DIE ENDEN DER FREIHEIT

Abb.: Eugenio Merino, Toxic Trump, 2017

7. September bis 7. Dezember 2019

Eröffnung: Samstag, 7. September 2019, 15 Uhr

Rundgang der SpinnereiGalerien: 7. & 8. September 2019

Öffnungszeiten: Di bis So, 11 bis 18 Uhr

Makoto Aida, Ines Doujak, Işıl Eğrikavuk, INDECLINE, Eugenio Merino, Csaba Nemes, Tools for Action, Wen Yau

[English Version]

at the end: W...T...F went WRRONNNNG?

Es scheint noch gar nicht so lang her zu sein, dass die Kunstwelt saturiert klagte: anything goes. Der avantgardistische Freiheitsdrang, alles dem Kunstgestus unterzuordnen, keine Autorität außerhalb ihrer eigenen Sphäre anzuerkennen, den Geschmack des Publikums mehr als nur zu ignorieren, hatte sich schon vor langem totgelaufen. Statt eine alternative Erzählung aufzubauen, verweigerte sich die Postmoderne jeder Erzählung: Kunst und Geschichte waren in ihrem Endstadium maximaler Freiheit angekommen. Beflügelt durch digitale, grenzenlose, hierarchiefreie Kommunikation hatte das Zeitalter der Demokratisierung, der Liberalisierung und Globalisierung alternativlos begonnen. 

disRUPT_tion

Diese einstige Gewissheit ist heute dahin. Die Tektonik der sozialen Gefühlsstrukturen ist in ihrem Fundament verrutscht. Die Gegenwart erscheint als permanenter Krisenzustand, als Verkehrung aller Werte. Auch die happy few, die privilegierten Gesellschaften der liberalisierten Weltgemeinschaft, sind nicht mehr intakt. Sie sind getrieben von Ängsten, vor allem der Angst, ihre Privilegien zu verlieren. Konsens und Solidargemeinschaft war gestern. Jede und jeder für sich! ... auch zu Lasten der Menschlichkeit. Allenthalben sieht man Freiheiten bedroht. Nichts dürfe mehr gesagt werden, meinen die einen. Die Einschränkung garantierter Rechte fürchten die anderen.

it’s TIME.. to GET {NERRRRRRRR-VOUS}? 

Ein Backlash des Autoritären hat die Demokratien erwischt. Zwischen 1994 und 2011 war Italiens Medienmogul Silvio Berlusconi vier Mal Ministerpräsident. Wladimir Putin lenkt seit 1999 Russlands Demokratie. Bereits 2000 beteiligte mit der FPÖ in Österreich eine rechtsradikale Partei an der Regierung. Nach dem Wahlsieg der Dänischen Volkspartei 2001 konnte die Minderheitsregierung in Kopenhagen 10 Jahre nur mit ihrer Duldung Politik machen. Seit 2003 ist Recep Tayyip Erdogan der starke Mann in der Türkei. 2018 baute er sie in eine auf ihn ausgerichtete Präsidialdemokratie um. 2010 wurde Viktor Orbán erneut Ministerpräsident Ungarns und schuf sich eine illiberale Demokratie nach dem Modell Putin. Der kulturell reaktionäre, wirtschaftlich liberale Premier Japans, Shinzo Abe, entdeckte 2012 soziale Medien als Mittel für verleumderische Angriffe auf politische Gegner und die Medienöffentlichkeit. Hongkongs Bürgerschaft und Jugend wehren sich seit Jahren gegen die Aushöhlung ihrer Freiheiten durch die chinesische Regierung. Mit dem Wahlsieg der PiS 2015 geriet die polnische Verfassung in die Krise. Im selben Jahr übernahm der Multimilliardär Donald Trump mit seinem verächtlichen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Gehabe die Republikaner und 2017 das mächtigste Amt der Welt. Die Basisfinnen, die Schwedendemokraten, die Dänische Volkspartei, das MoVimento 5 Stelle Italiens und die Alternative für Deutschland drehten den politischen Diskurs in Europa nach rechts und feiern damit Wahlerfolge. 2019 gelangte Jair Bolsonaro mit einer rassistischen, frauen-, schwulenfeindlichen Wahlkampagne ins Präsidentenamt Brasiliens.

