenres, dem Vampirismus – begleitet von reproduzierten Spam-E-Mails, die für Penisvergrößerungen werben.

Mit der auf Video dokumentierten Performance „First Woman on the Moon” der aus Polen stammenden Künstlerin Aleksandra Mir wurde die erste Mondlandung im Jahr 1999 an einem holländischen Strand noch einmal neu zur Aufführung gebracht. Vorab wurde das Ereignis im Radio und Fernsehen mittels Pressemitteilungen und Interviews angekündigt. Einer minutiös vorbereiteten Dramaturgie folgend, erreichte die Performance – unter Beobachtung vieler Menschen und mehrerer Fernsehsender – ihren Höhepunkt bei Sonnenuntergang: Auf einem aufgeschütteten Sandhügel platzierte Mir die US-amerikanische Flagge. Neben den Anspielungen etwa auf Medienmanipulation, Sensationslust und Geschlechterfragen erinnert diese Arbeit daran, dass einer der prägenden Mythen des Westens von jeher der expansive technische Fortschritt war. Jedoch wird aus historischer Perspektive auf die „Wettläufe” zur Zeit des Kalten Krieges und der beginnenden Raumfahrt deutlich, dass dies ein Mythos aller europäisch geprägten Kulturen (also auch des damaligen Ostblocks) ist und bleibt.

JAMAC (Jardim Miriam Arte Clube) heißt der 2004 gegründete gemeinnützige Verein um die Künstlerin Mônica Nador und weitere kulturelle Akteure Brasiliens zugunsten des Viertels Jardim Miriam am Stadtrand von São Paulo. Ziel von JAMAC ist es, Initiator und Plattform künstlerischer Prozesse und Aktionen zu sein, die einen greifbaren Nutzen für die Gemeinschaft vor Ort haben, anstatt eine Auseinandersetzung mit sozialen Problemen oder kulturellen Phänomenen für einen Ausstellungskontext aufzubereiten. Konkret wird versucht, die Lebenssituation der Menschen in Jardim Miriam mittels Kunst zu verbessern und ihnen durch die Vermittlung grundlegender Fertigkeiten eigene Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand zu geben, wobei auch ihr Weltbild und soziales Bewusstsein erweitert werden sollen. Ludmila Ferola (Brasilien/Spanien) hat darüber die 64-min-Dokumentation „JAMAC. PAREDES PINTURAS – the work of fine artist Mônica Nador” (2005) gedreht.

Die deutsche, in Amsterdam und New York lebende Künstlerin Julika Rudelius filmte für ihre 2-Kanal-Videoinstallation „Forever” (2006) in den so genannten Hamptons, auf Long Island, wohin sich ein Teil der New Yorker Highsociety während der Sommermonate in seine Ferienhäuser zurückzieht. Fünf Frauen, ausgewählt nach Alter und äußerlicher Erscheinung, posieren vor den obligatorischen Swimmingpools ihrer luxuriösen Anwesen und äußern sich zu Rudelius’ Fragen – etwa zu Schönheit, kosmetischer Chirurgie und dem Altern, und machen zwischenzeitlich von sich Selbstporträts mit einer Polaroidkamera. Dabei kommen immer wieder die Klischees vom „guten und glücklichen Leben” gerade der US-amerikanischen Gesellschaft immer wieder zum Ausdruck, zugleich jedoch auch Ängste und unerfüllte Hoffnungen, in denen sich nicht zuletzt die unabdingbaren Grenzen der vermeintlich heilen Welt der – zumindest ökonomischen – Upperclass der westlichen Kultur andeuten.

Xabier Salaberrias in sozialen Situationen verortete Interventionen arbeiten mit dem Raum. Der Künstler entwirft Räume, indem er meist Elemente verwendet, die man als Mobiliar bezeichnen könnte. Einfachste Mittel und Materialien sollen genutzt werden, um damit ein Maximum an sozialer Situation zu erwirken oder – besser noch – Möglichkeiten zu erkunden, die bis dato für ihre Benutzer im Verborgenen lagen. Dabei entsteht, ist eine spezielle Art der Szenografie, die sich dem Ausstellungsthema entzieht und gleichzeitig mit ihm spielt: die Bühne für ein Geschehen, dessen Dramaturgie nicht festgelegt ist. Salaberria spürte bislang immer eine Art Widerstand, seine Arbeit als Kunst zu verstehen, er mag es, wenn der Betrachter vergisst, dass das Element oder die Installation etwas anderes ist als das, was es zu sein scheint: eine Bar, ein Tisch, ein Regal. So ist es auch beim „Teil II eines ungebauten Projektes”, 2007.

Die seit 1985 in Deutschland lebende Iranerin Solmaz Shahbazi beschreibt in ihrem in Zusammenarbeit mit Tirdad Zolghadr entstandenen Teheran-Triologie (2001-2005) eine Metropole, in der sich Moderne und Tradition auf komplexe Weise ineinander verschränken, und präsentiert – aufgrund ihrer Herkunft mit einiger Distanz zu einer rein westlich geprägten Sichtweise – unterschiedliche Standpunkte in Bezug auf urbane Identität und Zukunft. Die Mehrheit der Bevölkerung Teherans wurde nach 1978 geboren – dem Jahr der islamischen Revolution, die durch Ajatollah Chomeini ausgelöst wurde. Seit 1980 hat sich die Bevölkerung von Teheran vervierfacht. Die Stadt zählt inzwischen über 12 Millionen Einwohner. „Persepolis”, der dritte Teil der Teheran-Trilogie, stellt visuellen Eindrücken eine rein akustische Erzählung gegenüber, wobei ein Netz an Erinnerungen zur Stadt und ihrer Geschichte ausgelöst wird.


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Die Parallelausstellung zum Projekt fand vom 26.11.2007 bis zum 06.01.2008 in der ACC Galerie Weimar statt.