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DIE ENDEN DER FREIHEIT

Abb.: Eugenio Merino, Toxic Trump, 2017, Courtesy the artist & ADN Galeria, Barcelona

7. September bis 7. Dezember 2019

Eröffnung: Samstag, 7. September 2019, 15 Uhr

Rundgang der SpinnereiGalerien: 7. & 8. September 2019

Öffnungszeiten: Di bis So, 11 bis 18 Uhr

Makoto Aida, Ines Doujak, Işıl Eğrikavuk, INDECLINE, Eugenio Merino, Csaba Nemes, Tools for Action, Wen Yau

[English Version]

at the end: W...T...F went WRRONNNNG?

Es scheint noch gar nicht so lang her zu sein, dass die Kunstwelt saturiert klagte: anything goes. Der avantgardistische Freiheitsdrang, alles dem Kunstgestus unterzuordnen, keine Autorität außerhalb ihrer eigenen Sphäre anzuerkennen, den Geschmack des Publikums mehr als nur zu ignorieren, hatte sich schon vor langem totgelaufen. Statt eine alternative Erzählung aufzubauen, verweigerte sich die Postmoderne jeder Erzählung: Kunst und Geschichte waren in ihrem Endstadium maximaler Freiheit angekommen. Beflügelt durch digitale, grenzenlose, hierarchiefreie Kommunikation hatte das Zeitalter der Demokratisierung, der Liberalisierung und Globalisierung alternativlos begonnen. 

disRUPT_tion

Diese einstige Gewissheit ist heute dahin. Die Tektonik der sozialen Gefühlsstrukturen ist in ihrem Fundament verrutscht. Die Gegenwart erscheint als permanenter Krisenzustand, als Verkehrung aller Werte. Auch die happy few, die privilegierten Gesellschaften der liberalisierten Weltgemeinschaft, sind nicht mehr intakt. Sie sind getrieben von Ängsten, vor allem der Angst, ihre Privilegien zu verlieren. Konsens und Solidargemeinschaft war gestern. Jede und jeder für sich! ... auch zu Lasten der Menschlichkeit. Allenthalben sieht man Freiheiten bedroht. Nichts dürfe mehr gesagt werden, meinen die einen. Die Einschränkung garantierter Rechte fürchten die anderen.

it’s TIME.. to GET {NERRRRRRRR-VOUS}? 

Ein Backlash des Autoritären hat die Demokratien erwischt. Zwischen 1994 und 2011 war Italiens Medienmogul Silvio Berlusconi vier Mal Ministerpräsident. Wladimir Putin lenkt seit 1999 Russlands Demokratie. Bereits 2000 beteiligte mit der FPÖ in Österreich eine rechtsradikale Partei an der Regierung. Nach dem Wahlsieg der Dänischen Volkspartei 2001 konnte die Minderheitsregierung in Kopenhagen 10 Jahre nur mit ihrer Duldung Politik machen. Seit 2003 ist Recep Tayyip Erdogan der starke Mann in der Türkei. 2018 baute er sie in eine auf ihn ausgerichtete Präsidialdemokratie um. 2010 wurde Viktor Orbán erneut Ministerpräsident Ungarns und schuf sich eine illiberale Demokratie nach dem Modell Putin. Der kulturell reaktionäre, wirtschaftlich liberale Premier Japans, Shinzo Abe, entdeckte 2012 soziale Medien als Mittel für verleumderische Angriffe auf politische Gegner und die Medienöffentlichkeit. Hongkongs Bürgerschaft und Jugend wehren sich seit Jahren gegen die Aushöhlung ihrer Freiheiten durch die chinesische Regierung. Mit dem Wahlsieg der PiS 2015 geriet die polnische Verfassung in die Krise. Im selben Jahr übernahm der Multimilliardär Donald Trump mit seinem verächtlichen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Gehabe die Republikaner und 2017 das mächtigste Amt der Welt. Die Basisfinnen, die Schwedendemokraten, die Dänische Volkspartei, das MoVimento 5 Stelle Italiens und die Alternative für Deutschland drehten den politischen Diskurs in Europa nach rechts und feiern damit Wahlerfolge. 2019 gelangte Jair Bolsonaro mit einer rassistischen, frauen-, schwulenfeindlichen Wahlkampagne ins Präsidentenamt Brasiliens.