Who...sssss NXT? {...} 

Der neue Populismus wendet sich gegen tatsächliche oder vermeintliche Eliten und gegen den mitunter falschen Konsens im politischen Alltag. Die Volksparteien sind nicht mehr Stimme des Volkes. Vox populi meldete sich in sozialen Medien selbst zu Wort. Nicht selten wird es hier asozial und düster: Trolle aus Fabriken, Shitstorms, Hassrede, Hetze, Filterblasen, Social Robots, Manipulation von Wählerstimmen. Letztendlich handelt es sich um eine Antipolitik, die auf Spaltung aus ist und soziale Fliehkräfte verstärkt. Ausgrenzender Spott, Provokation und Political Incorrectnes sind zu Waffen dieser Bewegungen geworden. Reflexhafte Empörungsrufe und Mahnung an demokratische und ethische Standards sind einkalkuliert. Gegen sie wird ausgerechnet die Religions- und Meinungsfreiheit ins Feld geführt. Man würde wohl dies und das noch sagen dürfen! Kultur und Kunst selbst sind in diesen Strudel geraten und wieder zum Streitfall geworden – genauso wie das Erinnern und Vergessen.

SoliiiiidaritiiiiIIIEE_LOST?

Die Schau stellt Künstlerinnen, Künstler und Gruppen vor, die sich gegen das Erstarken autoritärer Kräfte in ihren Ländern stemmen, auf die Straße gehen, sich am gesellschaftlichen Aushandlungsprozess beteiligen, die auf Gefahren hinweisen und ihrerseits provozieren. Welchen politischen und künstlerischen Einschränkungen sehen sie sich gegenüber? Wo gab es Fälle politischer Einflussnahme und Zensur? Wo gerieten Kunstschaffende selbst in Gefahr? Wie und mit wem solidarisieren sich die Künstlerinnen und Künstler? Wer solidarisiert sich mit ihnen? Welche Rezepte, die eigene Handlungsmacht zurückzugewinnen, kann die Kunst bieten? Ist es Zeit, dass Kunst politisch ... wieder politisch ... politischer wird? Oder ist es gar zu spät? Ist Flucht eine Alternative? Flucht wo hin oder in was? Letztendlich will das Projekt animieren, die eigene Handlungsmacht zu erkennen, zu sprechen, statt zu schweigen und den Dialog, statt die Konfrontation zu suchen.

Gefördert durch

ELMA PETRIDOU: TESTINGOURCOMMUNICATION

Abb.: Elma Petridou, Workshop: Do you know your enemy, 2017

 

7. bis 20. Oktober 2019

Seit Juli arbeitete die griechische Künstlerin Elma Petridou im Rahmen eines Künstleraustauschs mit der Partnerstadt Thessaloniki in Leipzig. Die Künstlerin schafft interaktive Werke, die die Betrachter*innen gezielt dazu einladen, an der Arbeit mitzuwirken und deren Darstellung bewusst zu verändern.

Zum Abschluss ihrer Residenz präsentiert Elma Petridou ihre in Leipzig entstandenen Werke in der HALLE 14. Die Ausstellungsgäste sind eingeladen auf Magnettafeln verschiedene Formen zu verschieben und Motive zu verändern. Die Künstlerin erzeugt lediglich ein Anfangs- und ein Schlussbild. In Zusammenarbeit mit dem Team der Kunstvermittlung bietet Elma Petridou während des Herbstrundgangs der SpinnereiGalerien zudem Workshops für verschiedene Altersgruppen an. In diesen legt die Künstlerin ihre persönliche Arbeitsweise offen. Die Teilnehmenden können sich in das interaktive Spiel der Künstlerin vertiefen und eigene 3-D-Objekte aus Papier gestalten.

Workshops

Samstag, 7. September 2019: 12.30 Uhr, 14 Uhr, 16 Uhr, 18 Uhr
Sonntag, 8. September 2019: 12.30 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr

Teilnehmeranzahl: max. 12 Personen
Anmeldung: vor oder während des Rundgangs möglich unter kunstvermittlungsØhalle14.org

Weitere Informationen auf unserer Webseite unter Ausstellung

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