Who...sssss NXT? {...} 

Der neue Populismus wendet sich gegen tatsächliche oder vermeintliche Eliten und gegen den mitunter falschen Konsens im politischen Alltag. Die Volksparteien sind nicht mehr Stimme des Volkes. Vox populi meldete sich in sozialen Medien selbst zu Wort. Nicht selten wird es hier asozial und düster: Trolle aus Fabriken, Shitstorms, Hassrede, Hetze, Filterblasen, Social Robots, Manipulation von Wählerstimmen. Letztendlich handelt es sich um eine Antipolitik, die auf Spaltung aus ist und soziale Fliehkräfte verstärkt. Ausgrenzender Spott, Provokation und Political Incorrectnes sind zu Waffen dieser Bewegungen geworden. Reflexhafte Empörungsrufe und Mahnung an demokratische und ethische Standards sind einkalkuliert. Gegen sie wird ausgerechnet die Religions- und Meinungsfreiheit ins Feld geführt. Man würde wohl dies und das noch sagen dürfen! Kultur und Kunst selbst sind in diesen Strudel geraten und wieder zum Streitfall geworden – genauso wie das Erinnern und Vergessen.

SoliiiiidaritiiiiIIIEE_LOST?

Die Schau stellt Künstlerinnen, Künstler und Gruppen vor, die sich gegen das Erstarken autoritärer Kräfte in ihren Ländern stemmen, auf die Straße gehen, sich am gesellschaftlichen Aushandlungsprozess beteiligen, die auf Gefahren hinweisen und ihrerseits provozieren. Welchen politischen und künstlerischen Einschränkungen sehen sie sich gegenüber? Wo gab es Fälle politischer Einflussnahme und Zensur? Wo gerieten Kunstschaffende selbst in Gefahr? Wie und mit wem solidarisieren sich die Künstlerinnen und Künstler? Wer solidarisiert sich mit ihnen? Welche Rezepte, die eigene Handlungsmacht zurückzugewinnen, kann die Kunst bieten? Ist es Zeit, dass Kunst politisch ... wieder politisch ... politischer wird? Oder ist es gar zu spät? Ist Flucht eine Alternative? Flucht wo hin oder in was? Letztendlich will das Projekt animieren, die eigene Handlungsmacht zu erkennen, zu sprechen, statt zu schweigen und den Dialog, statt die Konfrontation zu suchen.

Abb.: Makoto Aida, The video of a man calling himself Japan's Prime Minister making a speech at an international assembly, 2014, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Makoto Aida

Im Sommer 2015 gab es Streit um eine Sommerausstellung für Kinder im Museum für zeitgenössische Kunst Tokyo. Die Kuratoren wollten sie anspruchsvoller gestalten als die üblichen Kinderausstellungen. Sie luden dafür u.a. MAKOTO AIDA ein, einen der bekanntesten aber auch umstrittensten japanischen Künstler der Gegenwart. »Ich denke, ich habe die Aufgabe erfüllt«, sagt Aida. Doch es kam nach der Eröffnung der Ausstellung »An Art Exhibition for Children - Whose Place Is This?« zur Beschwerde eines Besuchers, woraufhin die Stadtregierung, die das Museum betreibt, einschritt. Aida behauptet, dass er von den Kuratoren aufgefordert wurde, zwei seiner Arbeiten aus der Ausstellung zu entfernen. Eine Sprecherin des Museums widerspricht. Sie hätten lediglich um eine Veränderung der Arbeiten gebeten: »Wir fragten ihn, ob er sie zugänglicher für Kinder machen könnte.«

Der Streit drehte sich um ein großes Schriftbanner mit dem Titel »Manifesto« und ein Video. Das sechs Meter lange Banner war beschriftet mit Beschwerden von Aida und seiner Familie an das Bildungsministerium. »Die meisten Familien reden daheim über Bildung. Meine Frau und mein Sohn haben sich bei seiner Schule beschwert, daher ist die Arbeit ein Beispiel für die Beschwerde meiner Familie«, erklärt Aida, »das ist nichts besonders Radikales … Ich bin nicht regierungsfeindlich.« In dem Video gibt Aida vor, als der japanische Premier vor einer internationalen Versammlung zu sprechen. Obwohl an keiner Stelle ein Bezug zu Shinzo Abe hergestellt wird, ist klar, dass er gemeint ist, wenn Aida ihn in gebrochenem Englisch die »Globalisierung« verteufeln lässt und eine absolute Isolation Japans verkündet.

»In Japans gegenwärtigem Klima des historischen Revisionismus und der Zensur ist Aida ein Stachel«, kommentiert die Journalistin Lucy Birmingham den Fall. »Als solcher bringt er sicherlich die Menschen zum Nachdenken. Für Kinder sollte das eine gute Sache sein.« »Selbstzensur ist ein großes Problem in Japan, viel schlimmer als Zensurmaßnahmen, die von außen kommen«, schildert die Kuratorin Natsumi Araki. Sie arbeitet für das privat betriebene und finanzierte Mori Art Museum, das deshalb freier als öffentliche Häuser agieren kann.

Abb.: Ines Doujak, Follow the Leader, 2004, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Ines Doujak

Ein heruntergekommenes Segelschiff liegt vor der Küste Chiles. Kapitän Delano möchte den Fremden helfen, doch fällt es ihm schwer, die Zustände an Board zu deuten. Delano weiß noch nicht, dass die an Board befindlichen Sklaven die Macht übernommen haben und nur zum Schein vorgeben, dass die Spanier noch das Kommando führen. Weil Delano das Gerippe des Sklavenhändlers, dass die Aufständigen am Bug annagelten, wo vorher die Figur Christopher Kolumbus’ prangte, nicht sehen kann, bleibt ihm auch der wahre Sinn des dort befindlichen Schriftzugs »Seguid a vuestro jefe« (»Folgt eurem Führer«) verborgen. Jeden Morgen müssen die Überlebenden der Mannschaft am Bug antreten, wo sie folgende Warnung zu hören bekommen: »Haltet den Schwarzen von hier bis zum Senegal die Treue – sonst werdet ihr im Geist, wie im Fleisch, eurem Führer folgen.« So wollen die Sklaven die Besatzung zwingen, sie in ihre Heimat zurückzubringen. Die bizarre Szenerie, die Herman Melville in seiner Erzählung »Benito Cereno« von 1855 entwirft, ist eine Umkehrung der Beziehung von Herr und Knecht.

Melvilles Story ist der Ausgangspunkt für INES DOUJAKS vielschichtige Installation, die Fragen nach der historischen Verschränkung von Herrschaft, Gewalt und Revolte, von Rassismus und Sexismus stellt. »Zugleich lotet sie poetische und imaginäre Ressourcen von revolutionären Widerstand, ja von Widerstand überhaupt aus.« (Roger M. Buergel) Uns begegnet eine Plexiglas-Kriegsflotte aus zehn amerikanischen, europäischen, sowjetischen und japanischen Kreuzern und Zerstörern. Am Steuerboard ist sie mit braunem Fell beklebt und am Backboard mit Fotografien. Doujak fand heraus, dass sich Skinheads auf einen Brief des Rechtstheoretikers mit Nazivergangenheit Carl Schmitt beziehen, den er mit dem Namen des spanischen Kapitäns Benito Cereno signiert hatte. In einer bizarren Verdrehung meinte Schmitt, dass er und weitere Intellektuelle sich unter Hitler in geistiger Geiselhaft befunden hätten. Gemeinsam mit Wiener Hooligans stellte Doujak Episoden aus Melvilles Kurzgeschichte für die Fotos nach.

An den Kriegsschiffen hängen je fünf bemalte Straußeneier. Diese exotischen Mitbringsel wurden in der Kolonialzeit gern in europäischen Wunderkammern ausgestellt. Darauf finden sich Szenen und Daten von sozialen Unruhen und Revolten, in denen Frauen eine zentrale Rolle spielen: Tschetschenische Selbstmordattentäterinnen, Kurdische Kämpferinnen, Organisationen gegen Frauenhandel, die feministischen Anarchistinnen des Spanischen Bürgerkrieges und viele mehr. Gegen die Tendenz, Widersprüche der Geschichte in historischen Erzählungen zu vereinfachen, setzt Doujaks Strategie darauf, Symbole mit Bedeutungen zu überladen. In dieser Überfrachtung wird scheinbar unumstößliche Vergangenheit wieder flüssig und lassen Fragen entstehen wie: Warum sind die Dinge eigentlich wie sie sind? … und müssen sie so sein?

Abb.: Işıl Eğrikavuk, A Fairytale on Benefits of an Apple, 2016, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Işıl Eğrikavuk

Lange Zeit war YAMA Istanbuls sichtbarstes Kunstprojekt im öffentlichen Raum. Vom Dach des Mamara Pera Hotels wurden nachts Videos von bekannten Künstlerinnen und Künstlern gezeigt. Das Video »Time to Sing a New Song« von IŞIL EĞRIKAVUK sollte im Frühjahr 2016 eigentlich für zehn Wochen dort laufen. Doch bereits nach drei Tagen blieb der neun mal sechs Meter große Bildschirm schwarz.

Auf Nachfrage der YAMA-Kuratorin, Övül Ö. Durmuşoglu, beim Hotel, was geschehen sei, erfuhr sie, dass nach anonymen Beschwerden, die Polizei angeordnet habe, den Monitor abzuschalten. Es hieß, diese neue Arbeit verletze religiöse Gefühle. Die kurze Animation, in der sich ein weibliches Emoji-Gesicht in einen Apfel verwandelt, proklamierte: »Eva, iss deinen Apfel auf!«, statt ihn an Adam weiter zu geben. »Dieser Slogan sagt >Nein< zu religiösen Mythen, die von einer dominanten männlichen Sprache geschaffen wurden, aber auch zur aktuellen Situation in der Türkei, wo hunderte Frauen jedes Jahr von Männern getötet werden«, schildert Eğrikavuk ihre Motivation zu dieser Arbeit. Trotz Protest von YAMA und der Künstlerin blieb das Video abgeschaltet.

»Zensurmaßnahmen in den Künsten, in Akademien, im Journalismus und jeder Form von Sprache verbreitet sich immer weiter und wird immer mehr verinnerlicht. Ich bin aber auch sehr daran interessiert, wie wir als Künstler mit der Situation umgehen können. In den vergangenen drei Jahren gab es eindeutig einen Wechsel zum kollektiven Handeln«, stellte die Künstlerin, die auch als Journalistin arbeitet, damals fest, »doch generell erleben wir gerade sehr dunkle Zeiten.« Eğrikavuk antwortete gemeinsam mit ihren Studierenden in Form der Performance »A Fairytale on Benefits of An Apple« auf das Verbot.

Im Zuge dieses Verbots wurde bekannt, dass bereits Anfang 2016 das Hotel von der Polizei aufgefordert wurde, ein Video abzuschalten. Nun wurde die Fortführung des gesamten YAMA-Programms aufgrund von »visueller Verschmutzung« untersagt. Für Experten ist dieser Fall typisch für die Zensur in der Türkei, die das direkte Verbot meidet und gern andere Vorschriften nutzt, um kritische Kunst zu unterbinden. Es gibt zahlreiche weitere Fälle von Einflussnahmen durch die Behörden, Absagen von Ausstellungen bis zu Verhaftungen von Vertretern der Kulturszene.

Abb.: INDECLINE, The People's Prison, 2018, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

INDECLINE

Seit Donald Trump erfolgreich für das Präsidentenamt der USA kandidierte, hat er eine eigene Kunstströmung begründet. Sehr viele Kunstwerke entstehen als Protest gegen ihn und seine Politik. Eines der erfolgreichsten und bekanntesten war eine Aktion der Gruppe INDECLINE. Gleichzeitig stellte sie während des Wahlkampfs 2016 in New York City, San Francisco, Los Angeles, Cleveland und Seattle Skulpturen des republikanischen Kandidaten ohne Genehmigung der Behörden, also illegal, auf öffentlichen Plätzen auf. Inspiriert von Andersens »Des Kaisers neue Kleider« und um ihn vor seinen Wählern zu demaskieren, ließen sie Trump von der Künstlerin Joshua »Ginger« Monroe nackt darstellen. Die Aktion hieß »Der Kaiser hat keine Eier.« Obwohl die Statuen außer in San Francisco nach kurzer Zeit entfernt wurden, in Cleveland bereits nach 20 Minuten, erreichte die Aktion ein weltweites Medienecho. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten konnte sie jedoch nicht verhindern. So bleibt »Die sofortige Amtsenthebung von Donald Trump« Punkt 4 im 7-Punkte-Plan von INDECLINE, die seit 2001 mit Graffiti, Plakatwandveränderungen, Vandalismus und spektakulären Aktionen ihren politischen Protest zum Ausdruck bringen.

2018 mietete das Kollektiv eine 1.000-Dollar-Suite in Trumps New Yorker Hotel, um sie heimlich in ein Gefängnis für den Präsidenten zu verwandeln. »Wir waren durch die Russland-Untersuchungen inspiriert«, sagte ein Mitglied. »Wir wollten ihn in seiner eigenen Burg einkerkern.« Die Hotelpagen unterstützen unwissentlich die Aktion, indem sie die Taschen mit den Requisiten hinauftrugen. Die Gruppe verstaute alle Möbel aus der Suite in einem Nebenraum und verwandelte sie in eine Kammer aus blanken Betonwänden, in der eine Gefängniszelle stand. Darin saß ein Trump-Doppelgänger. Ringsum die Zelle hatten die INDECLINE-Mitglieder eine Ausstellung mit Porträts von amerikanischen Aktivistinnen und Revolutionären gehängt. »Trump ist das Gegenteil von dem, was Amerika großartig macht«, meinen sie. »So wollten wir ihn mit diesen Leuten umgeben. Das ist das Amerika, auf das wir stolz sind. Sie sind Teil der Geschichte, die uns inspiriert, und sie sind unsere Vorbilder in diesen turbulenten Zeiten.« Nachdem der Concierge informiert wurde, dass eine Reihe von Geschäftsgesprächen stattfinden würde, wurden ausgewählte Journalistinnen und Pressevertreter in diese radikale Kunstinstallation geführt. Vor Rückgabe des Schlüssels wurde das Hotelzimmer wieder in den Originalzustand zurückversetzt.

Abb.: Eugenio Merino, Always Stalin, 2019, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Eugenio Merino

Auch 40 Jahre nach Spaniens Übergang von der Diktatur zur Demokratie und dem Tod Francisco Francos 1975 ist die schmerzhafte Vergangenheit immer noch präsent und die historische Aufarbeitung hat kaum begonnen. 2007 ordnete der Premier Zapatero, dessen Großvater von Francos Streitkräften getötet wurde, die Entfernung öffentlicher Symbole wie Straßenschilder und Statuen an, die Franco ehren. Doch auch heute noch gibt es in Spanien zahlreiche Straßen, die dem Diktator und seinen Generälen gewidmet sind. Dagegen wurden unzählige Massengräber noch nicht geöffnet und die Opfer nie richtig begraben. 2010 begann ein bekannter Richter, die Verbrechen der Franco-Zeit zu untersuchen. Doch er wurde suspendiert.

Als EUGENIO MERINO 2012 seine Skulptur »Always Franco« erstmals auf der Madrider Kunstmesse ARCO zeigte, erzürnte das die Anhänger des Diktators. »Ich habe ihn in einen Kühlschrank gesteckt, weil ich dachte, er ist immer noch frisch, er ist immer noch in der Gesellschaft präsent«, sagt der Künstler über sein Werk. Die Francisco-Franco-Stiftung verklagte den Künstler, so dass er sich zwei Mal vor Gericht verantworten musste. »Diese Leute auf der linken Seite, die sich Künstler oder Schriftsteller nennen, haben ein sehr ernstes Problem«, sagte der Vizepräsident der Stiftung. »Sie wollen, dass wir glauben, dass die Geschichte anders war als in Wirklichkeit. Sie haben das Bedürfnis zu behaupten, dass die fast 40 Jahre des Francisco-Franco-Regimes schwarze Jahre waren, von Ausgrenzung und Verfolgung.« Doch die Gerichte urteilten, dass Merinos künstlerische Äußerungen legitim seien.

Merino hat noch zahlreiche weitere Diktatoren in den Kühlschrank gesteckt. Hier in der Ausstellung lagert, 30 Jahre nach dem Ende des Sozialismus Stalin im Kühlschrank. Vielleicht ist ja auch hier noch einiges frisch? Dass Diktaturen nicht der Vergangenheit angehören, zeigen auch Skulpturen Merinos mit autoritären Machthabern der Gegenwart. In »Punching Putin« wird der Kopf der »gelenkten« Demokratie Russlands zum Standboxsack. Möchte jemand mal zuhauen? In dem Paket »Toxic Trump« befindet sich eine hochgiftige Sendung: Der Kopf von Donald Trump.

Gemeinsam mit anderen gibt Merino auch das nicht-profitorientierte Kunstmagazin »Sublime« heraus. Vor einigen Jahren haben sie entschieden, dass es sich stärker mit politisch wichtigen Fragen der Zeit auseinandersetzen muss – gegen Neoliberalismus und Faschismus. Auf dem Titel der 1. Ausgabe 2018 prangt Trump. Auf seinem Basecap steht: Make political art great again! (Macht politische Kunst wieder groß!)

Abb.: Csaba Nemes, Occupy Monument, 2018, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Csaba Nemes

Eigentlich hatte Ungarns Premier Viktor Orbán angekündigt, mit den Kritikerinnen und Gegnern seiner Pläne eines Denkmals für die Opfer der Deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg reden zu wollen. Doch zwei Tage nach der für ihn erfolgreichen Parlamentswahl begannen am 8. April 2014 die Bauarbeiten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Freiheitsplatz in Budapest.

Im Zentrum des an einen griechischen Tempel erinnernden Ensembles wird der Erzengel Gabriel von einem Adler angegriffen. Die Protestierenden sehen darin eine Geschichtsfälschung, da Ungarn damals nicht so unschuldig war wie dieses Sinnbild vorgibt. Bereits vor der Besatzung war Ungarn Verbündeter Deutschlands im 2. Weltkrieg und hatte viele für Juden diskriminierende Gesetze eingeführt. 600.000 ungarische Jüdinnen und Juden wurden in deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet. »Hunderttausende Ungarn haben sich freiwillig an den Verbrechen beteiligt, weil sie Deutschlands Pläne unterstützten«, sagt Maria M. Kovács. Gemeinsam mit Gleichgesinnten aus Wissenschaft und Kunst hat sie die Gruppe Eleven Emlékmű (Living Memorial) gründete, die sich an den Protesten gegen dieses Denkmal beteiligte. Sie schufen ein Gegenmonument aus persönlichen Gegenständen und Fotos, um an die familiären Verluste während der deutschen Besatzung zu erinnern. Hier wurden viel mehr historische Grautöne sichtbar als bei der einfachen Metapher des angegriffenen Engels. Weiße Stühle wurden zum Symbol für die Initiative, die für alle offene Gespräche auf dem Freiheitsplatz organisierte: sich hinsetzen, um zu teilen und zu zuhören. »Mit ihrer Widerstandsfähigkeit wurde Living Memorial ein großartiges Beispiel für den Aufbau von Gemeinschaften mit dem Ziel, eine verantwortungsbewusste Zivilgesellschaft zu schaffen, die in der Lage ist, schwierige Themen zu diskutieren und aufzustehen, wenn die Menschenrechte bedroht sind«, schreibt die Budapester Kunstkritikerin Vanda Saraí.

Der Künstler CSABA NEMES war Teil dieser Gruppe und erinnert an die Aktionen in seiner Druckserie »Testimony of Democracy«. In seiner Gemäldeserie »Occupy Monument« stellt er sich das umstrittene Denkmal bereits vergessen und von Pflanzen umrankt vor. Tatsächlich ist es bis heute nicht offiziell eingeweiht worden. Er selbst sagt: »Ich habe jahrelang viel Energie in diesen Protest investiert, doch mir scheint Aktivismus in der illiberalen Demokratie nicht sehr gut zu funktionieren. Ich habe mich mehr dem institutionellen Rahmen zugewandt, um meine Gedanken auszudrücken.« Nemes’ Serie von Fotoübermalungen »Redirect« beschäftigt sich mit der Geschichte vom Erscheinen, Verschwinden und Wiedererscheinen von Denkmälern auf Budapests zentralen Plätzen in den vergangenen 100 Jahren.

Auch das Video »Let’s!«, gedreht im Ungarischen Nationalmuseum mit Bezügen zu Jean-Luc Godards »Die Außenseiterbande« (1964) und »Schimmernde Winde« (1969) von Miklós Jancsó, ist eine Aufforderung, aktiv die aktuelle Form der nationaler Kunstgeschichtsschreibung in Frage zu stellen.

Abb.: Tools for Action mit Tomás Espinosa, Signals, Resonating Revolutions, 2018, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Tools for Action

Der oberste Parteiführer ist gekommen, um die Erfolge des Orangenanbaus in Ungarn zu begutachten. Der kommunistische Staat soll so unabhängiger vom Welthandel werden. Doch die subtropischen Früchte gedeihen schlecht. Statt einer Apfelsine wird dem hohen Gast nun eine Zitrone präsentiert. Der Leiter des Experiments erklärt: »Das ist die neue ungarische Orange! Ein kleines bisschen gelb, ein kleines bisschen sauer, aber unsere!« Diese Szene stammt aus der Filmsatire »Der Zeuge« (Péter Bacsó, 1969), die in Ungarn lange Zeit verboten war. Sie karikierte treffend die Kluft zwischen kommunistischer Propaganda und Realität und ist ins kulturelle Gedächtnis Ungarns eingegangen. Ein Budapester Satiremagazin trägt den Namen »Ungarische Orange« und das Logo der Fidesz-Partei ist ebenfalls ein direkter Bezug auf diese Frucht.

Mit Demonstrationen wird in Ungarn jedes Jahr am 23. Oktober an den Beginn des Aufstands gegen die kommunistische Diktatur 1956 erinnert. 2012 kam es zu einem öffentlichen Wettstreit, wer die meisten Menschen mobilisieren kann: die Gefolgsleute Orbáns oder die für Pressefreiheit streitende Opposition? Gemeinsam mit weiteren Aktiven hatte Artúr van Balen sich entschieden, zu diesem Anlass die »Ungarische Orange« wieder zu beleben. Also bastelten sie eine riesige Aufblaszitrone, mit der sie zuerst zur Versammlung von Fidesz gingen. Die vornehmlich älteren Demonstranten reagierten aggressiver als erwartet, beschimpften die Gruppe um van Balen und zerstörten die Aufblasskulptur. Nach ihrem Rückzug reparierten die Aktivisten die Zitrone in einer Seitenstraße notdürftig und ging zur oppositionellen Demo, wo sie freudvoll und spielerisch aufgenommen wurden. »Die Erfahrung des 23. Oktober in Budapest zeigte mir wie emotional polarisiert und zerrissen Ungarn im Moment ist«, fasste van Balen seine Erinnerung zusammen.

Seither nutzt der Künstler mit seiner 2012 gegründeten Plattform TOOLS FOR ACTION Foundation* die spielerische und lustvolle Kunst der aufblasbaren Objekte als Interventionsmittel. Dabei wird mit neuen Formen von Versammlungen experimentiert und die politische Bedeutung von Gedenken untersucht. In der lange vorbereiteten und großangelegten Aktion »Spiegelbarrikade« bauten Menschen aus Dortmund 110 große Würfel aus Spiegelfolie, um 2016 gegen eine nationalsozialistische Großdemo kreativ und tanzend zu protestieren. Zum 100-jährigen Jubiläum der Novemberrevolution 1918 führten Artúr van Balen und Tomás Espinosa in Zusammenarbeit mit Kulturprojekte Berlin die Aktion »Signals, Resonating Revolutions« mit Leuchtobjekten durch. Ein Jahr später ebenfalls am 9. November werden sie eine Fortsetzung in Dresden durchführen (»Signals 3.0«). Im Fokus stehen die aktuellen Verwerfungen 30 Jahre nach dem Mauerfall und die Widersprüchlichkeit dieses deutschen Gedenktages, zu dem auch die judenfeindlichen Pogrome von 1938 gehören. Die hier gezeigten Signalleuchten werden in Dresden zum Einsatz kommen und laden zur Teilnahme ein. Können wir eine neue Form von Gedenken in Bezug auf den 9. November initiieren?

Abb.: Wen Yau, Wir sind das Volk! (homage to all peaceful revolutionaries), 2019, Foto: HALLE 14 | Walther Le Kon, 2019

Wen Yau

Mit großer Ausdauer haben die Menschen in Hongkong diesen Sommer 2019 den Protest gegen das geplante Gesetz, das erstmals Auslieferungen von Personen an China ermöglichen sollte, fortgesetzt. Ebenso unnachgiebig zeigt sich die Regierungschefin Carrie Lam, die erst nach unzähligen Massenprotesten, Blockaden und viel Gewalt ankündigte, das Gesetz zurückzunehmen. »Anstatt zu versuchen, durch Empathie und Verständnis die Lager zu versöhnen, versucht sie,« beschreibt der Hongkonger Autor Evan Fowler ihren Politikstil, »die Spaltung zu überwinden, indem sie alles unterdrückt, was nicht ins offizielle Narrativ passt. Ihre Ausübung der Macht auf solch hierarchische und diktatorische Art und Weise ist vielen Hongkongern fremd (…).«

Bereits seit 2011 und vor allem 2014 begehrte Hongkongs Jugend auf. Inspiriert durch die weltweite Occupy-Bewegung entzündete sich damals der Kampf um den Civic Square, der einst für Versammlungen geschaffen wurde, doch dann von den Regierenden abgeriegelt worden war. Aus der Besetzung entwickelte sich eine eigene dezentrale Bewegung, deren weltweites Markenzeichen der Regenschirm wurde. Wie viele Künstlerinnen und Künstler ist auch WEN YAU seit dieser Zeit bei den Protesten engagiert. Begonnen hatte es mit einer parodistischen Intervention gemeinsam mit Clara Cheung. Mit Plakaten wie »Ich bin gegen Occupy Central, weil sie mich nicht bezahlen.« versuchten sie Gegendemonstranten zu verwirren und zum Nachdenken zu bringen. Mit Gleichgesinnten sammelte sie Regenschirme und luden Passanten ein, ihre Gefühle zur Protestbewegung mit den Schirmen auszudrücken. Seit diesen Aktionen ist Wen Yau eng mit der Bewegung verbunden und schrieb ein Buch über Performancekunst und Aktivismus in Hongkong. Auch jetzt beteiligt sie sich wiederan den Protesten. Die hier gezeigte Installation versammeltaktuelle Poster, Flyer und Videos, die sie von befreundeten Kunstschaffenden und weiteren Aufständigen gesammelt hat.

Daraus entstand eine »Lennon Wall« wie sie derzeit an vielen Orten in Hongkong existiert. Der Name bezieht auf John Lennons gesungene Aufforderung »Imagine« und dient dazu Wünsche, Träume und Botschaften unter den Protestierenden auszutauschen. Es ist ein Bild für den unverwüstlichen und wendigen Geist des Widerstandes. »Es berührt mich sehr, dass die Stimmen aus Hongkong in Leipzig laut hörbar werden«, sagt die Künstlerin, die im Titel »Wir sind das Volk!« auch einen Bezug zu hiesigen Demokratiebewegungen herstellt. Am 7. November 2019 wird Wen Yau nach Leipzig kommen, um in einer Performance von der Entwicklung des Protests in Hongkong zu berichten.

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